Süddeutsche Zeitung

WM 2014 in Brasilien:Die Fußball-WM der Zylinderhüte

Die Show kann beginnen: 500 Millionen Fernsehzuschauer aus 200 Ländern werden am Samstag live dabei sein, wenn die Qualifikationsgruppen für die kommende WM ausgelost werden. Doch die Skepsis ist enorm: Schafft es Ausrichter Brasilien, die Stadien bis 2013 fertigzustellen?

Für die erste Show der WM 2014 in Brasilien dürfte so weit alles bereit sein. Das Wetter ist mitten im südamerikanischen Winter schön in Rio de Janeiro, wo am Samstag die Qualifikationsgruppen für die WM ausgelost werden. Auf Wunsch des Fußball-Weltverbandes Fifa wurde am Yachthafen Glória eine Bühne von 740 Quadratmetern aufgebaut - 30 Millionen Reáis wird das kosten, fast 20 Millionen Dollar, Bescheidenheit ist den Herren des Balles fremd.

Rios Stadtflughafen Santos Dumont wird vier Stunden lang gesperrt, damit keine Flugzeuge über all die Prominenten und Kameras donnern. Unklar ist bei dieser Premiere vorläufig nur, ob neben dem Fifa-Granden Joseph Blatter auch Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff in der Ehrenloge Platz nimmt - und wo der brasilianische Verbandsfürst Ricardo Teixeira untergebracht wird.

Teixeira war der Schwiegersohn von Blatters Vorgänger João Havelange und leitet jetzt das WM-Organisationskomitee, begleitet von chronischem Korruptionsverdacht. Seine Tochter Joana Havelange ist die Zeremonienmeisterin dieser ersten Veranstaltung, so bleibt alles in der Familie. Schöne Bilder will man liefern aus der Cidade Maravilhosa, der Wunderbaren Stadt, in Szene gesetzt von der Traumfabrik TV Globo.

Es singen unter anderem Ivete Sangalo und Daniel Jobim, natürlich auch Rios Hymne "Garota de Ipanema" von Jobims Großvater Tom. 175 Delegationen mit Nationaltrainern wie Spaniens Vicente del Bosque sind vertreten; Bundestrainer Joachim Löw bleibt zu Hause und schaut sich lieber die DFB-Pokalspiele an. Geschätzt 500 Millionen Fernsehzuschauer aus 200 Ländern sollen erleben, welche Mannschaften sich in den Vorrunden auf fünf Kontinenten begegnen.

203 Verbände bewerben sich in 824 Partien um 31 Startplätze, Gastgeber Brasilien ist gesetzt. 53 Uefa-Teams spielen in neun Gruppen um 13 Tickets. Afrikaner dürfen fünf Mannschaften schicken, der asiatische Verband (in dem Australien mitspielt) und die Südamerikaner (ohne Gastgeber Brasilien) jeweils vier oder fünf, Nord- und Mittelamerika/Karibik drei oder vier und der ozeanische Verband kein beziehungsweise ein Team.

Die Lose für die Erdteile ziehen verdiente Brasilianer: Trainerlegende Mário Zagallo (Nordamerika), der früher in Eindhoven, Barcelona, Mailand und Madrid treffende Ronaldo (Europa), Japans einstiger Coach Zico (Asien), der vormalige Außenläufer Cafu und Jungstürmer Neymar (Afrika) sowie Altstürmer Bebeto (Ozeanien).

Pelé darf nicht mitmachen, aber Staatschefin Rousseff hat ihn zum Ehrenbotschafter gemacht. O Rei, der König, wünscht sich eine Revanche für 1950, als Brasilien in Rios Maracanã gegen Uruguay verlor. Und er bittet, "dass das Volk glaubt", dass seine Heimat diese WM schon hinkriegen werde, denn da hatte es zuletzt Zweifel gegeben.

Der Teflon-Teixeira

Die Fifa schimpfte ein paar Mal sehr, wenn es um den Ausrichter ging. Es gebe weder Stadien, noch Flughäfen, noch ein Transportsystem, wetterte Generalsekretär Jêróme Valcke im April. Oberaufseher Blatter belehrte, dass das Turnier "morgen" sei, "und die Brasilianer denken, es ist übermorgen".

Tatsächlich begannen die Neubauten gelinde gesagt schleppend, obwohl der Konföderationen-Cup bereits im Juni 2013 ansteht. Das mythische Maracanã, in dem am 13. Juli das WM-Finale stattfindet, ist für die Generalrenovierung zwar seit einiger Zeit geschlossen. Nebenan wird ein ganzes Armenviertel weggeräumt, die Favela Mêtro, Menschenrechtler sind entsetzt. "Es handelt sich um eine Säuberung", klagt eine Nachbarschaftsaktivistin.

In São Paulo, wo es am 12. Juni 2014 losgehen soll, am brasilianischen Valentinstag, wurde wiederum so lange um die neue Arena des Klubs Corinthians gestritten, dass erst kürzlich die Schaufelbagger anrückten. São Paulo wäre als Standort beinahe ausgeschieden, aber Corinthians ist der Lieblingsklub des früheren Präsidenten Lula.

Auch kommt es manchem übertrieben vor, dass in zwölf Städten gespielt wird. Außer Rio und São Paulo machen Brasilia, Cuiabá, Curitiba, Fortaleza, Manaus, Belo Horizonte, Natal, Porto Alegre, Recife und Salvador mit, in einigen Fällen auf Wunsch mächtiger Provinzgouverneure. Absurd überlastete Flughäfen wie Rios Galeao und Guarulhos bei São Paulo müssen dringend modernisiert und erweitert werden. Mindestens 14 Milliarden Dollar will die boomende Nation investieren, allerdings fragen sich viele, wo das Geld herkommen soll.

Skandale gibt es reichlich. Im Rahmen einer umfangreichen Bestechungsaffäre sitzt auch ein vormaliger Transportminister im Gefängnis. Und Verbandspate Teixeira wird seit geraumer Zeit mit den bizarrsten Geschäften im Verbindung gebracht. "Ich will nicht sagen, dass das eine Mafia ist", sagte der frühere Torjäger und heutige Abgeordnete Romário, "aber in unserem Fußball bestimmt eine Bande mit Zylinderhüten." Eine parlamentarische Untersuchungskommission will ermitteln, mit welchen Winkelzügen und wie genau Teixeira an den WM-Gewinnen beteiligt ist, offenbar zu 50 Prozent.

Die Hausherren lässt die Kritik kalt, auf ausländische Einmischung reagiert Brasilien empfindlich. Die Fifa werde überraschende Fortschritte erkennen, verspricht Sportminister Orlando Silva. An Teixeira perlt jede Kritik wie gehabt ab wie an Teflon, aber vor dem Start der Auslosung haben Demonstranten eine Bitte: "Für eine WM des Volkes - raus mit Ricardo Teixeira."

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SZ vom 29.07.2011/koka
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