Süddeutsche Zeitung

Nach 0:4 gegen Schalke:Stuttgarter Hoffnung auf Herberger

Der VfB Stuttgart hat alle gängigen Optionen aus dem Krisenrepertoire bereits verbraucht. Nach dem 0:4 gegen Schalke 04 muss sich der neue, alte Trainer Huub Stevens bereits in Parolen flüchten.

Nach Spielen wie diesen stellt sich in der Bundesliga eigentlich die Trainerfrage. 0:4 gegen Schalke 04, fünfte Niederlage im siebten Heimspiel der Saison, Tabellenplatz 18. Ein Hardcore-Fanblock, der sich nach dem Schlusspfiff im Wortsinn von den Spielern abwendet, nirgendwo ein Fünkchen Hoffnung in dieser spektakulären Arena.

Aber der VfB Stuttgart hat bereits die gängigen Optionen aus dem Krisenrepertoire verbraucht. Sportdirektor Fredi Bobic wurde Ende September gefeuert, und Trainer Armin Veh machte sich vor zwei Wochen mit dem fadenscheinigen Verweis auf fehlendes Glück vom Acker. So ist der Verein nun wie im Vorjahr, auf Gedeih und Verderb, den Rettungskünsten von Huub Stevens ausgeliefert. Der Coach immerhin wurde von den Fans stürmisch gefeiert. Von den Schalker Fans allerdings, im Gedenken an gemeinsame glorreiche Zeiten. Ob er deshalb nach dem Spiel so merkwürdig milde gestimmt war?

"Jedes erste Spiel ist das wichtigste", so umriss Stevens in der Pressekonferenz seine Strategie für die wegweisenden Begegnungen bis Weihnachten. Der Niederländer meinte Sepp Herbergers Weisheit, wonach das nächste Spiel immer das schwerste sei. In Mainz, in Hamburg und gegen Paderborn wird der VfB nach den Eindrücken vom Samstag aber alle Mühe haben, bis zum Ende der Hinrunde den Anschluss an die Nichtabstiegsplätze zu halten. Zur Beruhigung verbreitete Stevens auch noch die Erkenntnis, eine 0:4-Niederlage sei besser als vier 0:1-Niederlagen. Und, ach ja: Nach dem Spiel sei vor dem Spiel.

Ratlosigkeit sollte man Huub Stevens aber nicht unterstellen. Der Niederländer, 61, weiß genau, was er tut. Seit er vor zwei Wochen sein Amt angetreten hat, wird er nicht müde zu warnen, diese Rettungsmission sei noch schwieriger als jene in der vergangenen Saison. Möglicherweise war Stevens aber doch überrascht, dass seine Mannschaft aus dem mit einigem Glück zustande gekommen 4:1-Sieg in Freiburg keinerlei Sicherheit gewann. Aber nun versteht zumindest jeder, was die Stunde geschlagen hat. Es ist das Ende aller Träume, mit ein wenig mehr Glück könne diese Mannschaft oben mitspielen. 20 Spieltage lang Überlebenskampf. Das Schlüsselwort des Trainers: "Aggressivität".

Es gilt, die Reihen zu schließen. Draufhauen auf einzelne Spieler wollte Stevens ausdrücklich nicht. Hilft ja nichts, er muss mit diesen Leuten klarkommen. Verstärkungen seien nicht nötig, hatte er in der vorigen Woche erklärt, der Kader sei stark genug, um in der Liga zu bleiben. Wobei man ihm nach diesem 0:4 entgegenhalten muss: Ein felsenfester Abwehrchef wie der Schalker Benedikt Höwedes würde dem VfB gut zu Gesicht stehen. Nationalspieler Antonio Rüdiger, 21, ließ sich vom allgemeinen Durcheinander genauso anstecken wie sein Nebenmann Timo Baumgartl, 18. Zur Krönung eines völlig missratenen Nachmittags verdrehte sich Rüdiger noch das Knie. Er wird wegen einer Meniskusverletzung bis zur Rückrunde ausfallen.

Schöne Pässe will Stevens nicht sehen

Die eklatante Abwehrschwäche jedenfalls verfolgt den VfB schon die ganze Saison über. Freistoß Barnetta, 0:1 Choupo-Moting, so ging das los in der ersten Minute. Kopfballvorlage Choupo-Moting, 0:2 Meyer, so ging das weiter in der zehnten Minute. Eckball Barnetta, Kopfball Choupo-Moting, 0:3, damit war das Spiel in der 21. Minute bereits entschieden. Bei fast jedem Freistoß, bei jedem Eckball, bei jeder hohen Flanke kam Schalke zu Torchancen. Als Barnetta in der 61. Minute erneut eine Flanke vors Tor schlug, segelte der Ball eine gefühlte Ewigkeit durch die Luft, doch wieder konnte Choupo-Moting unbedrängt zum Kopfball ansetzen, 0:4.

Timo Baumgartl stand vor ihm, Antonio Rüdiger stand hinter ihm, beide eindeutig zu identifizieren als Schuldige. Bei den ersten beiden Toren des Deutsch-Kameruners war ihm angeblich Martin Harnik als Gegenspieler zugeteilt. Aber so, wie die Stuttgarter Spieler sich verhielten, konnte man bezweifeln, ob sie die Abwehr von Standardsituationen jemals geübt haben.

Huub Stevens versuchte nach einer halben Stunde, mit einem Strategiewechsel der Mannschaft zu helfen. Der eingewechselte Daniel Schwaab reihte sich neben Rüdiger und Baumgartl auf, man verteidigte mit Dreier- statt Viererkette. Florian Klein und Adam Hlousek sollten fortan die Schalker über die Außenbahnen attackieren, doch auch dieser Versuch verpuffte.

Als wegweisend konnte man den Wechsel dennoch werten, denn für Schwaab musste der filigrane Moritz Leitner weichen. Leitner sei eben ein Spieler, "der gern schöne Bälle spielt", erklärte Stevens. Das ist ausdrücklich nicht die Tugend, die Stevens nun braucht: schöne Bälle spielen. Er findet, die Hoffnung auf zukunftsträchtigen Fußball sollen sich alle Beteiligten für ein weiteres Jahr abschminken. Dazu ist diese über Jahre hinweg heruntergewirtschaftete Mannschaft nicht in der Lage.

"Es muss klick machen", forderte Stevens nach der offiziellen Pressekonferenz in kleinerer Runde, mit vorwiegend Stuttgarter Journalisten. Das Klick bezog er nicht nur auf seine Spieler, sondern auch auf den ganzen Verein, die Zuschauer, die Presse. "Auch auf euch kommt es an, Jungs", sagte Stevens mit blitzenden Augen zu den Reportern. Also dann: klick!

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2256302
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 08.12.2014/schma
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.