Süddeutsche Zeitung

Weltmeisterschaft und Doping:Großes Indianer-Ehrenwort!

Krasse Fehlentscheidungen der Schiedsrichter, nachgeholte Dopingkontrollen bei Costa Ricas Mannschaft: Der Fußball verkauft sich gerne als manipulationsfrei - doch wer glaubt, der Fußball sei sauber, der darf dasselbe von der Fifa glauben.

Von Thomas Kistner, Rio de Janeiro

Es gab jetzt viel Wirbel um Costa Rica. Nach dem Sieg über Italien baten die Kontrolleure gleich sieben Spieler zum Dopingtest, normal sind es zwei. Aber fünf Profis, gab die Fifa bekannt, waren vor der WM nicht greifbar, jetzt wurden sie beim Turnier nachgetestet. Groß war die Entrüstung nicht nur in Costa Rica, sie zog sich durch viele WM-Camps: Hat man die Teufelskerle da nicht mit einem bösen Verdacht befleckt?

Von Unfairness schrieb die Sportpresse, Torwart Navas sprach von Respektlosigkeit, der Verband rügte den Vorgang als "exzessiv". Und während die Fifa beteuerte, es handele sich nur um Routine, meldete sich einer vom Fach zu Wort. "Das passiert nur", dozierte Diego Maradona, "weil manche beunruhigt sind, dass Costa Rica in die nächste Runde zieht und nicht die Teams der großen Nationen, und die Sponsoren dann weniger zahlen."

Womöglich hat der alte Fuchs da einen richtigen Ansatz gewählt. Aber gewiss hat er den falschen Schluss gezogen. Was Sponsoren angeht, darf gewettet werden, dass sich die nichts weniger wünschen als einen Dopingfall. Weil der die schöne Show zerstört - und weil es die Milliardenparty mit dem größten aller Übel infiziert. Ein Übel, das im Fußball ausgerottet ist: der Zweifel. Selbst ein WM-Finale Kiribati gegen Botswana wäre besser als der Zweifel.

Es war Maradona, der für den letzten WM-Dopingfall gesorgt hatte. 1994 wurde sein Ephedrin-Cocktail entdeckt. Ist 20 Jahre her. Kein Wunder, dass jetzt alles kreischend aufflattert, wenn Costa Rica etwas genauer getestet wird. Denn: Doping im Spitzenfußball? Ist abgeschafft. Indianer-Ehrenwort! Gerade bei billigen Veranstaltungen wie einer Fußball-WM ist alles besenrein. Oder will jemand behaupten, die Dopingstatistik lügt?

Es gibt im Fußball, der heute ja eine größere Industrie ist als der ganze Olympiasport zusammen, ein paar Phänomene, die mit der Kraft der Logik nicht zu fassen sind. Dafür mit dem Glauben, der ja ohnehin viel besser passt zu einem Sport, der längst eine Religion geworden ist: Lebensmitte, Weltanschauung, was zum Hoffen, Fürchten, Erleuchten.

Was die Phänomene angeht: Da wäre zum Beispiel die Sache mit der Videoüberwachung. Die pflegt, zur Reinhaltung ihrer Wettkämpfe, heute jede Sportart, die nur einen Bruchteil dessen kassiert, was der Fußball absahnt. Auch Sackhüpfen, Topfklopfen und Gummitwist gehen bald dazu über. Aber der superreiche Fußball, der braucht das nicht. Seine Funktionäre wollen nämlich die Romantik bewahren, die jeder Schiedsrichterfehler mit sich bringt.

Ist es nicht herrlich, nicht der liebenswerteste Teil des Spiels, wenn Hunderte Millionen Menschen sehen können, dass die nicht gegebenen Tore von Mexiko, Bosnien und anderen regulär waren, so wie die nicht gegebenen Elfmeter für Portugal, Costa Rica, Iran oder Südkorea? Weil das die brutalstmögliche Art der Fußballromantik ist, darf man auch andere Motive dahinter vermuten. Solche, die den Regenten des Sports in den Kram passen. Es ist ja ein Kinderspiel, Profispiele zu manipulieren, solange Schiedsrichters Augenmaß entscheidet: Noch die größte Torheit vor den Augen von Millionen Fans geht als "Tatsachenentscheidung" durch. Heißt: Alles ist machbar, alles ist lenkbar.

