Süddeutsche Zeitung

Schwimm-WM:Dramatische Rettung

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Die Synchronschwimmerin Anita Alvarez wird während ihrer WM-Kür im Becken bewusstlos. Ihre Trainerin holt sie aus dem Wasser - und kritisiert danach die untätigen Sanitäter. Das Regelwerk wirft weitere Fragen auf.

Von Sebastian Winter, Budapest

Nach dem dramatischen Zwischenfall im Synchronschwimm-Wettbewerb bei den Weltmeisterschaften in Budapest rückt das Regelwerk des Schwimm-Weltverbandes Fina immer mehr in den Fokus. Die 25-jährige US-Amerikanerin Anita Alvarez war am Mittwoch während ihrer Solo-Kür bewusstlos auf den Grund gesunken und dann von ihrer spanischen Trainerin Andrea Fuentes, die in voller Montur ins Becken sprang, in einer beherzten Rettungsaktion wieder an die Wasseroberfläche gebracht worden. Danach brachten sie und ein Helfer Alvarez an den Beckenrand, wo sie von Sanitätern behandelt wurde.

Die teilweise verstörenden Bilder gingen um die Welt, Fuentes kritisierte die Sicherheitsvorkehrungen des Wettbewerbs und die Hilfskräfte tags darauf scharf. "Als ich sie sinken sah, schaute ich zu den Rettern rüber, aber ich sah, dass sie nur geglotzt und nicht reagiert haben", sagte Fuentes am Donnerstag der spanischen Zeitung As: "Ich glaube, sie hat mindestens zwei Minuten lang nicht geatmet, weil ihre Lungen voller Wasser waren", berichtete Fuentes. Anschließend habe ihr Schützling "das Wasser erbrochen, gehustet, und das war es. Aber es war ein großer Schreck."

Dem Fina-Reglement zufolge dürfen Rettungsschwimmer laut übereinstimmenden ungarischen Medienberichten nur nach Anweisung des Schiedsgerichts ins Becken springen - um Missverständnisse zu vermeiden, die zu einer Unterbrechung des Wettkampfs führen könnten.

Demnach habe es aber kein Signal des Schiedsgerichts an die Rettungsschwimmer gegeben, was Fuentes' Kritik untermauert. Die Sprecherin des Organisationskomitees, Zsuzsa Csisztu, erklärte gegenüber dem ungarischen Nachrichtenportal Telex, dass die Trainerin dem Becken am nächsten war und das Problem als Erste bemerkte. Während die Punktrichter noch damit beschäftigt waren, die Übung zu bewerten, sei sie dann in den Pool gesprungen.

Die Fina habe demnach eine Untersuchung eingeleitet, um zu prüfen, wie ähnliche Vorfälle verhindert werden können. Zumal Alvarez in der Vergangenheit bereits mehrfach bewusstlos geworden war, unter anderem bei einem olympischen Qualifikationswettkampf in Barcelona im vergangenen Jahr. Die deutsche Synchronschwimmerin Marlene Bojer, die in Barcelona und nun auch in Budapest am Start war, sagte der SZ: "Ähnlich wie damals hat Anita ihre Übung noch fertiggebracht, mit einer letzten Arm- und Beinbewegung, danach ist sie nicht mehr hochgekommen. Die Trainer wissen am besten, in welchem Stadium die Choreografie ist, und können daher auch am schnellsten reagieren. Aber natürlich sollte der erste Retter, der das Problem erkennt, nicht auf etwas warten müssen. Dafür sind ja die Lifeguards da, dass sie reinspringen."

Die Fina ist dem Vernehmen nach zugleich nicht sehr glücklich darüber, dass mit Alvarez eine Athletin an den Start gegangen ist, die wiederholt im Wasser bewusstlos geworden ist. Auch hier laufen die Debatten gerade erst an.

Am Beckenrand waren nach Alvarez' Rettung all ihre Vitalfunktionen überprüft worden, die US-Amerikanerin war dann wieder zu sich gekommen; der US-Verband teilte am Donnerstag auf Instagram mit: "Anita geht es schon viel besser und ruht sich den restlichen Tag aus. Sie wird fortlaufend von unseren Medizinern untersucht." Der Verband ließ gar offen, ob Alvarez im Team-Wettbewerb am Freitagnachmittag an den Start geht, "das bestimmen letztlich Anita und die Mediziner".

Synchronschwimmen verbindet Elemente wie Turnen, Tanz, Ballett und Schwimmen - am Beckenrand, über und unter Wasser. Es zeichnet sich auch durch lange Tauchphasen aus, in denen Drehungen, Schrauben und komplizierte andere Elemente unter höchsten Anstrengungen und mit aufkommender Luftnot gezeigt werden müssen. In einer dieser Tauchphasen hatte sich Alvarez befunden, ganz am Ende ihrer Kür, als sie dann bewusstlos wurde.

Bundestrainerin Doris Ramadan sagte auf SZ-Nachfrage: "Die Sauerstoffschuld ist extrem hoch in unserem Sport, das kann passieren. Anita ist einfach über ihre Grenzen hinausgegangen."

Die Frage ist nun, ob man die Grenzen nicht verschieben sollte - hin zu verträglicheren Kürprogrammen für die Athletinnen (und Athleten, die im Mixed starten). Und wann die Fina den Passus aus ihren Regeln streicht, dass Retter erst retten dürfen, wenn sie grünes Licht bekommen.

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