Süddeutsche Zeitung

Tischtennis:18 Matches, keins verloren

Die deutschen Tischtennis-Frauen holen ohne Satzverlust EM-Titel und Olympiaqualifikation. Das Männer-Team verpasst diese im ersten Versuch - zieht aus dem Turnier trotzdem wertvolle Lehren.

Von Ulrich Hartmann

Dürften deutsche Tischtennismänner bei einer Mannschafts-Europameisterschaft mit gleich zwei Dreierteams antreten, dann besäßen beide eine ausgezeichnete Medaillenchance. Freilich erlauben das die Regularien nicht. Eine deutsche Mannschaft mit Dimitrij Ovtcharov (Nummer neun der Weltrangliste), Dang Qiu (14) und Patrick Franziska (25) wäre jederzeit klarer Goldkandidat. Allerdings nutzte ausgerechnet dieses Trio die Zeit der Mannschafts-EM in Malmö vergangene Woche dazu, wegen Terminstress daheim am Bundesstützpunkt Düsseldorf unter der Leitung des Bundestrainers Jörg Roßkopf zu trainieren. Dies soll das Fundament legen für ein bedeutsames Tischtennisjahr 2024 mit Weltmeisterschaft und Olympischen Spielen.

Auch die stattdessen mit Benedikt Duda (Nummer 35 der Weltrangliste), Timo Boll (66), Ricardo Walther (75) und Kay Stumper (128) in Malmö angetretene deutsche Delegation erreichte wenig überraschend das Endspiel, verlor dieses allerdings am Sonntagabend mit Duda, Boll und Stumper 1:3 gegen die drei starken Schweden Truls Moregardh (9), Mattias Falck (20) und Kristian Karlsson (37). Damit ließ das deutsche Team zwar die erste Gelegenheit zur Zulassung für Olympia in Paris 2024 verstreichen, zeigte sich aber auch mit Silber zufrieden. Der als Trainer mitgereiste Lars Hielscher sagte: "Wir hatten zwar intern das Ziel Gold ausgegeben, aber es gibt in Europa so viele starke Teams, dass auch Silber ein Erfolg ist."

Es war nicht das erste Mal so, dass Teile der deutschen Nationalmannschaft die EM-Zeit für ein heimisches Trainingslager nutzten. 2021 fuhren Boll und Ovtcharov aus Gründen der Schonung nicht mit zur EM in Rumänien, den Titel dort holte Deutschland mit Duda, Franziska und Qiu im Finale gegen Russland trotzdem. Das blieb den Männern diesmal knapp versagt. Die nächste Chance zur Olympia-Qualifikation erhalten sie bei der Mannschafts-WM im Februar in Busan/Südkorea, dort genügt zu diesem Zweck der Einzug ins Viertelfinale.

"Unsere Teamleistung war während der gesamten EM überragend"

Die Teilnahme an WM und Olympia im kommenden Jahr stellt für den 42 Jahre alten Boll eine Herausforderung dar. Er muss sich gegen Ovtcharov, Qiu und Franziska behaupten. Nach wochenlanger Verletzungspause zu Beginn dieses Jahres zeigte er sich in Malmö in hoffnungsvoller Form und schlug unter anderem so starke Kontrahenten wie im Viertelfinale die Kroaten Tomislav Pucar und Andrej Gacina, im Halbfinale den Portugiesen Marcos Freitas und im Endspiel den Schweden Mattias Falck. Claudia Herweg, die Präsidentin des Deutschen Tischtennis-Bunds, findet: "Timo ist unglaublich!" Für das mit einer halben Million Dollar dotierte WTT-Champions-Turnier Anfang November in Frankfurt mit den besten Spielern aus der ganzen Welt erhielt Boll am Montag eine Wildcard.

Die Olympia-Qualifikation bereits sicher hat durch ihren neunten EM-Titel die deutschen Frauenmannschaft. Ying Han (Nummer zehn der Weltrangliste), Nina Mittelham (22), Xiaona Shan (34), Annett Kaufmann (49) und Sabine Winter (63) gewannen ihre sechs EM-Spiele allesamt mit 3:0 Spielen. Im Finale besiegten Han, Mittelham und Shan auch Rumänien unerwartet deutlich. Den Pokal schenkten sie hernach Präsidentin Herweg für ihre stete Unterstützung, diese bedankte sich mit großem Lob: "Ich bin sehr stolz auf dieses Team und das starke Ergebnis."

Die Frauen, im vergangenen Herbst in Chengdu in China bereits jubelnde WM-Bronze-Gewinnerinnen, holten in Malmö das insgesamt 51. deutsche Gold in der EM-Historie. Die für Meister Berlin Eastside in der Bundesliga spielende Nina Mittelham, vergangenes Jahr EM-Zweite bei der Individual-EM in München, zeigte sich ein bisschen überrascht, dass ihr Team in den sechs EM-Spielen tatsächlich kein einziges Match und in den insgesamt 18 Matches auch bloß sieben Sätze abgegeben hatte. "Das ist wirklich bemerkenswert", betonte die 26 Jahre alte Rheinländerin, "unsere Teamleistung war während der gesamten EM überragend." Die Hallenregie in der Malmö-Arena belohnte die deutschen Spielerinnen dafür mit den Gassenhauern "Oh, wie ist das schön" und "So ein Tag, so wunderschön wie heute".

Sportdirektor Richard Prause machte den Frauen "ein dickes Kompliment", zeigte sich aber "genauso stolz" auf das Männer-Team. "Wir haben gewusst, dass eine ganze Menge in dieser Mannschaft steckt - und sie hat uns nicht enttäuscht."

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