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NBA-Finale: Dallas gleicht gegen Miami aus:Nowitzkis unglaubliches Comeback

Der Abend beginnt schlimm, aber er endet glorreich für Dirk Nowitzki: Die zweite Partie der NBA-Finalserie gegen Miami Heat schien für Dallas und den Deutschen schon verloren. Doch dann erleben die Mavericks formidable Schlussminuten, die Nowitzki wenige Sekunden vor dem Ende krönt.

Jürgen Schmieder

Gegen Ende des dritten Viertels nestelte Dirk Nowitzki an seinem getapten Finger herum, dann diskutierte er mit dem Schiedsrichter, schließlich stauchte er noch seine Kollegen zusammen. Er war frustriert, es lief im zweiten Finalspiel der NBA nicht gut für den Forward der Dallas Mavericks. Er hatte bis dato eine für seine Verhältnisse schreckliche Wurfquote und gerade einmal 15 Punkte erzielt.

Nur wenige Minuten später riss Nowitzki die Arme nach oben. Aus Jubel, nicht aus Frust. Nach einem unglaublichen Comeback gewannen die Dallas Mavericks die zweite Partie der NBA-Finalserie gegen die Miami Heat noch mit 95:93. Die letzten neun Punkte der Mavericks erzielte Nowitzki und erlaubte sich dabei keinen Fehlwurf mehr. Drei Sekunden vor dem Ende der Partie schaffte er seinen letzten Korberfolg, der schließlich den Erfolg für seine Mannschaft bedeutete.

"Ich bin an Chris Bosh vorbeigekommen und habe den Ball im Korb versenkt", sagte Nowitzki nach dem Spiel, bei dem er schließlich auf 24 Punkte und elf Rebounds kam. Er wirkte dabei, als hätte er gerade ein Freundschaftsspiel mit seinen Freunden in Würzburg bestritten. Dabei haben die Mavericks mit diesem Sieg gegen die Heat in der Best-of-seven-Serie zum 1:1 ausgeglichen - und nach diesen formidablen Schlussminuten das Momentum auf ihrer Seite.

Rebounds, Trefferquote und ein linker Mittelfinger. Über diese drei Dinge sprachen die Spieler und Verantwortlichen der Dallas Mavericks nach dem ersten Spiel, das sie gegen die Miami Heat mit 84:92 verloren hatten. "Wir müssen unter dem Korb aggressiver agieren, wir müssen unsere Wurfauswahl verbessern", hatte Trainer Rick Carlisle nach dem Studium der Videoaufnahmen gemahnt. Zehn Rebounds weniger hatten die Mavericks erreicht und den Heat somit viele zweite Gelegenheiten zum Erfolg ermöglicht.

Dazu lag die Trefferquote von Dallas bei unterdurchschnittlichen 37,3 Prozent. Das lag zum einen daran, dass die Mavericks meist dann geworfen hatten, wenn sie eng gedeckt gewesen waren, zum anderen schlicht daran, dass sie einfache Würfe nicht im Korb hatten unterbringen können. "Beide Teams haben schlecht geworfen - nur kommt das Miami eher entgegen als uns", sagte Carlisle nach dem ersten Spiel.

Vor allem drehten sich die Diskussionen um den linken Mittelfinger von Nowitzki, an dem er sich bei einem Block gegen Chris Bosh die Sehne gerissen hatte. "Das ist kein Problem, ich kann den Ball fangen und dribbeln", sagte Nowitzki. Probleme gab es nur dabei, den lädierten Finger so zu tapen, dass Nowitzki die Verletzung nicht behindern würde. Es wurde stundenlang herumprobiert - am Ende entschlossen sich die Physiotherapeuten der Mavericks für zwei kleine Schienen.

