Süddeutsche Zeitung

Union Berlin:Fischers Suada

Unions Trainer erlebt nach dem 0:2 gegen starke Hoffenheimer einen ungewöhnlichen Wutanfall, der Boulevard kreischt "Krise" - doch noch stellt sich die Gesamtlage der Berliner nicht so schlimm dar, wie die Niederlagenserie vermuten lässt.

Von Javier Cáceres, Berlin

Vor einigen Jahren, in vorpandemischen Zeiten, kursierte im sogenannten Netz ein Video, das wahrlich Erschütterndes zeigte. Genauer: einen Mann, der auf einer verlassenen, blitzblank gefegten Straße und ohne jeden erkennbaren Anlass einfach eine leere Mülltonne umstieß. Das Dokument war versehen mit einer irreleitenden wie ebenso verlockenden Einladung zum Klick auf die Computer-Maus: "Schwere Ausschreitungen in der Schweiz".

Was das mit dem 0:2 des 1. FC Union Berlin gegen die TSG 1899 Hoffenheim vom Samstag zu tun hat? Es liefert eine Hilfe, um den Zorn von Union-Trainer Urs Fischer, einem Schweizer, zu kategorisieren. Er wütete in der Pressekonferenz im Stadion An der Alten Försterei wie ein Punk der 1970er Jahre in einer englischen Industriestadt. Für seine Verhältnisse jedenfalls. "Ich bin doch ein wenig angefressen", sagte er.

Der Grund für Fischers Suada ließ sich in der Darbietung Unions aus der ersten Halbzeit finden. "Das geht so nicht", sagte Fischer mit Bestimmtheit und monierte insbesondere die für Union atypische Körperlosigkeit in der Verteidigung, vor allem bei den Gegentoren. "Das war eine Nicht-Leistung", erklärte Fischer.

Der Coach nahm auch den schillerndsten Zugang des Sommers in Haftung: die vormalige Juventus-Legende Leonardo Bonucci, der sich bei beiden Toren der Hoffenheimer der Kollaboration mit dem Gegner schuldig gemacht hatte. Erst riss er im Strafraum den späteren Elfmeterschützen Andrej Kramaric um (21.). Dann leistete er freundliche Escort-Dienste für Maximilian Beier, der recht unbedrängt eine Hereingabe des Ex-Unioners Grischa Prömel ins Tor verlängern konnte (38.). Es war Fischer nur ein schwacher Trost, dass seine Mannschaft in der zweiten Halbzeit zu den sog. "Basics" zurückfand und sich eine Chance nach der anderen erspielte (und dann vergab). Dass also, anders gesprochen, Fischers Halbzeitansprache gefruchtet hatte. Sie muss es in sich gehabt haben: "Ich war laut. Ich glaube, die Worte kamen an", berichtete Fischer; er dachte nicht einmal ansatzweise daran, mildernde Umstände ins Feld zu führen.

Dabei hätte es sie gegeben. Union ist zurzeit durch Verletzungen massiv in seinem Kern getroffen, und das heißt: in seinen Abläufen gestört. Der in den vergangenen Jahren als unverzichtbar geltende Abwehrorganisator Robin Knoche fiel aus. Er wurde nun durch Bonucci ersetzt, der nicht nur 36 Jahre alt ist, sondern auch keine Saisonvorbereitung genossen und vor dem Champions-League-Spiel bei Real Madrid am vergangenen Mittwoch drei Monate lang nicht gespielt hatte. Nach dem defensiven Mittelfeldspieler Rani Khedira fiel am Samstag auch sein bislang überzeugender Ersatzmann Alex Kral verletzt aus - und musste den Platz an den Franzosen Lucas Tousart übergeben, der kein Instinkt-"Sechser" ist. Und dann war auch noch das emotionale Gefälle, das es zu verarbeiten gab.

Wettbewerbsübergreifend blickt Union auf vier Niederlagen in Serie zurück

Vor drei Tagen debütierte Union in der Königsklasse bei Real Madrid - ein Umstand, der den ganzen Klub in Wallung versetzt hatte und schließlich ein tragisches Finale fand, als durch ein Gegentor in der letzten Minute ein für unwahrscheinlich gehaltener Punkt verloren gegangen war. Körperlich freilich hatte die Visite in Madrid "überhaupt keine" Rolle gespielt, erklärte Fischer mit Verweis auf die zweite Halbzeit. "Ich darf von einem Profi schon auch erwarten, dass er auch mal zwei Spiele innerhalb von drei Tagen spielen kann."

Ganz grundsätzlich war Fischers Zorn glaubhaft auf die Spielweise aus den ersten 45 Minuten gemünzt - und nicht von Sorge über die Gesamtlage getragen, die vom Berliner Boulevard umgehend zu "Unions erster Bundesliga-Krise" erhoben wurde. Dieser Reflex war anhand der nackten Zahlen nachvollziehbar. Wettbewerbsübergreifend blickt Union auf vier Niederlagen in Serie zurück, eine in der bisherigen Bundesliga-Geschichte der Köpenicker nahezu beispiellose Kette von Negativerlebnissen. Letztmals hatte es derlei in der Aufstiegssaison 2019/20 gegeben. Andererseits: Gegen Leipzig, in Wolfsburg, bei Real Madrid und gegen dieses Hoffenheim, das am Samstag taktisch eine wirklich gute Leistung bot und auch durch Physis bestach, kann eine Mannschaft wie Union schon mal verlieren.

Und überhaupt: "Auch bei diesen Niederlagen waren Spiele mit dabei, wo wir's echt gut gemacht haben, wo wir's zum Teil sehr gut gemacht haben", erklärte Fischer, als er gefragt wurde, ob ihm die negative Dynamik Sorgen bereite. Bereits am Vorabend der Partie gegen die Hoffenheimer hatte Fischer darauf hingewiesen, dass man in Bezug auf das Saisonziel - 40 Punkte - weiterhin "im Rennen" sei. Und das gilt nach der Niederlage gegen Hoffenheim unverändert.

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