Süddeutsche Zeitung

Deutsche Nationalmannschaft:Schluss mit der Wohlfühl-Oase

Lesezeit: 4 min

Nach dem EM-Aus gegen Italien wurde an der deutschen Elf und Joachim Löw allerhand kritisiert. Mit der harmlosen Kuschel-Atmosphäre ist es spätestens jetzt vorbei: Die deutschen Spieler sind bissiger geworden und streben nach dem 6:1 gegen Irland nach weiterem Erfolg. Nun liegt es an Löw, diese Energie richtig zu nutzen.

Thomas Hummel

Ist nun alles wieder gut? Hat das 6:1 am Freitagabend in Dublin alle Diskussionen rund um die deutsche Nationalmannschaft beendet? Kurzfristig vielleicht. Wenn überhaupt.

Joachim Löw saß nach dem Spiel auf dem Pressepodium des nagelneuen Aviva-Stadions und sagte: "In sechs oder sieben Jahren Amtszeit ist es normal, dass man mal schwierige Phasen durchmacht." Aus dem Bundestrainer sprach die Hoffnung, dass diese Phase nun bald beendet sein möge. Die Angriffe von vielen Seiten des Fußball-Landes seit der Halbfinal-Niederlage gegen Italien haben ihn mitgenommen. Da tut so ein beeindruckender Erfolg bei sonst enorm heimstarken Iren gut. Wenngleich dieser allein nur für ein paar Tage die Unruhe kaschieren kann, denn für mehr waren die Gastgeber einfach zu schwach. Am Dienstag in Berlin gegen Schweden (20.45 Uhr) steht die deutsche Nationalmannschaft vor ihrer nächsten Prüfung. Bei einem negativen Ergebnis wird all die Kritik der vergangenen Wochen wieder aufflammen.

Direkt nach dem Italien-Spiel musste sich Löw wegen taktischer Fehler harsche Kritik gefallen lassen. Als die Mannschaft gegen Argentinien ein Testspiel verlor, hob Ex-Torwart Oliver Kahn zur Generalkritik an, Löw müsse sich mal grundsätzlich Gedanken machen, ob seine Elf nicht zu offensiv spiele. Es folgte ein sehr glücklicher Sieg in Österreich und der Hinweis von Bastian Schweinsteiger, dass der Teamgeist bei der EM mangelhaft gewesen sei. Zuletzt kam Bayern-Präsident Uli Hoeneß aus der Deckung und prangerte die Wohlfühl-Atmosphäre beim DFB an. Da kam womöglich ein bisschen viel zusammen für Joachim Löw, was sich darin ausdrückte, dass er in überzogenem Ton seinen Linksverteidiger Marcel Schmelzer vor dem Irland-Spiel kritisierte. Am Sonntag nach dem Sieg leitete Ko-Trainer Hansi Flick das Training der Reservisten im Dubliner Stadion. Löw blieb mit einer Erkältung im Hotel.

Mund halten und Fußball spielen

Dreieinhalb Monate nach dem EM-Aus herrscht eine gespannte Unruhe in der deutschen Elitemannschaft. Viele Gräben, die nach der Enttäuschung zu Tage kamen, sind längst nicht zugeschüttet und die Kritik von außen stellt das DFB-Gebilde zusätzlich vor die Aufgabe, die Fliehkräfte zu bändigen.

Die Schmelzer-Kritik lässt befürchten, dass die Dortmunder Fraktion sich weiterhin zurückgestuft fühlt. Denn ob Mats Hummels, Mario Götze oder Ilkay Gündogan nach ihrer Genesung einen Platz in der Startelf finden, ist eher unwahrscheinlich. Doch auch andere Profis setzen sich nicht mehr per se gut gelaunt auf die Ersatzbank. Toni Kroos betonte nach seinem guten Auftritt und zwei Toren in der zweiten Halbzeit: "Ich bin mit sehr guter Form angereist." Der Bundestrainer habe ihm nicht erklärt, warum er zu Beginn draußen saß, aber "es ist seine Entscheidung ob er es mir erklärt oder nicht."

Schweinsteiger als grimmiger General

Uli Hoeneß, oberster Fußballmahner des Landes, hat sich zumindest bei den Nicht-Bayern im DFB-Tross unbeliebt gemacht, gerade mit seiner Kritik an Löw-Zögling Miroslav Klose, dieser würde die Mehrzahl seiner Tore ohnehin nur gegen Liechtenstein und Co. erzielen. Der erklärte nach der Partie in Dublin: "Die Kritik lasse ich jetzt unkommentiert. Es ist viel geschrieben worden. Es ist das Beste, wenn ich den Mund halte und mich auf den Fußball konzentriere."

Dennoch dürfte der Bayern-Präsident mit der Entwicklung in der Nationalmannschaft zufrieden sein. Denn von Wohlfühl-Oase war während der Irland-Reise wenig zu spüren. Stattdessen kehrte Bastian Schweinsteiger als grimmiger General zurück und Torwart Manuel Neuer reagierte auf das Gegentor in der Nachspielzeit mit einem kleinen Tobsuchtsanfall. Die Mannschaft hatte zwar bisweilen Spaßfußball gegen die bedauernswerten Iren geboten, aber mit dem atmosphärischen Spaß der vergangenen zwei Jahre ist es offenbar vorbei. Jetzt geht es um Erfolg. Den der Mannschaft und jedes einzelnen.

"Konkurrenzkampf ist immer gut, das sieht man bei den Bayern und bei uns", befand Team-Manager Oliver Bierhoff. Kapitän Schweinsteiger hielt sich gar nicht mit den Iren auf: "Wir müssen den einen Schritt mehr noch gehen, um Titel zu gewinnen und in den entscheidenden Spielen noch besser zu sein. Da muss jeder in seinem Rahmen perfekt sein, damit wir die Großen wie Spanien schlagen."

"Wir dürfen jetzt nicht in Euphorie verfallen"

Die Leichtigkeit und Verspieltheit, mit der die Deutschen bei der WM 2010 und danach bisweilen den Weltfußball aufmischten, sind dahin. Jetzt soll es darum gehen, den ersehnten Titel zu holen und dieses Ziel mit aller Entschlossenheit zu verfolgen. Da kann auf die Befindlichkeiten Einzelner nicht mehr Rücksicht genommen werden. Der Verdrängungskampf und all seine Nebengeräusche macht aus dem jungen DFB-Team nun eine normale Spitzenmannschaft auf der Suche nach Erfolg. Das haben nun die Iren zu spüren bekommen, die erbarmungslos überrollt wurden.

Doch Gratulationen für die schöne Aufführung und das 6:1 (der höchsten Niederlage einer irischen Nationalmannschaft auf heimischen Boden) wollte danach niemand entgegen nehmen. "Zu viel gelobt zu werden bringt eh nichts, das hat viele Tücken", erklärte Per Mertesacker. Bierhoff assistierte: "Wir dürfen jetzt nicht in Euphorie verfallen. Es ist ja nicht alles gut, nur weil wir einmal gewonnen haben."

Joachim Löw und sein Trainerteam werden intensiver darauf achten müssen, dass sich die Unzufriedenheiten und die Unruhe im Team als Energie auf dem Platz entladen und nicht im Mannschaftshotel. Diese Art der Moderation musste er noch nicht vorführen in den Jahren der Aufbauarbeit seit 2004.

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