Süddeutsche Zeitung

WM 2006:"Um Fragen zu vermeiden ..."

Wie der DFB und sein Vermarktungspartner vor der Vergabe der WM 2006 agierten - und ihre seltsamen Geschäfte hinterher offenbar zu verschleiern versuchten.

Von Jörg Schmitt und Ralf Wiegand

Wie kam die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland? Die Süddeutsche Zeitung und der Spiegel hatten am vergangenen Samstag über die Tricks der Sportrechtevermarkter aus dem untergegangenen Kosmos des Medien-Zaren Leo Kirch berichtet. Von dort flossen, etwa über die Agentur CWL, offenbar als Eishockey-Beratungshonorare getarnte Provisionen an Mitglieder des Fifa-Exekutiv-Komitees, die im Sommer 2000 über den Austragungsort der WM abstimmten. Die CWL hatte auch zu horrenden Preisen bereits im Frühjahr des Jahres 2000, vor dem WM-Entscheid, die Werberechte an zwei Spielen der DFB-Auswahl in Südkorea und Thailand erworben, die irgendwann einmal ausgetragen werden sollten - zum marktunüblich hohen Preis von je zwei Millionen Dollar pro Partie und direkt bei den Gastgeber-Verbänden. Auch die Fußball-Bosse dieser beiden Länder gehörten zum Kreis jener Fifa-Mitglieder, die über den Veranstaltungsort für 2006 abstimmen durften.

Dass diese zwei Länderspiele erst mehr als vier Jahre später stattfinden würden, im Advent des Jahres 2004, und wegen der Zeitverschiebung auch noch im deutschen Vormittagsprogramm übertragen werden mussten, störte die CWL beim Geschäftsabschluss damals nicht. Und: Tatsächlich wurden drei Partien gespielt, eine weitere in Japan, über die es aber keine Vereinbarung dieser Art gegeben hat - weil kein Japaner bei der WM-Vergabe stimmberechtigt war?

Normalerweise kauften die CWL (und später Infront) keine Werberechte direkt von ausländischen Verbänden ein, der Fall Thailand/Südkorea war von daher eine Ausnahme. Die Agentur kaufte beim DFB, an den die ausländischen Verbände die Rechte für den deutschen Markt in der Regel übertragen mussten. Der deutsche Verband verkaufte sie dann an seinen Vermarktungspartner weiter, der dann wiederum die Werbebanden, die im deutschen Fernsehen zu sehen waren, an Sponsoren verkaufen konnte.

Mit Thailand und Südkorea wurde anders verfahren, für diese Spiele kaufte die CWL die Rechte direkt bei den dortigen Verbänden ein - nur die Werberechte für Japan blieben noch beim DFB. Dass der Vorgang irgendwie seltsam ist, belegt nun ein weiteres Dokument aus jener Zeit. Der damalige Marketing-Direktor des Deutschen Fußball-Bundes, Horst Lichtner, schrieb im Oktober 2004, kurz vor der Asien-Reise des DFB, eine E-Mail an einen Manager der Agentur Infront, der Nachfolge-Firma der CWL: Nach Rücksprache mit dem Schatzmeister des Verbandes würde es doch "seltsam aussehen", wenn der DFB nur die Werberechte an dem Spiel gegen Japan habe. "Um Fragen in diesem Zusammenhang zu vermeiden und um zu vermeiden, dass sichtbar wird", dass Infront (vormals CWL) die Rechte an den Spielen in Thailand und Südkorea "bereits einige Jahre zuvor erworben" habe, schlug Lichtner vor, "offiziell" einfach alle drei Spiele "auf Basis des derzeitigen Vertrags" abzuhandeln. Also so, als ob der DFB die Rechte an allen drei Spielen habe und an Infront weitergebe.

Die E-Mail von Horst Lichtner wirft tatsächlich Fragen auf. Vor allem die, ob der frühe, üppig bezahlte Erwerb der Werberechte für die Spiele in Thailand und Südkorea, über den die CWL damals den DFB auch noch in Kenntnis setzte, nicht einzig und allein dem Zweck gedient haben könnten, das Wohlwollen der beiden asiatischen Verbände für die Abstimmung über die WM 2006 zu gewinnen. Später sollte dann aus der bereits vier Jahre zuvor getroffenen Vereinbarung offenbar ein gewöhnliches Geschäft gemacht werden.

"16 Jahre danach" habe er keine Erinnerung mehr an den Vorgang, antwortete Horst Lichtner, heute Generalsekretär des Internationalen Eishockey-Verbandes IIHF, auf eine entsprechende Anfrage. Er verstehe auch "die Schlussfolgerung und die Spekulation nicht". Der DFB beantwortete Fragen zu diesem Komplex nicht. Infront teilte mit, die erwähnte E-Mail von 2004 sei der Agentur "nicht bekannt", aber selbst wenn der Inhalt zutreffen würde, beträfe sie offensichtlich "einen Rechteerwerb vor der Gründung von Infront". Wenn dieser tatsächlich erfolgt wäre und wenn dieser für Infront fortgegolten hätte, wären die darin enthaltene Regelung "zu Lasten von Infront gegangen".

Für diesen Fall war in der Lichtner-Mail allerdings ein Ausgleich in Aussicht gestellt worden: Der DFB könne auf eine Provision für die Vermittlung neuer Werbepartner, konkret der Lufthansa und der Telekom, verzichten.

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