Süddeutsche Zeitung

Präsidentschaftskandidat Reinhard Grindel:Aufbrausender Machtmensch für den DFB

Reinhard Grindel dürfte der neue starke Mann des deutschen Fußballs werden. Der CDU-Mann ist umstritten - seine Nominierung ist auch eine Kampfansage der Amateure.

Vor der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in Frankfurt sind ein paar Parkplätze für die Würdenträger des Hauses reserviert. Ganz rechts, in der Nähe des Eingangs, darf der Präsident seinen Wagen abstellen, dann der Schatzmeister, der Generalsekretär und so weiter. Wenn die kommenden Wochen nach dem Willen der Amateurvertreter im DFB verlaufen, dann muss sich Reinhard Grindel bald daran gewöhnen, ein paar Meter weiter rechts als bisher üblich zu parken: Der Schatzmeister soll zum Präsidenten aufsteigen.

Am Dienstagmittag versammelten sich die Regional- und Landesverbände etwas mehr als zweieinhalb Stunden lang in Hannover. Danach verkündete ihr Frontmann Rainer Koch das, was sich zuletzt schon abgezeichnet hatte: Er selbst verzichtet auf eine Kandidatur, das Amateurlager schlägt einstimmig Grindel, 54, als Nachfolger von Wolfgang Niersbach vor. "So schnell wie möglich" soll es einen außerordentlichen Bundestag geben, um den CDU-Bundestagsabgeordneten zu küren.

Rauball warnt vor Alleingang

Das ist ein eindeutiges Votum - aber auch eine Kampfansage an die Vertreter des Profilagers im DFB. Hartnäckig hatte Liga-Chef Reinhard Rauball, der mit Koch gerade interimistisch die Verbandsgeschäfte führt, in den vergangenen Tagen dafür geworben, erst einmal die Aufklärung der WM-Affäre zu forcieren und eine Strukturdebatte voranzutreiben - und sich erst später um Personalfragen zu kümmern. Es reiche nicht, einen Kopf durch den anderen zu ersetzen, so lautete sein Credo. Noch kurz vor dem Treffen in Hannover warnte er die Amateure vor einem Alleingang.

Koch wies zurück, dass es sich bei Grindels Nominierung um eben diesen Alleingang handele. "Wir machen in dieser Minute nur einen Vorschlag", sagte er formal korrekt. Am Freitag kommt das komplette Präsidium zusammen, um das weitere Vorgehen zu beraten. Doch de facto dürfte der Vorschlag die Vorentscheidung sein: Die Amateurvertreter haben im Präsidium und beim Wahlkongress die Stimmen-Mehrheit. Eventuell nötige Strukturfragen wollen sie bis zum ordentlichen Bundestag im Herbst 2016 erörtern.

Zumindest die Idee eines hauptamtlichen Chefs wäre mit Grindel wohl schon mal vom Tisch. Der will den Job ehrenamtlich ausüben, wobei ihm als DFB-Präsident eine Aufwandsentschädigung zusteht; bei seinem Vorgänger Niersbach betrug sie dem Vernehmen nach etwa 80 000 Euro. Sein Mandat als Parlamentarier werde er für den Fall seiner Wahl niederlegen, bestätigte Grindel am Dienstag.

Nun stellt sich die Frage, ob und wie die Liga reagiert. Von den drei Präsidenten, die dem DFB in den vergangenen 15 Jahren vorstanden, waren zwei (Gerhard Mayer-Vorfelder, Wolfgang Niersbach) dem Profilager zuzuordnen, Theo Zwanziger eher den Amateuren. Viele Vertreter des Profibetriebs kennen Grindel nicht einmal richtig. Dass sie einen Gegenkandidaten präsentieren, ist aber unwahrscheinlich. Liga-Chef Rauball selbst lehnte mit dem Hinweis ab, es passe nicht in seine "Lebensplanung". Ein anderer Bewerber ist nicht in Sicht. Die Profis wissen, dass sie beim Bundestag keine Mehrheit haben.

Grindel ist nicht unumstritten

Unabhängig von den Überlegungen der Liga ist es durchaus erstaunlich, dass die Amateure ausgerechnet in Grindel ihren Vertreter sehen. Denn anders als viele seiner Kollegen, die am Dienstag in Hannover um ihn herumsaßen, ist der 54-Jährige noch nicht lange in den Fußballgremien aktiv. Zunächst war er Journalist, zuletzt Studioleiter fürs ZDF in Berlin und Brüssel. Als CDU-nah galt er schon damals, bereits mit 16 Jahren war er in die Union eingetreten. 2002 wechselte er die Seiten und zog erstmals in den Bundestag ein.

Sein erstes richtiges Amt im Fußball übernahm der Rotenburger im Jahr 2011 als Vizepräsident des Niedersächsischen Verbandes, schon 2013 stieg er zum Schatzmeister des DFB auf. Seine Kür zum Favoriten der Amateure hat wohl auch damit zu tun, dass es keine richtige Alternative gibt. Und dass mancher Landesfürst hofft, Grindels politischer Hintergrund könnte beim Lösen der WM-Affäre noch von Nutzen sein.

Grindel will alles im Griff haben

Der CDU-Mann ist aber, vorsichtig formuliert, eine nicht unumstrittene Person. Weggefährten sowohl aus seiner journalistischen als auch aus seiner parlamentarischen Zeit beschreiben ihn als karriereorientierten Machtmenschen. Grindel gilt als jemand, der griffig formulieren kann, der aber gerne alles im Griff haben will und schnell fordernd bis aufbrausend wird.

Während seiner Abgeordnetenzeit gab es manch poltrigen Auftritt. Zu Beginn erwarb er sich als CDU-Innenexperte einen Ruf, den der Begriff "Hardliner" durchaus trifft. Im vergangenen Wahlkampf beschwerte er sich beim NDR-Intendanten Lutz Marmor über einen Beitrag, der seinen sozialdemokratischen Wahlkreis-Gegner in den Mittelpunkt gerückt hatte. Und seit 2013 gibt es einen gravierenden Interessenskonflikt: Da stieg er nahezu zeitgleich zum DFB-Schatzmeister und zum sportpolitischen Frontmann der Union auf - für viele eine unhaltbare Konstellation. Allerdings half er auch, das Anti-Doping-Gesetz in seiner Fraktion durchzusetzen.

Zuletzt tauchte gar ein von den DFB-Verantwortlichen Wolfgang Niersbach und Helmut Sandrock unterzeichneter Brief auf, in dem es heißt: "Zwischen den Unterzeichnern und Reinhard Grindel ist zudem vereinbart, dass er zukünftig parteipolitisch umstrittene Themenfelder nicht in den Mittelpunkt seiner politischen Arbeit stellen wird, sondern sich vielmehr sportpolitischen Fragestellungen zuwenden wird." Es wäre heikel, wenn ein Sportverband einem Abgeordneten die Arbeitsfelder diktiert. Grindel bestreitet strikt, dass es eine derartige Vereinbarung gibt.

Aber nicht nur wegen dieser Geschichte diskutiert die Fußball-Republik nun zunehmend aufgeregt, ob Reinhard Grindel wirklich der Mann ist, der den DFB aus der schwersten Krise seiner Geschichte führen kann.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2741327
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 18.11.2015/tbr
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.