Süddeutsche Zeitung

Wechsel in die Premier League:Groß werden in England

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13 Spieler wechselten im Sommer von der Bundesliga in die Premier League. Doch der Insel-Traum stellt sich für manchen als zu ambitioniert heraus - trotz der Erfolge in Deutschland.

Kommentar von Felix Haselsteiner

Pascal Groß hat auch in dieser Saison schon wieder an seinem Legendenstatus gearbeitet. Drei Tore hat der 31-Jährige für Brighton & Hove Albion bereits erzielt, zwei beim 2:0 gegen Manchester United, eines beim 1:0 gegen West Ham. Das ergab allein durch Groß-Tore sechs Punkte für den Mittelklasseklub, der sich auf einmal auf dem vierten Platz der Premier-League-Tabelle wiederfindet. Nicht zuletzt wegen Pascal Groß, der seit sechs Jahren Stammspieler in Brighton ist - und ein Paradebeispiel dafür, dass sich Wechsel aus der Bundesliga in die Premier League lohnen können.

Als Groß 2017 für rund drei Millionen Euro vom damaligen Erstligisten FC Ingolstadt nach England wechselte, konnte man ihn zur Erfüllung seines Traums vom internationalen Fußball beglückwünschen. Eine bedeutende Rolle in Brighton trauten ihm aber die wenigsten zu. Vielmehr, so lauteten die Prognosen, werde sich Groß bald auf der langen Liste jener Spieler wiederfinden, deren Insel-Traum sich als zu groß herausgestellt hatte oder die dem Lockruf des britischen Gehaltsniveaus folgten, ohne über die sportlichen Konsequenzen nachzudenken.

Insgesamt 148 Transfers (ohne Leihgeschäfte) von der Bundesliga in die Premier League listet das Portal Transfermarkt.de inzwischen auf. Eine auffällige Häufung gibt es seit etwa zehn Jahren: Allein seit 2012 wechselten 86 Spieler aus Deutschland in die Premier League, mehr als in den 18 Jahren zuvor, seit Steffen Karl 1994 als erster Spieler von Borussia Dortmund zu Manchester City abwanderte.

Unter diesen 148 Spielern finden sich große Namen, kleine Namen - und kleine Namen, von denen man mal dachte, sie könnten zu großen werden. Unterteilen ließe sich die Gesamtübersicht grob in drei Kategorien: Erstens etwas überraschende Transfers ohne große Erwartungen, denen meist nicht allzu viel Spielzeit auf der Insel folgte - mit Ausreißern nach oben. Zweitens gute Bundesligaspieler, die in England zumeist eher mäßigen Erfolg hatten. Und drittens Ausnahmekönner der Bundesliga, die in England zuletzt auffällig häufig bleibenden positiven Eindruck hinterlassen haben.

Topspieler wie Haaland, Havertz, Gündogan schlagen ein

Zu ersterer Kategorie zählen Spieler wie der ehemalige Schalker Max Meyer, der 2018 zu Crystal Palace wechselte, sich dort nie durchsetzen konnte und nach einer Odyssee inzwischen im besten Fußballalter von 26 Jahren beim FC Luzern gelandet ist. Ähnliches trifft auf Erik Durm zu, Weltmeister von 2014 und mittlerweile in Kaiserslautern im Dienst, der sich ein erfolgloses Jahr lang bei Huddersfield ausprobierte. Zugleich gibt es eben auch die Ausreißer, die in England überraschend gut zurechtkamen - wie Groß in Brighton und Christian Fuchs, der 2015 mehr oder weniger aus Schalke fortgejagt wurde, um über Jahre ein beliebter Stammspieler bei Leicester City und dort sogar Meister zu werden.

Mäßigen Erfolg hatten vor allem diejenigen Spieler, die nach Bundesliga-Erfolgen mit großen Erwartungen den "nächsten Karriereschritt" machen wollten: Wout Weghorst etwa, zuvor Torgarant in Wolfsburg, kam nach seinem Wechsel im Januar beim FC Burnley nicht zurecht, stieg ab und wechselte nun zu Besiktas Istanbul. André Schürrle und Lewis Holtby bereuten ihre ambitionierten Wechsel zum FC Chelsea und Tottenham Hotspur ebenfalls, Timo Werner ist soeben aus London wieder nach Leipzig zurückgekehrt.

Auffällig ist, dass die wirklich herausragenden Bundesliga-Spieler sich in der Premier League durchsetzen können, vor allem unter der Regie deutscher Trainer: Kai Havertz hat seine Rolle bei Chelsea gefunden, Ilkay Gündogan wurde zuletzt Kapitän bei Manchester City, Joel Matip ist Stammspieler in Liverpool. Und an Topstürmer Erling Haalands Inseleignung zweifelte ohnehin fast niemand - zu Recht, wie er am Mittwochabend beim 6:0 gegen Nottingham Forest mit seinem zweiten Hattrick innerhalb einer Woche für ManCity unter Beweis stellte. Der Norweger bricht auch in England, wie bei all seinen Klubs zuvor, gleich mal wuchtig Tor-Startrekorde.

Dass die Premier League in der Spitze inzwischen sowohl auf den Trainerbänken als auch auf den Spielfeldern so stark von der Bundesliga geprägt ist wie noch nie zuvor, ist ein Erfolg für die Exportnation Deutschland, die sich über den Status als Zulieferer nicht ärgern sollte - um mit den superreichen Engländern mitzuhalten, fehlen ohnehin die Mittel.

Und was wohl aus jenen 13 Spielern wird, die nun in diesem Sommer über den Ärmelkanal zogen? Taiwo Awoniyi (von Union Berlin zu Nottingham), Tyler Adams (von Leipzig zu Leeds) oder Kevin Mbabu (von Wolfsburg zu Fulham) könnten bei Gelegenheit Pascal Groß um Ratschläge bitten - wenn er nicht gerade Tore gegen sie schießt.

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