Süddeutsche Zeitung

Serie A:Neapel verliert seine klügsten Köpfe

Die SSC Neapel erwacht abrupt aus dem Meisterrausch: Trainer Spalletti macht ein Sabbatical, Sportdirektor Giuntoli geht zum verhassten Rivalen Juventus - den unorthodoxen Denker werden sie besonders vermissen.

Von Thomas Hürner

Viele Geschichten der SSC Neapel beginnen an diesem Ort, die meisten enden auch hier. Das Britannique Hotel liegt im Zentrum der kampanischen Metropole, ein Fünf-Sterne-Prachtbau, von dessen Terrasse man einen fantastischen Ausblick haben soll, geradezu gemalt für Pärchen, die sich eine gemeinsame Zukunft versprechen wollen. An einem Tag im Mai wurde hier allerdings eine Trennung beschlossen - eine Trennung, die im fußballbegeisterten Teil der Stadt tiefe Trauer und Ungewissheiten evoziert. Es ließe sich also behaupten: Ganz Neapel weiß aktuell nicht, wie es weitergeht. Und das gerade mal ein paar Wochen, nachdem die Stadt ihren azurblauen Traum durchlebte, den Gewinn der ersten Meisterschaft seit Diego Maradona. Eine Saison wie im Rausch war das.

Im Britannique logiert für gewöhnlich der Napoli-Präsident Aurelio De Laurentiis, ein römischer Filmproduzent, der den Klub regiert wie ein Kaiser und in der Stadt nie heimisch geworden ist. Hier schmiedet er Pläne, hier trifft er sich mit Beratern, serviert Adjutanten ab. An einem Tag im Mai saß er mit Meistercoach Luciano Spalletti auf der Terrasse, das war kurz nach dem Gewinn des Titels, es gab ein feines Menü und Rotwein. "Der Präsident bestellt stets den richtigen Wein. Wein ist schließlich nichts, wovon ich Ahnung habe", sagte Spalletti nach dem Treffen. Eine kleine Untertreibung, denn der guruhafte Coach produziert seinen eigenen Rotwein in der Toskana, Rebsorte Sangiovese.

Der Satz konnte aber auch als Metapher gelesen werden: Wer den Wein auswählt, hat das Sagen. Und bei der SSC Napoli wählt De Laurentiis den Wein und niemand sonst.

Dieses unromantische Dinner hat jedenfalls so einiges verändert am Fuße des Vesuv. Spalletti ist weg, er macht jetzt eine Saison Sabbatical. Über die Gründe für seinen Abschied äußert sich der Coach nur verklausuliert, exakt so also, wie er seine Gedanken über Fußball teilt. Doch im Grunde weiß jeder: Die Beziehung zu Alleinherrscher De Laurentiis war nicht mehr zu retten. Spalletti wollte mehr mitreden, ein bisschen Beinfreiheit in der strategischen Planung. Der Präsident jedoch bewegte sich keinen Millimeter. Und weil De Laurentiis stets auf seiner Position verharrt, unverrückbar und stur, ist am vergangenen Freitag der nächste neapolitanische Vordenker fortgegangen: Cristiano Giuntoli, seit 2015 als Kaderplaner angestellt, das öffentlichkeitsscheue Mastermind im Hintergrund, wurde bei Juventus als neuer Sportdirektor präsentiert. Ausgerechnet. Keine Feindschaft wird im Calcio offener ausgetragen als die zwischen Neapel und Turin.

Neapel erlebt eine Absetzbewegung der klügsten Köpfe. Auch zwischen Giuntoli und dem Präsidenten soll es schon länger Dissonanzen gegeben haben. Und auch wenn De Laurentiis den Aderlass öffentlich herunterspielt, wird in den Gazetten täglich diese Frage diskutiert: War's das mit dem neapolitanischen Himmelssturm?

Als neuer Trainer installiert wurde Rudi Garcia, ein Franzose mit andalusischen Wurzeln, der schon in Marseille, Lyon und in Italien bei der AS Roma unter Vertrag stand. Immer solide, auch französischer Meister war er mal. Zuletzt arbeitete Garcia allerdings fernab der sportlich relevanten Bühne, in Saudi-Arabien bei Al-Nassr. Und dieser Mann soll nun Spalletti beerben, den Urheber der wohl anmutigsten Mannschaft, die Neapel je gesehen hat? Tristesse machte sich unter den Tifosi breit - und das will etwas heißen in einer Stadt, in der der Ausnahmezustand zum gewöhnlichen Erscheinungsbild gehört.

