Süddeutsche Zeitung

Niederlande gegen Deutschland in Charkow:Krieg? Nein, Endspiel

Pressekonferenz zum Klassiker Holland gegen Deutschland: Da erwarten manche Reporter, dass schon einen Tag vor dem Spiel Giftpfeile fliegen, damit die Zeitungen kriegerische Karikaturen abdrucken können. Doch den Gefallen tun ihnen die Führungsspieler Sneijder und Schweinsteiger nicht. Bundestrainer Löw erwartet trotzdem eine Schlacht.

Thomas Hummel

Zuerst kam der Verdacht auf, dass Niederländer sogar in Pressekonferenzen streiten. Doch in Wahrheit war es ein fieser Wink eines belgischen Journalisten, der so richtig Pfeffer in diese Veranstaltung bringen wollte. "Herr Löw, fällt Ihnen zu dieser Partie ein Klischee ein?" Der Bundestrainer schaute irritiert bis skeptisch. Da fasste der Belgier nach: "So was wie 'Fußball ist Krieg'."

"Fußball ist Krieg" ist die verkürzte Ausgabe eines Zitats des großen niederländischen Trainers Rinus Michels. Der sagte einmal: "Spitzenfußball ist wie Krieg. Bist du zu lieb, bist du verloren." Nun war die Frage aber eine Anspielung auf die phasenweise ernste Rivalität zwischen den Ländern Niederlande und Deutschland, beginnend im Krieg und endend im Fußball der neunziger Jahre.

Die Frage war eine Falle. Eine unbedachte Antwort wäre am nächsten Tag in allen Sportzeitungen Europas groß aufgemacht worden. Joachim Löw lächelte kurz. Es war eine Geste der Geringschätzung. "Davon sind wir meilenweit entfernt, das würden wir nicht in den Mund nehmen", sagte er. Löw führte diese glutofenheiße politische Debatte gekonnt zurück auf das Spielfeld. "Es wird vielleicht eine Hitzeschlacht, es wird Schmerzen bereiten über den Punkt zu kommen, der weh tut."

Richtig geärgert hat sich hingegen ein Vertreter der niederländischen Medien. Er wollte sich und seine Nation keinesfalls dem Verdacht aussetzen, Fußball mit Krieg vergleichen zu wollen, noch, den Bundestrainer eine solch dumme Frage zu stellen. Er ließ sich das Mikrofon reichen und erklärte: "Ich kenne niemanden in den Niederlanden, für den Fußball Krieg ist."

Deutschland gegen die Niederlande, oder wie es im Fußball heißt, Deutschland gegen Holland, ist ein brisantes Duell im Weltfußball. Es gibt viele Geschichten über dieses Treffen, angefangen vom WM-Finale 1974, das die Holländer gefühlt nie verloren haben. Über die Revanche 1988 bei der EM und dann die Spuckerei von Frank Rijkaard 1990 gegen Rudi Völler. Damals trafen sich noch Fans beider Länder an der Grenze zum Raufen.

"Manchmal schlagen wir uns"

Und deshalb erwarteten in Charkow offenbar einige internationale Reporter, dass es schon einen Tag vor dem Spiel auf dem Podium richtig zur Sache gehen würde. Zuerst kamen die Deutschen mit Löw und Schweinsteiger, dann die Holländer mit van Marwijk und Sneijder. Da müssen doch die Giftpfeile fliegen, hin und her, sodass überall herrliche Karikaturen von den kriegerischen Deutschen und den fiesen Holländern abgedruckt werden können.

Doch diese Erwartung wurde enttäuscht. Die Hitze in diesem Duell hat sich merklich gelegt, Bastian Schweinsteiger erklärte plakativ: "Ich fühle keine Rivalität, die Geschichte spielt keine Rolle." Und Wesley Sneijder fügte an: "Es ist das Gleiche, als würden wir gegen andere große Mannschaften spielen." Das klingt langweilig. Doch niemand muss fürchten, dass da am Mittwoch ein kalter Kick in Charkow stattfinden wird. Das wird zum einen an den etwas mehr als 40.000 Zuschauern liegen, die im Gegensatz zu den Spielern sehr wohl eine besondere Rivalität untereinander ausleben und eine entsprechende Atmosphäre schaffen werden.

Zweitens daran, dass die Holländer das erste Spiel gegen Dänemark 0:1 verloren und deshalb schon ein Endspiel um die EM-Zugehörigkeit erleben. Und drittens wird die anhaltende Hitze im Osten der Ukraine das Geschehen zumindest mitbestimmen. Bundestrainer Löw bemerkte zu den weit über 30 Grad Celsius am Spielort, dass er vorhabe, sein Wechselkontingent von drei Spielern ausschöpfen zu wollen. Die Spieler sollten viel Flüssigkeit zu sich nehmen, "aber sonst kann man nicht viel tun". Aus Sicht seines Kollegen van Marwijk sind Löws Spieler ohnehin im Vorteil. Denn Holland muss angreifen, und "Defensive ist einfacher, als nach vorne zu gehen. Deshalb werden wir mehr rennen müssen."

Weil partout keine Giftpfeile fliegen wollten, kamen die hochinteressanten Seitenaspekte ins Spiel. Eine Reporterin aus China überbrachte die Frage aus ihrem Land, ob der Bundestrainer denn schon wisse, welche Kleidung er zum Spiel tragen werde. In China sei bekannt, dass Löw ein modebewusster Mann sei. Löw antwortete: "Bei dem Wetter würd ich sagen: kurze Hosen." Ein englischer Kollege ging über zum Lieblingsthema auf der Insel: Deutschland und Elfmeter. Er beschrieb: "Im Finale 1974 nahm sich Paul Breitner den Ball, weil niemand anders schießen wollte." Wie das wohl am Mittwoch sein werde? Da Joachim Löw ein freundlicher Mann ist, antwortete er weiterhin geduldig: "Wir sind ein bisschen besser organisiert, aber ich werde ihnen nicht sagen, wer einen Elfmeter schießen wird."

Nun ja, zur Aufstellung, zur Taktik, zu irgendwas Interessantem wollten die Trainer eben nichts sagen und so kam noch eine Frage an Wesley Sneijder: Ob er sich wohl fühle in dem Mannschaftshotel bei Krakau. "Ja", antwortete er grinsend, "ich fühle mich prima im Hotel. Aber manchmal schlagen wir uns." Van Marwijk und Sneijder verließen daraufhin den Saal.

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