Dass nun zum Thema Spielmanipulation der erste Gedankenreflex Richtung asiatische Wettmafia geht, ist falsch: Wettpaten wollen diskret kassieren, was in der Regel nur da gelingt, wo sich echter sportlicher Schaden in Grenzen hält. Jetzt wird enthüllt, dass Ghana von Betrügern kontaktiert wurde; es ging um Testspiele. Der Sport selbst manipuliert lieber große Entscheidungen: Titel, Abstieg, Nichtabstieg. In der Türkei wurde 2011 die halbe Saison verschoben. Italiens Fußball ging 2006 im Calciopoli-Sumpf unter. Spaniens Liga-Finale prägt der Endspurt von Teams mit betuchten Gönnern. Und hier ist nur von Europas Topklassen die Rede.

Phänomen Nummer zwei ist Doping. Das gibt es schon lange nicht mehr im Fußball, nicht auf Topniveau. Zwar ist der Spitzensport heute weitflächig pharmaverseucht, Fußball aber ist der Fels in der Brandung. Der Leuchtturm. Hier, wo die Akteure in 90 Minuten elf, zwölf Kilometer runterreißen, nicht joggend, sondern oft in kurzen und langen Spurts. Hier, wo ein stabiles Muskelkorsett braucht, wem der Gegner mit 30 km/h in die Parade prescht. Hier, wo es seit der WM 1954 starke Indizien und Belege für Doping gibt, wurde das Übel still zu Grabe getragen.

Juventus Turin betrieb eine Dopingapotheke

Das muss eine enorme Charakterleistung gewesen sein. Man braucht nur auf all die Fakten und Dopingbekenntnisse aus den vergangenen Jahrzehnten zu schauen. Das dominierende Team der Neunzigerjahre, Juventus Turin, betrieb eine Dopingapotheke, die vom Staatsanwalt als ausreichend zur Versorgung einer mittleren Kreisstadt klassifiziert wurde.

Spaniens Blutpfuscher Eufemiano Fuentes betreute und beriet allerlei erstklassige Spitzenklubs im Land der goldenen Kicker-Generation. Sogar seine Medikationsliste liegt vor, die aber Amtsrichter in Barcelona oder Madrid bei Prozessen auf keinen Fall sehen wollten. So, wie die königliche Justiz den Kundenkreis des Doktor Fuentes unter Verschluss hält, obwohl die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada seit 2006 um Herausgabe dieser Akten fleht.

Außerdem, das Wichtigste: Es ist leider so, dass Dopingtests nur exorzistischer Humbug sind - für jeden Profisportler mit pfiffigen Ärzten und ein bisserl Geld in der Tasche. Frag nach bei Armstrong, Ullrich, Marion Jones und Co.

Im Fußball kann man kontrollieren, wo und wen man will. Und wenn die Fifa Costa Rica nach der Partie testet, haben die Kicker nicht begriffen, dass ihnen da Gutes widerfährt (falls keiner Dummheiten gemacht hat). Gedopt wird ja fast nie vor dem Spiel, sondern im Training. Intelligente Tests zielen auf diese Zeit, wenn Kraft und Ausdauer getankt werden. Testet die Fifa intelligent? Befragt, ob sie bei der WM Zielkontrollen durchführe, hält sie sich voll bedeckt: "Angaben über individuelle unangekündigte Doping-Kontrollen können wir aus Vertraulichkeitsgründen nicht geben." Vertraulichkeit? Niemand will wissen, wer wann Objekt eines Zieltests wird. Es fragt ja auch niemand bei Lotto nach den Zahlen fürs Wochenende.

Die Fifa verzichtet jedenfalls darauf, per Androhung von Zielkontrollen für Unruhe in manchem Camp zu sorgen. Warum? Damit sie sich, wenn es keine Zieltests gibt, nicht anhören muss, gelogen zu haben?

Wer glaubt, der Fußball sei sauber, der darf dasselbe von der Fifa glauben.

Eine Frage bleibt am Ende: Warum teilen die Fußballärzte ihr tiefes Wissen nicht mit der Allgemeinheit? Sieht man, wie mancher 30-Jährige durch die WM-Arenen brettert, obwohl er als 20- bis 25-Jähriger kein Spiel zu Ende brachte, ohne dass der Muskel zwickte oder dichtmachte - dann stellt sich die Frage, warum mit dieser doch auch für die breite Menschheit segensreichen Heil- und Aufbaukunst so verdammt diskret umgegangen wird.

Mit der Logik kommt man der medizinischen, sprich: entscheidenden Seite dieser Milliardenindustrie so wenig bei wie mit Dopingtests. Dem gläubigen Fan ist es sowieso einerlei: Augen zu, und einfach feste daran glauben.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2012093
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 24.06.2014/schma
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.