Süddeutsche Zeitung

Olympische Spiele:Stoff aus Peking

IOC-Präsident Thomas Bach überrascht mit der Ankündigung, Impfdosen aus China für Olympia-Starter zu kaufen. Die Ausrichter der kommenden Sommerspiele in Tokio bringt das in eine unangenehme Position.

Von Thomas Hahn, Tokio

Präsident Thomas Bach begann den zweiten Tag der 137. IOC-Session mit einer guten Nachricht. Genauer gesagt mit einer Nachricht, deren tieferen Gehalt bei dieser Online-Mitgliederversammlung des Internationalen Olympischen Komitees sicher niemand hinterfragen würde. Die Nachricht lautete: Chinas Olympisches Komitee hat in Aussicht gestellt, Coronavirus-Impfstoff für die Teilnehmer der Spiele in Tokio diesen Sommer und der Winterspiele 2022 in Peking zu liefern. Bach sprach von einem "freundlichen Angebot", das auf Kosten des IOC an willige Abnehmer herangetragen werden könne. Für ihn zeigte der Akt die Kräfte der olympischen Familie. Man mag sich, man impft sich gegenseitig. So kriegt man auch in der Pandemie tolle Olympische Spiele hin. Das war die Botschaft.

Chinas Parteidiktatur betreibt schon seit geraumer Zeit Impf-Diplomatie. Sie spendet und exportiert Vakzine in alle Welt, vor allem in ärmere Länder. Dass sie das aus reiner Menschlichkeit tut, darf man bezweifeln. China braucht Freunde in diesen Zeiten, in denen das Riesenreich selbstbewusster denn je seine Weltmachtansprüche geltend macht. Nun soll sich also auch die Sportwelt mit chinesischem Impfstoff stärken. Ein naheliegender Zug aus Chinas Sicht. Aber ob er wirklich nur Wohlbehagen verbreitet?

Am Donnerstag brachte er die Veranstalter der nächsten Sommerspiele jedenfalls in eine unangenehme Position. Denn Japan hat keinen eigenen Impfstoff. Das nationale Impfprogramm hat erst im Februar für medizinisches Personal begonnen. Toshiro Muto, der Geschäftsführer des Tokioter Spiele-Organisationskomitees Tocog, musste nun einräumen, dass Japans Regierung noch keinen genauen Zeitplan für die Normalbevölkerung hat. Die politischen Beziehungen zu China sind nicht besonders gut. Die Rivalität ist groß. Es heißt sogar, in Japan sei man auch deshalb so entschlossen, trotz Pandemie die Sommerspiele durchzuziehen, weil man nicht tatenlos zusehen möchte, wie wenige Monate später die Chinesen ihre Winterspiele feiern. Dass Medizin vom großen Nachbarn zur Rettung der Party in Tokio beitragen soll, sieht man in Japan möglicherweise kritisch - und zwar nicht nur wegen der Frage, ob man Sportlerinnen und Sportler überhaupt bevorzugt impfen sollte.

Außerdem plagen sich Tocog und die japanische Regierung weiterhin sehr mit der Ausrichtung der Olympischen Spiele ab 23. Juli und der Paralympics ab 24. August. Die moralische Krise nach sexistischen Aussagen des Ex-Tocog-Chefs Yoshiro Mori ist immerhin ausgestanden, seit die frühere Olympia-Athletin Seiko Hashimoto dessen Präsidentschaft übernommen hat. Aber die nächsten schwierigen Entscheidungen stehen bevor. Es sind nur noch knapp fünf Monate bis Olympia und es wird immer offensichtlicher, dass die pandemischen Spiele kein echtes Weltsportfest werden.

Vor der IOC-Session berichtete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo mit Verweis auf informierte Kreise, dass die japanische Regierung mittlerweile beschlossen habe, zum Infektionsschutz der Bevölkerung im Sommer keine ausländischen Olympia- und Paralympics-Zuschauer ins Land zu lassen. Thomas Bach brachte das am Mittwoch, dem Tag seiner Wiederwahl, in Erklärungsnot. Er wehrte diese mit Allgemeinplätzen ab. Tatsächlich ist die Entscheidung noch nicht offiziell. Muto teilte am Donnerstag auf der IOC-Session mit, dass sie vor Beginn der Olympischen Fackelstaffel am 25. März fallen werde. Aber die IOC-Mitglieder verstanden die Vorzeichen.

Im April soll die Entscheidung fallen, ob zumindest Japaner die olympischen Wettkämpfe besuchen dürfen

Die Frage nach der Erstattung von Ticket- und Reisekosten kam auf. Die Schwedin Gunilla Lindberg gab zu bedenken, "die Folgen könnten wirklich schwierig sein", wenn keine Zuschauer aus dem Ausland, also auch keine Angehörigen von Athletinnen und Athleten, anreisen könnten. Man möge mit der Entscheidung möglichst lange warten. "Die Situation ist schwierig", antwortete Muto und sagte, eine möglichst frühe Entscheidung sei wahrscheinlich besser für alle, die Tokio-Pläne haben. Und der IOC-Chefkoordinator John Coates ergänzte: "Wir werden jede Entscheidung der japanischen Regierung im Sinne von Safety First mittragen."

Das klang nicht so, als bestünden noch gute Chancen auf ein internationales Publikum. Es zeichnet sich schon länger ab, dass Japan seinen aktuellen Touristen-Stopp für die Spiele nicht lockert. Im Februar hat Tocog nach umfassenden Beratungen die ersten Hygiene-Regelbücher, sogenannte Playbooks, für Aktive, Funktionäre und Medienschaffende herausgegeben. Darin wird das Prinzip der Tokio-Spiele deutlich: Die Angereisten sollen zunächst keinen Kontakt mit der japanischen Bevölkerung haben, nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, nicht in Restaurants gehen, nicht in normalen Supermärkten einkaufen. Zahlenden Olympia-Reisenden, die sich nicht in den abgesperrten Zonen der Spiele bewegen, kann man solche Einschränkungen schlecht zumuten. Also lässt man sie lieber draußen. Im April soll die Entscheidung fallen, ob wenigstens japanische Menschen die Wettkämpfe besuchen dürfen.

Japans Regierung macht es sich sicher nicht leicht mit diesen Entscheidungen. Ausländische Gäste waren mal ein großer Teil des Plans. Olympia und Paralympics sollten Menschen ins Land bringen, auf dass diese die nationale Wirtschaft mit ihrem Geld stärken. Daraus wird nun wohl nichts. Immerhin, am Donnerstag meldete Kyodo, dass Japans Regierung daran arbeite, die Einreise für Sportprofis wieder zu ermöglichen, sobald der aktuelle Corona-Notstand für Tokio und drei umliegende Präfekturen aufgehoben ist. Das soll am 21. März der Fall sein. Mit Athletinnen und Athleten aus dem Ausland darf man bei den Spielen in Tokio also rechnen.

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