Süddeutsche Zeitung

Angelique Kerber:Das Ende einer inspirierenden Reise

Angelique Kerber verliert das Halbfinale gegen die Weltranglistenerste Ashleigh Barty 3:6, 6:7 - doch den Centre Court in Wimbledon kann sie erhobenen Hauptes verlassen.

Von Barbara Klimke

Verhangen war dieser Nachmittag, 20 Grad und grau; wegen der Wolken ließ der All England Club das Dach des Centre Courts vorsichtshalber schließen. Aber das Gras schimmerte grün, wo es nicht plattgetreten war, die Petunien blühten in den Klubfarben lila-weiß, und Wimbledon wird für Angelique Kerber weiterhin "ein magischer Ort" bleiben - auch wenn sie das sechste Spiel des diesjährigen Turniers, das Halbfinale gegen die Australierin Ashleigh Barty, nach großem Kampf 3:6, 6:7 (3) verlor.

Ein drittes Wimbledon-Finale wird es nicht geben für Kerber, 33, die 2018 auf diesem Court ihren größten Triumph hatte feiern können, zumindest nicht in diesem Sommer. Aber es war erneut eine inspirierende Erfahrung für die älteste Spielerin unter den letzten Vier. "Ich nehme diese Reise mit, die ich hier erleben durfte. Ich bin unglaublich stolz und dankbar", sagte sie - auch weil einige Skeptiker sie wohl schon abgeschrieben hätten.

Noch einmal hat sie alles hineingeworfen in dieses Duell, das 109. Rasen-Match ihrer Karriere: ihre Zähigkeit, Hartnäckigkeit, Wettkampfstärke, Leidenschaft und ihren Mumm; wahrscheinlich hätte sie den Bällen auch noch einen Kühlschrank übers Netz hinterher geschleudert, hätte es geholfen. Barty, 25, erklärte noch auf dem Platz, dass Kerber ihr "das beste Tennis abverlangte", zu dem sie fähig ist. In den wichtigen Momenten allerdings, das gab Kerber zu, vor allem im anschließenden Tiebreak, war die Australierin einen Schlag besser als sie.

Es war der erste Rasen-Zweikampf zwischen Barty, der aktuellen Nummer eins, und Kerber, die diese Spitzenposition 2016/2017 ebenfalls für eine Weile innehatte. Barty, die beste Aufschlägerin der Saison, hat 2021 drei Turniere gewonnen, mehr als jede Konkurrentin, und nach einem kleinen Doppelfehler gleich zu Beginn legte sie los: Schnell führte sie 3:0. Nur ein Break kassierte Kerber im ersten Satz, als sie einen Smash zu harmlos schlug, den Barty prompt zu einem Passierball die Linie entlang nutze. Kerbers nächster Überkopfball saß - aber weil sich beide erstaunlich wenig Fehler leisteten, war der Durchgang in 34 Minuten vorbei.

Kerber hat schon vor Jahren erkannt, dass ihre Karriere einem Wellenmuster folgt

Dann wurde das Duell so hochklassig, wie es einem Wimbledon-Halbfinale zweier Grand-Slam-Champions gebührt, auch weil Angelique Kerber nun ins Risiko ging. Im zweiten Satz baute sie ihre Führung zum 4:1 aus, indem sie in brenzliger Lage einen Sprint zum Netz und einen Stopp wagte. Doch selbst eine 5:2-Führung konnte sie nicht nutzen: Barty platzierte die Vorhandschläge mit cleverem Winkelspiel in jeder Ecke des Courts und glich aus zum 5:5. Wenn Kerber überhaupt nach einer Schwäche suchen muss an diesem Tag, dann im folgenden Tiebreak, in dem sie schnell 0:6 in Rückstand geriet und schließlich 3:7 verlor.

Doch Kerber ist als dreimalige Grand-Slam-Siegerin an einem Punkt angelangt, an dem sie niemandem mehr etwas beweisen muss. Sie hat schon vor Jahren erkannt, dass ihre Karriere einem Wellenmuster folgt, mit Höhen und Tiefen. Sie habe auch in den schweren Monaten zu Jahresbeginn nach den frühen Niederlagen in Melbourne und Paris an sich geglaubt, sagte sie nun, und der Glaube wurde belohnt.

In diesem Sommer spülte der Erfolg sie wieder nach oben: Zehn Matches nacheinander hatte sie bis zu diesem Halbfinale gewonnen. Der Pokal von Bad Homburg kürzlich war der erste, seit sie 2018 in Wimbledon die Venus-Rosewater-Schale entgegennahm.

In die Schale wird nun ein anderer Name eingraviert: Ashleigh Barty oder Karolina Pliskova; die Tschechin setzte sich gegen Alina Salabenka aus Belarus durch. Angelique Kerber hat den "magischen Ort" mit einem Lächeln verlassen: "Ich nehme das Selbstvertrauen mit", sagte sie.

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