Süddeutsche Zeitung

Mesut Özil vor dem Viertelfinale:Schlüsselspieler sucht Schloss

"Ich bin keine Maschine, bei der alles perfekt klappt", sagt Mesut Özil. Der deutsche Regisseur hat es schwer bei der Fußball-EM. Seit er für Real Madrid spielt, sind seine Fähigkeiten europaweit bekannt und gefürchtet. Die Gegner bekämpfen ihn mit mehreren Spielern gleichzeitig - so dürfte es ihm auch gegen die Griechen ergehen.

Mesut Özil sitzt im Wintergarten des deutschen Teamhotels, er hat wieder sein Öffentlichkeitsgesicht dabei. Mit diesem Gesicht ist er bisher ganz gut durch die Tage von Danzig gekommen, es ist ein Gesicht, das er auf zwei unterschiedliche Gesichtszüge programmieren kann. Ich kann noch besser spielen, ich habe noch Luft nach oben, sagt der eine Gesichtszug. Ich bin mit meiner Leistung bisher zufrieden, sagt der andere.

Es könnte alles so einfach sein für Mesut Özil bei diesem Turnier. Er müsste nur in jedem Spiel zwei Tore schießen und etwa sieben vorbereiten, und vielleicht müsste er noch sagen, dass er in diesem Jahr Weltfußballer werden will. Er wäre der Star, alle wären stolz auf ihn, und irgendeiner dieser enthemmten Fußballfernsehsender würde im Archiv unter Garantie die Stimme von José Mourinho auftreiben.

Özil sei der beste Zehner der Welt, hat der Trainer von Real Madrid gesagt. Man würde Özil vor laufender Kamera darauf ansprechen, er würde ein drittes Gesicht zücken, jenes, das auf Bescheidenheit programmiert ist - und dann könnte man noch mal die zwei Tore und sieben Torvorbereitungen dagegen schneiden. Es wären herrliche Bilder.

In Wirklichkeit hat sich diese Europameisterschaft noch kein Bild gemacht von Mesut Özil. Das 1:0 der Deutschen gegen Portugal: Flanke Khedira, Kopfball Gomez. Das 1:0 und das 2:0 gegen Holland: Pass Schweinsteiger, Schuss Gomez. Das 1:0 gegen Dänemark: Vorlage Müller, Ballberührung Gomez, Tor Podolski. Und das 2:1 gegen Dänemark: Das war natürlich dieser Lauf des vielfach gerühmten Lars Bender.

Dem Tor von Bender ging übrigens ein Pass von Mesut Özil voraus. Aber das ist keinem so recht aufgefallen bisher, findet jedenfalls Mesut Özil. Und wenn, dann heißt es höchstens, dass Özil ja eigentlich Klose anspielen wollte, und dass Bender nur treffen konnte, weil der Pass bei Klose nicht ankam.

Mesut Özil fühlt sich nicht ganz gerecht behandelt zurzeit, er fühlt sich unter Wert besprochen. Er sagt das so nicht, er zieht sich meistens hinter sein Gesicht zurück, nur manchmal gestattet er einen kleinen Blick in seine Künstlerseele. "Ich bin keine Maschine, bei der immer alles perfekt klappt", sagt er dann. Oder er sagt: "Ich schaue nicht auf die Noten in den Zeitungen." Das sagen Fußballer immer dann, wenn sie auf die Noten in den Zeitungen schauen.

Die Geister, die er rief, ist Özil in der Vorrunde nicht ganz los geworden. Er hat das Pech, dass er so viel Glück hatte, dass ihn die Natur mit überwältigendem Talent ausgestattet hat. Das führt zu dem Konflikt, dass die einen (die Zuschauer) dieses Talent immer sehen wollen, während die anderen (die Gegner) es immer bekämpfen. So haben die Dänen am vorigen Sonntag zum Beispiel beschlossen, einen ihrer besten Mittelfeldspieler zu opfern.

Sie haben den Stuttgarter William Kvist im Grunde freiwillig aus dem Spiel genommen und ihn fast ausschließlich mit der Verfolgung von Özil beauftragt. Es war eine Art Manndeckung, mitten im Jahr 2012. "Und es war ja nicht nur einer", sagt Özil, "es ist zurzeit meistens so: Wenn ich den Ball habe, kommen immer gleich mehrere auf mich zu. Gegen mich will sich jeder Gegenspieler besonders beweisen."

