Süddeutsche Zeitung

Champions League:Camp Nou huldigt Messi

  • Gegen das Pressing des FC Liverpool müht sich der FC Barcelona im Halbfinal-Hinspiel der Champions League - doch am Ende steht es 3:0 für das Team von Ernesto Valverde.
  • Zwei Tore von Lionel Messi, eines von Luis Suárez und taktische Maßnahmen des Trainers tragen zu dem Ergebnis bei.
  • Liverpool-Coach Jürgen Klopp glaubt trotz der hohen Niederlage, "dass wir das beste Champions-League-Auswärtsspiel gemacht haben".

Als die Partie vorüber war, hatte Lionel Messi neuerlich eine Dimension gesprengt. Denn als die Menschen das Camp Nou verließen, hatten sie immer noch nicht all die Messi-Chöre herausgepresst, die ihre Brüste in Beschlag genommen hatten. "Messi, Messi, Messi ...", riefen sie in die tiefste Nacht hinaus. So, wie sie es zuvor im Stadion getan hatten, als Messi gegen den FC Liverpool die Pflichtspieltore 599 und 600 seiner Karriere erzielt hatte. Als sie ihm gehuldigt, sich nach vorn gebeugt hatten, mit ausgestreckten Armen, in einer wellenartigen, immer wieder kehrenden Verbeugung. Als sie ihm dafür gedankt hatten, dass er das Tor zum Champions-League-Finale in Madrid weit aufgestoßen hatte. "Messi, Messi, Messi ..."

Seit Monaten wird daran erinnert, dass Messi, 31, zu Saisonbeginn das Mikro in die Hand genommen und der Menge gesagt hatte, dass man alles dafür tun wolle, "diesen schönen, ersehnten Pokal" wieder nach Barcelona zu holen. Zum ersten Mal nach 2015, dem bisher letztmaligen Champions-League-Triumph Barcelonas. Die Botschaft versetzte die Branche in Alarmstimmung. "Ich habe das damals als eine Drohung verstanden", sagte Liverpools Trainer Jürgen Klopp am Vorabend der Partie in Barcelona. Wie richtig er damit lag, war am Mittwoch im Camp Nou zu sehen. An dem Abend, an dem Messi sogar einen Kreis vollendete: Seine Tore 599 und 600 erzielte er am 14. Jahrestag seines ersten Tores für die erste Mannschaft Barcelonas, vor den Augen seines früheren Trainers Josep Guardiola. "Messi, Messi, Messi ..."

Barça litt zu Hause wie vielleicht noch nie in den vergangenen Jahren. Und tat das mit einer Hingabe und Struktur, die viel davon erzählt, wie sehr der lange skeptisch beäugte Trainer Ernesto Valverde die Mannschaft bereichert hat. Liverpool zog ein absurd hohes Pressing auf, spielte größtenteils in der Hälfte Barcelonas, kam zu Chancen. Und Barcelona bewies, auch gegen den Strom schwimmen zu können. Gegen Liverpool traf Valverde zwei Entscheidungen, die den Erfolg begünstigten: Er stellte den früheren Bayern-Profi Arturo Vidal und nicht den Brasilianer Arthur ins Mittelfeld, obwohl dieser das Spiel besser kanalisiert und eher dem Typus Passmaschine entspricht als Vidal. Es war der bewusste Verzicht auf einige Prozente Ballbesitz, um die Muskelmasse Barcelonas aufzupumpen.

Die zweite Entscheidung: Valverde zog nach 60 Minuten den nachlassenden Coutinho ab, stellte Semedo als Rechtsverteidiger auf und schob Sergi Roberto nach vorne. Aus dem 4-3-3 wurde ein 4-4-2. Barcelona hielt nicht mehr nur stand, sondern bekam dadurch mehr Luft - gegen ein übrigens wirklich beeindruckend pressendes Liverpool.

Es helfe zwar nichts, sagte Trainer Jürgen Klopp: "Aber ich glaube wirklich, dass wir das beste Champions-League-Auswärtsspiel gemacht haben." Liverpool hatte tatsächlich seine Chancen - doch vor der Pause vergab Sadio Mané (34.), danach machte Barcelonas deutscher Torwart Marc-André ter Stegen seinem Ruf als aktuell wohl weltbester Torwart alle Ehre, als er gegen Milner und Mo Salah rettete, dann hatte Barcelona schlicht Glück: Ivan Rakitic vereitelte auf der Linie einen Treffer Liverpools, dann traf der nach langer Zeit wieder bezaubernde Salah nur den Pfosten.

"What a strike...!", stöhnt Klopp

Doch da stand es schon 0:3. Erst hatte Luis Suárez zur Führung (26. Minute), schließlich Messi zum zwei und drei zu null getroffen. Erst per Abstauber, nachdem Suárez den Ball mit dem Knie an die Querlatte gejagt hatte (75.), dann durch einen wahnwitzigen direkten Freistoß. Messi schoss den Ball aus offiziell 29 Metern in den linken oberen Winkel (82.).

"Der ist mir spektakulär gelungen", sagte Messi nach dem Spiel - und klang dabei fast so, als sei ihm der Kunststoß so rausgerutscht. "Ich hab's drauf angelegt und hatte Glück, dass er genau dort reingeflogen ist", fügte der Argentinier hinzu. "What a strike...!", stöhnte hingegen Liverpools Trainer Klopp, als er unter einer schwarzen Liverpool-Kappe im Presseraum saß: "Was für ein Treffer ...!" Derweil griffen die Sportblätter Barcelonas zu den großen Lettern: "Delirium!", titelte die Zeitung Sport, "GIGANTENschritt", schrieb El Mundo Deportivo. Und wieder war kein Wort zu groß, um Messi auf den Altar zu heben. "Er ist ein Genie", sagte Barcelonas Präsident Josep María Bartomeu. Selbst auf der Insel sahen sie das so: "Von einem anderen Planeten", schrieb der Guardian, "Maestro Messi", unterstrich The Daily Telegraph.

Drei Mal schon hat Messi in Halbfinalhinspielen doppelt getroffen, 2011 gegen Real Madrid, 2015 gegen den FC Bayern. In beiden Jahren hieß der Champions-League-Sieger FC Barcelona. Nun bürgte er für ein 3:0. "Wir hatten im vergangenen Jahr auch einen Drei-Tore-Vorsprung", raunte Trainer Valverde - und spielte damit auf das 4:1 gegen die AS Roma an, das dann nicht reichte, um weiterzukommen, weil der FC Barcelona das Viertelfinal-Rückspiel in Italien mit 0:3 verlor. Ob überhaupt noch eine Chance bestehe, wurde Klopp gefragt, und Liverpools Trainer antwortete mit der ihm eigenen Prise Ironie: "Weil es Fußball ist, ja. Aber vor diesem Spiel waren unsere Chancen größer ..."

In der Geschichte der Königsklasse hat es nur zwei Halbfinalrunden gegeben, wo ein Dreitorevorsprung noch gedreht wurde: Panathinaikos Athen drehte 1971 ein 1:4 gegen Roter Stern Belgrad, der FC Barcelona egalisierte 1986 mit Bernd Schuster ein 0:3 bei IFK Göteborg und setzte sich nach Elfmeterschießen durch. Im Rückspiel treten die Teams in Liverpools Stadion an, und wohl kaum ein Ort würde einer legendären Aufholjagd als derart geeignete Bühne dienen. "This is Anfield", steht auf dem berühmten Schild, das dort im Spielertunnel hängt. Doch Barcelona kann dem seinerseits Imposantes entgegensetzen: Lionel Messi.

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