Die zweite Partie gegen die Heat begann mit einem intensiven und hart geführten ersten Viertel. Joel Anthony zerrte, zog und zupfte bei seinem Versuch, Nowitzki zu verteidigen. DeShawn Stevenson sprang in die Zuschauerränge, als er dem Ball hinterherhechtete. Tyson Chandler und Chris Bosh lieferten sich packende Duelle unter den beiden Körben. "Das will ich sehen, das will ich sehen", rief Carlisle seinen Spieler während einer Auszeit zu.

Es war erneut ein taktischer Leckerbissen, doch im Gegensatz zur ersten Partie - als nach Möglichkeiten für die Verteidigung gesucht worden war - wollten sich die Akteure offensichtlich gegenseitig beweisen, dass die miserable Trefferquote beider Mannschaften vor zwei Tagen eine einmalige Ausnahme gewesen war. Nach dem ersten Viertel stand es bereits 28:28. "Das will ich sehen", rief Carlisle in der Pause wieder, weil diese Spielweise eher den Mavericks entgegenkam.

"Nowitzki kann uns sehr weh tun"

Die Mavericks führten ihre Strategie der rasanten Spielgestaltung auch im zweiten Viertel fort und erspielten sich schnell eine Sieben-Punkte-Führung. Miami hat gegenüber Dallas jedoch in dieser Serie den Vorteil, dass der Verein nicht nur über einen Spieler (Nowitzki) verfügt, der in den Vereinigten Staaten mit dem unbescheidenen Begriff "Superstar" umschrieben wird, sondern über drei - und dass LeBron James, Dwyane Wade und Chris Bosh jeweils dann einspringen können, wenn die anderen gerade nicht treffen.

Bosh erwischte eine schreckliche erste Halbzeit, James blieb mit zwölf Punkten im Durchschnitt - dafür erzielte Wade 21 Zähler, weshalb es zur Pause 51:51 stand. "Es ist ein komplett anderes Spiel als vor zwei Tagen", sagte Wade in der Halbzeit. "Wir müssen weiter variabel spielen, dann bekommen wir unsere Chance."

Die Chance kam sogleich zu Beginn des dritten Viertels, als sich Dallas einige unnötige Ballverluste leistete und sich Miami mit spektakulären Gegenzügen und krachenden Dunkings eine Neun-Punkte-Führung erspielte. Vor allem Wade (insgesamt 36 Punkte) tat sich bei diesem Lauf der Heat hervor. Weil Dirk Nowitzki eine für ihn grotesk schlechte Wurfquote aus dem Spiel heraus hatte, war die Frage nun: Wer von den Mavericks würde für ihn einspringen?

Die Antwort: zunächst die Kollegen Chandler und Marion - und am Ende des Viertels Nowitzki selbst, der die Führung der Heat vor dem Schlussviertel auf vier Punkte verkürzte. "Wir können nicht zufrieden sein", sagte Miami-Trainer Erik Spoelstra während der Pause. "Nowitzki ist der beste Schütze der Liga, er kann uns am Ende noch sehr weh tun."

Nur: Nowitzki tat den Heat zunächst nicht weh, vielmehr erzielte Miami 13 Zähler in Folge und führte bereits mit 15 Punkten - es stand 88:73 die Partie schien entschieden zu sein. Ein Drei-Punkte-Wurf von Kidd war schließlich der Weckruf für die Mavericks, der zu diesem unglaublichen Comeback führte, das Nowitzki mit seinem Korbleger wenige Sekunden vor dem Ende vollendete und die Ankündigung von Spoelstra doch noch wahr machte. "Es fühlt sich gut an", sagte Nowitzki nach dem Spiel.

Er nestelte nicht mehr an seinem verletzten Finger herum, er diskutierte nicht mehr mit den Schiedsrichtern und stauchte keine Kollegen zusammen. Er hatte schreckliche dreieinhalb Viertel erlebt - und die Partie dennoch entschieden. Als er vom Parkett in die Umkleidekabine ging, schüttelte er ungläubig den Kopf. Und lächelte.

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