Mesut Özil weiß jetzt endgültig, was es bedeutet, ein Spieler von Real Madrid zu sein. Vor zwei Jahren, bei der WM in Südafrika, war alles noch neu und niedlich, Özil war Gesicht und linker Fuß einer weltweit bestaunten Integrations-Elf. Aus dem Migrationshintergrund müsste Özil schießen, das war die Überschrift, unter der die Elf damals Sport trieb, aber jetzt ist daraus ein Vordergrund an Pflichten und Ansprüchen geworden. "Die Erwartungen an mich sind extrem hoch", sagt Özil, "bei Real Madrid genauso wie bei Nationalmannschaft."

Ferrari im Nobelquartier

Er ist jetzt in eine gefährliche Welt geraten, eine Welt, "in der einen die Paparazzi ständig verfolgen, beim Essen, beim Shoppen, beim Spazieren gehen". Die Primera Division wird kaum übertragen im deutschen Fernsehen, deshalb sind es oft die gefährlichen Bilder, die in der Heimat ankommen: die Bilder vom schwarzen Ferrari mit Gelsenkirchener Kennzeichen, der in einem Madrider Nobelquartier vor einer Boutique parkt und von einer Politesse mit einem Strafzettel behängt wird; die Bilder von der Yacht, auf der Özil mal mit ein paar Freunden gefeiert und eine Zigarette geraucht hat.

Dabei sind die Bilder eigentlich viel schwächer als diese Zahlen: Mesut Özil trägt die Nummer zehn bei Real Madrid. Er hat in dieser Saison 35 von 38 Spielen bestritten. Er hat 20 Tore vorbereitet.

Der öffentlichen Figur Özil fehlt noch der Stellenwert, der dem Sportler Özil zusteht. Özils Vater Mustafa hat kürzlich zur Unterstützung Joachim Löws Medienberater Roland Eitel engagiert, eine Verbindung, die die Branche mit Neugier verfolgt. Gemeinsam sehen sie, dass Mesut Özil wirklich kein schlechtes Turnier spielt bislang, auch wenn die Noten, die er natürlich nicht liest, einen anderen Schluss zulassen. Der Bundestrainer hat ihn darauf hingewiesen, dass seine defensive Hingabe noch etwas ausbaufähig ist, aber Özil spürt, dass nicht mehr viel fehlt.

Gegen Dänemark hat er mächtig losgelegt, er Bälle gepasst, geschnippelt und gechippt, und später, in der zweiten Halbzeit, hat er einen Ball gespielt, der so schön war, dass er dafür hundertmal vor einer Boutique falsch parken darf. Er hat den Ball von oben wie mit einem Spaten angestochen, und dann hat der Ball eine Flugkurve genommen, die in keinem Fußball-Internat der Welt gelehrt wird. Der Ball kam genau zu Sami Khedira, der dann ans Außennetz schoss.

Gegen Griechenland, das weiß Özil, werden seine Flugkurven wieder mal besonders dringend benötigt, er könnte mal wieder der Schlüsselspieler sein. Es wird seine Aufgabe sein, Räume zu sehen, die andere nicht sehen, aber er braucht auch die Unterstützung der Kollegen dafür. "Der Laufweg bestimmt den Pass, nicht umgekehrt!" hat Joachim Löw nach dem Dänemark-Spiel mehr gerufen als gesagt.

Er will damit sagen, dass nicht immer der Passspieler schuld ist, wenn der Pass nicht ankommt. Der Passgeber braucht auch einen Offensivspieler, der mal einen Lauf anzieht, der mal einen Raum aufreißt, in den der Passspieler dann hineinspielen kann. Ob die Mitspieler zu viel bei ihm abladen im Moment, ob sie sich zu sehr auf seine Kreativität verlassen? Özil setzt sein Öffentlichkeitsgesicht auf. "Der Trainer wird da sicher noch mal drüber reden", sagt er, "und wir werden das weiter trainieren."

Der Schlüsselspieler sucht das Schloss, das ist zurzeit das Thema bei dieser Elf, der es zu schaffen macht, das ihre Gegner zunehmend das Spiel verweigern. Es ist die Chance für Özil, endlich ein paar starke Bilder zu produzieren und ein paar Noten, die man hinterher auch lesen kann.

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Quelle:
SZ vom 22.06.2012/jbe
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