Verteidiger Kim geht zum FC Bayern - doch was ist, wenn weitere Leistungsträger gehen?

Auch Garcia gilt gemeinhin als offensiver Trainer, das Erbe Spallettis wird ideologisch wenigstens nicht vollends fehlgeleitet. Aber es gibt Unterschiede: Spalletti hat einen seltenen Stil kultiviert, ein fast hypnotisches Wechselspiel aus Rochaden und ständiger Zirkulation des Balls. In den Spielerköpfen sind die Automatismen fest verankert, es könnte eine ganze Weile brauchen, um sie durch andere zu ersetzen. Und, fast noch schlimmer aus neapolitanischer Sicht: Es erscheint ungewiss, ob nur die Automatismen in den Spielerköpfen ausgetauscht werden müssen - oder ob es nicht auch noch eine Menge neuer Beine braucht, weil womöglich ein Ausverkauf der begabtesten Akteure bevorsteht.

Napoli hat eine monumentale Saison hinter sich, 90 Punkte und 77 geschossene Tore, es war ein Jahr von seltener Dominanz in der Serie A. Das weckt freilich Begehrlichkeiten: Innenverteidiger Kim Min-jae, von Spalletti wegen seiner Physis mal "Monster" getauft, steht vor einem Wechsel zum FC Bayern. Die Münchner ziehen die im Vertragswerk verankerte Kaufoption in Höhe von 50 Millionen Euro, dagegen lässt sich nichts tun. Medienberichten zufolge könnte Gladbachs Ko Itakura als Ersatz verpflichtet werden. Nur: Was wäre, wenn der spektakuläre Spielmacher Khvicha Kvaratskhelia und/oder der eiskalte Mittelstürmer Victor Osimhen auch noch gehen? Ausgeschlossen ist das nicht, die Fantastilliarden der Engländer fließen jetzt erst allmählich in den Markt.

Womit man wieder bei Cristiano Giuntoli wäre, dem nach Turin abgewanderten Kaderplaner. Er ist die Schlüsselfigur hinter der neapolitanischen Erfolgsgeschichte - und er wird aus mehrerlei Gründen kaum zu kompensieren sein. Erstens: Fähige Sportdirektoren sind selten, zumal solche, die effizient unter wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wie in Neapel arbeiten. Unter Präsident De Laurentiis (Grund Nummer zwei für erschwerte Arbeitsbedingungen hinter den Kulissen) werden keine roten Zahlen geduldet. Und dann wäre da noch Grund Nummer drei: Giuntoli - und das ist keine Übertreibung - ist eine Art Unikat in der mittlerweile hochtechnisierten Branche.

Der gebürtige Florentiner, ein studierter Architekt, lässt keine Datenbanken durch den Computer laufen, um die passenden Spieler zu finden. Giuntoli gehört der alten Managerschule an, er zählt auf sein Bauchgefühl und Auge - und auf ein Team von gerade mal sechs Mitarbeitern, die von morgens bis abends vornehmlich damit beschäftigt waren, Fußballspiele zu gucken. Im Schnelldurchlauf, um aus dem Gesehenen schriftliche Scoutingberichte zu verfertigen. Deren Interpretation war dann Chefsache. Auf diese unkonventionelle Weise sind Giuntoli und seine Mitarbeiter auf Spieler gestoßen, die künstliche Intelligenzen erst mal herausfiltern müssen: Der Mittelfeldstratege Stanislaw Lobotka etwa kam von Celta Vigo in Spanien, Kvaratskhelia spielte zuvor bei Rubin Kasan in Russland, Verteidiger Kim bei Fenerbahce in der Türkei. Und Stürmer Osimhen, in Wolfsburg einst für zu leicht befunden, hatte gerade mal ein starkes Jahr in Lille hinter sich. Bereits im vergangenen Sommer hatte Napoli seine Besten verkauft, der Umbruch erwies sich als Fundament für den Meistertitel. Doch Giuntoli war es, der ein komplexes Puzzle zusammensetzte, das nur in seinem Kopf existierte.

Wer auf den Sportchef folgt, ist noch ungeklärt, vorübergehend werden zwei Mitarbeiter aus dem Scouting übernehmen. Fest steht jedenfalls: Napoli erwacht langsam aus dem Meisterrausch der Vorsaison. Und den Wein wählt De Laurentiis und niemand sonst.

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