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Wahl zum neuen DOSB-Präsidenten:Neuer Mann, neuer Ballast

Lesezeit: 4 min

Alfons Hörmann ist zum neuen DOSB-Chef gewählt worden, als Nachfolger von IOC-Präsident Thomas Bach. Viele hoffen auf einen Neuanfang. Doch der Kandidat schimpft über Olympia-Gegner, verharmlost das Dopingproblem - und schweigt zu Details eines Bußgeldverfahrens.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Wenn sich Alfons Hörmann, 53, vor dem großen Samstag äußerte, fielen oft Begriffe wie "Korrektur" oder "Prüfstand". Das vernehmen viele im deutschen Sport mit Wohlwollen. Dieser deutsche Sport hatte ja zuletzt sieben Jahre lang als Operationsbasis für die Ambitionen seines Frontmannes Thomas Bach gedient.

Bach hat sein Ziel, den IOC-Thron, nun erreicht, was national eine gute Kunde sein könnte: Es bietet die Chance für einen Neuanfang. Die Debattenkultur im Sport ist zuletzt arg verkümmert, mancher inhaltliche Aspekt blieb liegen. In der Dopingbekämpfung fühlt sich nun sogar die Bundespolitik berufen, eine schärfere Gangart vorzugeben.

Alfons Hörmann soll es jetzt richten.

An diesem Samstag hat die Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in Wiesbaden den Unternehmer, der seit acht Jahren Präsident des Deutschen Skiverbandes (DSV) ist, zum neuen Chef gewählt. Einen Mann, dem Macher-Qualität nachgesagt wird und die Fähigkeit, ein Kommunikator zu sein.

Einer, der nicht aus der klassischen Gremienarbeit kommt, eher von der Seite - nicht wenige monieren sogar, dass sie ihn nicht richtig kennen. Einer, der sich eher mit der Skisprungschanze in Füssen auskennt als in der Welt der Katarer und Kuwaiter. Aber auch einer, der vielleicht mehr entscheidet und weniger herumtaktiert als der Vorgänger. Lässt sich daraus Hoffnung schöpfen?

Dass das kaum einzuschätzen ist, liegt daran, dass sich ein Manko des Sports nicht abstellen lässt: das Defizit an Transparenz. Fakten schaffen die Funktionäre gern in Hinterzimmern, weshalb auch am Samstag die Wahl zwar so hieß, aber keine war. Es gab keinen Herausforderer. Zwei Konkurrenten machten den Weg für Hörmann in einem Sechs-Augen-Gespräch frei. Das war im Oktober.

Seither gab es einige merkwürdige Auftritte und Aussagen des Kandidaten. Echte Aufbruchsstimmung ist nicht zu spüren. Ins breite Rampenlicht trat der Kandidat am 10. November. Es war der Sonntag, als die Gegner von Winterspielen 2022 in München bei Bürgerentscheiden unerwartet deutliche Siege feierten. Hörmann, Chef des großen Skiverbandes, schmerzte das besonders. Wie er damit umging, war abends in einer Fernsehrunde beim BR zu bestaunen. In einem Mix aus Gekränktheit und Naivität attackierte er eine nebulöse "Fundamentalopposition gegen den Sport".

Und zu den vielgerügten Knebelverträgen, die das IOC den Städtekandidaten aufbürdet, behauptete er: Diese Darstellungen "waren, sind und bleiben falsch", sie seien gar "Denunzierung". Er sagte sogar, anders seien 'Großsportveranstaltungen sowohl in Form von WM als auch Olympia nicht ins Land' zu holen.

Da erhob selbst sein Mitstreiter, Münchens Oberbürgermeister Christian Ude, massiv Einspruch: Er habe den IOC-Veranstalter-Vertrag für die Winter-Bewerbung 2018 nur nach "schwierigen juristischen Gesprächen" unterzeichnet, zu klären war, "ob es überhaupt zulässig ist, so weitgehende Verpflichtungen einzugehen. Dass es an die Grenzen der kommunalen Selbstverwaltung ging, ist auch wahr."

Dass Hörmann mit seinem Olympia-Mitkombattanten Ude so explizit über Kreuz lag, nahm das erstaunte Publikum ebenso zur Kenntnis wie eine weitere luftige Behauptung: "Der Steuerzahler hätte nichts zu zahlen gehabt, weil wir mit besten Chancen angetreten wären, mit Olympia Geld zu verdienen." Wie diese Rechnung ausgesehen hätte, ist bis heute nicht bekannt.

"Naiv und entlarvend"

Tage vorm DOSB-Kongress der nächste Fauxpas. Mit der Nachrichtenagentur sid spricht Hörmann über den Anti-Doping-Kampf: Man könne die geringe Aufklärungsquote der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) auch so interpretieren, dass sich "deutsche Sportler das Risiko eines Dopingvergehens einfach nicht mehr leisten können". Dass dies zumindest blauäugig ist, zeigen (neben der Sport-Realität) wissenschaftlich belastbare Erhebungen, in denen sich nationale Kaderathleten - Voraussetzung: Anonymität - massenhaft als Fach- oder Gelegenheits-Doper bekennen.

