Süddeutsche Zeitung

Belgien im Länderspiel gegen DFB:Der jüngste Nationaltrainer der Welt

Domenico Tedesco coacht seit sechs Wochen die belgische Nationalmannschaft, den nächsten deutschen Gegner. Seine wichtigste Aufgabe: anspruchsvolle Fußballer wie Kevin De Bruyne von sich zu überzeugen.

Von Christof Kneer, München

Einer, der dabei war und das auf gar keinen Fall laut sagen kann, hat die Geschichte mal entsprechend leise erzählt. Wie der ehemalige belgische Nationaltrainer Roberto Martinez eine Taktikeinheit auf dem Platz anordnete, wie er den Spielern ihre Positionen und ihre Abstände zuwies, wie er damit Spielsituationen simulierte. Und wie dann der Mittelfeldspieler Kevin De Bruyne etwa 50 Meter entfernt seinen Mitspielern in Hörweite sagte: Vergesst das, was der Trainer sagt. Ich sage euch, wie's geht.

Der Spanier Martinez, 49, ist kein Anfänger. Er hat einen tadellosen Leumund, seine belgische Nationalelf galt stets als ambitioniert und grundsätzlich gut gecoacht. Aber Martinez besaß und besitzt einen doppelten Nachteil: Er war als aktiver Spieler nie so gut wie der große Kevin De Bruyne. Und er ist nicht so berühmt wie De Bruynes Klubtrainer, Pep Guardiola.

Tedescos erstes Verdienst: die Erfindung des LuLu-Sturms

Die kleine Geschichte erzählt einiges über jene Branchenregeln, die in keinem Fachmagazin und keinem Taktikportal nachzuschlagen sind. Ob man das gut finden mag oder nicht, es ist so und wird immer so bleiben: Spieler machen Unterschiede. Ein Trainer, der schon große Titel gewonnen hat und/oder selbst ein großer Spieler war, hat es erst mal leichter in einer Mannschaftskabine. Er muss schon auch zeigen, dass er was kann, aber erst mal haben die Spieler das Gefühl, der Neue ist einer von ihnen.

Domenico Tedesco, 37, hat beim ASV Aichwald Fußball gespielt, in der Kreisliga A, und von da hat er den Sprung zum FV Zuffenhausen geschafft, in die Landesliga. Als Trainer hat er sogar einen Pokal gewonnen, mit diesem RB Leipzig in Deutschland. Aber ob das Kevin De Bruyne reichen würde, um ihn als Trainer zu akzeptieren?

Vor sechs Wochen hat Tedesco einen Vertrag als belgischer Nationaltrainer unterschrieben, am Wochenende hat er mit seiner Mannschaft einen makellosen Start in die EM-Qualifikation hingelegt. Mit 3:0 gewannen die Belgier in Schweden, dagegen hatte De Bruyne gar nichts einzuwenden. Und Tedesco ist gelungen, wovon jeder neue Trainer träumt: Er hat dem Boulevard einen Gefallen getan. Er hat all die Zeitungs- und Internetdichter dazu animiert, das Label vom "LuLu"-Sturm zu erfinden. Romelu Lukaku hat alle drei Tore erzielt, zwei davon wurden ihm direkt von Dodi Lukebakio aufgelegt, dem Flügelspieler von Hertha BSC. Mit Lukebakio in der Startelf hatte niemand gerechnet, er ist Tedescos erster eigener Akzent. Sollte es überhaupt noch nötig gewesen sein, dann hat Tedesco seine anspruchsvolle Mannschaft inklusive ihres hoch anspruchsvollen Mittelfeldspielers spätestens damit überzeugt.

An diesem Dienstagabend steht ein besonderes Spiel an für Tedesco. Mit seinen Belgiern kreuzt er in Köln auf, um die deutsche Nationalelf herauszufordern. Es ist nur ein Testspiel, aber für Tedesco geht es darum, sich vollends beliebt zu machen in seinem neuen Land. Bisher ist ihm das erstaunlich leicht gefallen, nicht nur wegen der LuLu-Tore in Schweden. Tedesco hat sein ohnehin verbindliches Wesen bereits gewinnbringend eingesetzt: Er ist schon viel rumgekommen im Land, er hat jeden belgischen Erstligisten mindestens einmal spielen sehen, sich mit dem U21-Trainer angefreundet und im Sportdirektor der A-Mannschaft, dem ehemals großen Spieler Franky Vercauteren, bereits einen Vertrauten gefunden.

Eine halbe Stunde nach dem Vorstellungsgespräch war dem Verband schon klar: Den wollen wir

Domenico Tedesco ist kein klassischer Nationaltrainer, aber gerade das ist es, was seine Geschichte interessant macht. Klassische Nationaltrainer in den Beneluxländern sind/waren Männer wie Dick Advocaat, Louis van Gaal oder Leo Beenhakker, die alles erlebt haben, überall schon waren und das meiste besser wissen. Tedesco hingegen ist zurzeit tatsächlich der jüngste Nationaltrainer der Welt: Mit seinen 37 Jahren verweist er die Kollegen Javier Cabrera (38, Bangladesch), Mohames Meraneh Hasan (38, Dschibuti) sowie Nesley Jean (38, Bahamas) auf die Plätze.

Du bist viel zu jung!, schrieb ein Freund zurück, als Tedesco ihm kürzlich erzählt hatte, dass ihn der Posten des belgischen Nationalcoaches reizen würde. Was weder Tedesco noch der Freund wussten: dass der belgische Verband genug hatte von seiner alternden "goldenen Generation", die bei der WM in Katar mehr mit internen Stimmungsschwankungen als mit ambitioniertem Turnierfußball beschäftigt war. Die Belgier wollten einen Umbruch mit einem jungen Coach, sie haben Tedesco erst auf eine Long- und dann auf eine Shortlist gesetzt und schließlich zum Vorstellungsgespräch geladen. Das Gespräch dauerte anderthalb Stunden, Tedesco kannte jeden belgischen U-19-Spieler und wusste auch schon, wie und mit welcher Systematik er die A-Mannschaft aufstellen würde. Er würde von ihnen hören, haben die Verbandsleute gesagt und ihn eine halbe Stunde nach dem Gespräch schon angerufen: Sie würden das gerne machen.

Tedesco ist ein junger Trainer, aber er war mal in Schalke und weiß deshalb längst, wie die Branche tickt. Als er den Job in Belgien übernahm, hat er erstmal alle Mitglieder des Mannschaftsrates in ihren Vereinen in Madrid, Mailand und Istanbul besucht, eine vertrauensbildende Maßnahme. Das wichtigste Gespräch hat er allerdings in Manchester geführt, mit Kevin De Bruyne.

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