Prompt rügten Experten den Einwand als "fatale Fehleinschätzung", "naiv und entlarvend" oder gar "blanken Unsinn". Der Sport muss sich fragen, was eine solche Positionierung der neuen Galionsfigur just im zentralen Zukunftsthema bedeutet: Am Dopingkampf hängen Glaubwürdigkeit und öffentliche Finanzierung.

Überdies sorgte in den letzten Tagen ein Thema für Turbulenzen, das die berufliche Seite des Kandidaten betrifft - vor allem dessen Zeit als Vorstandschef der Tondachziegel-Firma Creaton AG (bis 2010). Im Jahr 2008 verhängte das Bundeskartellamt eine Geldbuße über insgesamt 188 Millionen Euro gegen Unternehmen aus dieser Branche, aber auch gegen Einzelpersonen; auf die Firma Creaton allein entfiel der dickste Brocken, 66 Millionen Euro.

"Wettbewerbsbeschränkende Absprachen", lautete der Vorwurf. Das Amt hatte Insiderhinweise auf auffällige Preiserhöhungen bekommen. Der Fall ist bis heute nicht abgeschlossen: Manche erkannten die Vorwürfe an, andere legten Einspruch ein. Noch prüft die Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf, hieß es dort am Freitag, ob sie die Sache ans Oberlandesgericht übergibt. Bis Jahresende muss wegen der Verjährungsfristen entschieden werden.

Hörmann weist alle Vorwürfe zurück. Er sagt, er habe sich bei Creaton nie an Preisabsprachen beteiligt. "Ich habe seit fünf Jahren vom Verfahren nichts mehr gehört und hoffe, auch nichts mehr zu hören", teilte er zu Wochenbeginn der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit. Und Funktionärskollege Rainer Brechtken, Sprecher der Spitzenverbände, sagte jüngst im Deutschlandfunk, Hörmann vertrete die "klare Position, dass er nicht beteiligt war an irgendwelchen Absprachen".

Vielleicht hat der neue Sportchef in dem Verfahren aber doch eine bedeutendere Rolle. Denn es bleiben Fragen wie diese: Welche Rolle spielte Hörmann bei einem Verbandstreffen der Tondachziegel-Branche im Sommer 2006, bei dem laut Bundeskartellamt ein "Energiekostenzuschlag" beschlossen wurde?

Der SZ sagten damalige Teilnehmer, dass das Thema dort damals besprochen wurde. Wie hoch ist das Bußgeld gegen Hörmann selbst - liegt es bei den rund 145 000 Euro, wie es in informierten Kreisen heißt? Stimmt es, dass Hörmann erwägt, den Einspruch zurückzuziehen und so Fehlverhalten und Ordnungswidrigkeit anzuerkennen? Anfragen wie diese und auch zu anderen Aspekten ließ Hörmann konkret unbeantwortet; Aufklärungshilfe liefert er nicht.

Anrufe von irritierten Kollegen

Der deutsche Sport verfolgt das sensibel. Verbandschefs berichten von irritierten Anrufen ihrer Kollegen, Leichtathletik-Präsident Clemens Prokop sagt: "Wenn sich dies bestätigen würde, wäre das schon ein Ballast." Doch der DOSB hat Wege gefunden, mit der Situation umzugehen. Zum einen legte Hörmann der DOSB-Spitze schriftlich dar, wie der Sachverhalt aus seiner Sicht aussieht. Zudem ließ das Präsidium seinen "Corporate Governance Beauftragten", Arbeitgeber-Funktionär Jürgen Thumann, den Fall "prüfen".

Der kam zu dem Schluss, dass ein Bußgeldverfahren die Kandidatur nicht beeinträchtige. Grundlage für die Prüfung laut DOSB: "Herr Hörmann hat Herrn Thumann ausführlich schriftlich und mündlich über den Vorgang informiert." Wo sich Kartellamt und Generalstaatsanwaltschaft langwierige Verfahren leisten, regelt der DOSB alles recht flott per Austausch zwischen Präsidenten und externem Gutachter.

Und zwar weitreichend, wie der DOSB jüngst mitteilte: "Auch eine Ordnungswidrigkeit erlaubt es", so Herr Thumann, "Herrn Hörmann das Amt des DOSB-Präsidenten wahrzunehmen."

Für Novizen im Ehrenamt gilt gewöhnlich eine 100-Tage-Schonfrist. Bei Alfons Hörmann aber fragt sich in der Stunde Null schon mancher, wie lange die Ära des Hoffnungsträgers wohl andauert. Antwort: Zunächst nur bis Ende 2014. Dann wird der DOSB-Chef turnusgemäß erneut gewählt.

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Quelle:
SZ vom 7.12.2013/jkn
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