Süddeutsche Zeitung

Relegation zwischen Hertha und Hamburg:Legende in der falschen Stadt

Lesezeit: 4 min

Kaum jemand verkörpert die große Fußballzeit Hamburgs so sehr wie Felix Magath. Nun muss er als Hertha-Trainer verhindern, dass der HSV in die erste Liga zurückkehrt. So viel Nostalgie bringt wohl nur einen nicht aus dem Konzept: Felix Magath.

Von Javier Cáceres und Thomas Hürner

Der Tag, an dem Felix Magath zur Legende des Hamburger SV werden sollte, begann mit einer Überraschung. Es fehlten nur noch Stunden bis zum Anpfiff des Finales um den Europapokal der Landesmeister gegen Juventus Turin in Athen. Und Ernst Happel, seinerzeit Trainer des HSV, bat die Mannschaft nach dem Frühstück nicht zum üblichen Spaziergang. Sondern zum Golfen. Die Spieler sollten beim Putten die Konzentration aktivieren, heißt es in der Happel-Biografie "Genie und Grantler". Es half allen Hamburgern an diesem 25. Mai 1983. Doch vielleicht keinem so sehr wie Magath.

"Natürlich kann ich mich daran noch erinnern!", ruft Dino Zoff ins Telefon, "er hat uns damals eine schöne Party verdorben, mit einem bel gol." Das schöne Tor entstand schon in der 9. Minute: Manni Kaltz spielte Magath im Halbfeld an, Marco Tardelli sprang hoch, sodass Magath zu der von Zoff aus gesehen rechten Strafraumkante lief und - weil er keine bessere Idee hatte, wie er später sagen sollte - den Ball in den rechten Winkel schlug. Bel gol, fürwahr, und wahrlich "nicht zu halten", sagt Zoff, "ich habe mich nie für unfehlbar gehalten, aber da war nichts zu machen."

"Magath wurde zum HSV-Mythos", sagt sein früherer Gegenspieler Dino Zoff

Das Tor stellte alle Prognosen auf den Kopf: Der HSV holte den Europapokal gegen eine von Giovanni Trapattoni trainierte Mannschaft, in der neben Zoff noch fünf weitere italienische Weltmeister von 1982 standen, dazu Michel Platini und Zbigniew Boniek. "Wundert mich nicht, dass Magath zum HSV-Mythos wurde", sagt Zoff, der ihn nie wieder getroffen hat, aber darum bittet, man möge ihm beste Grüße ausrichten. Und der HSV-Mythos Felix Magath ist nun derjenige, der dem HSV - seinem HSV - die Rückkehr in die erste Liga verwehren kann. Oder soll. Oder muss. Was für eine Ironie.

Magath, 68, ist seit Mitte März Trainer von Hertha BSC, er hatte zuletzt immer wieder damit kokettiert, dass die Berliner bestimmt in der Relegation landen und dort auf den HSV treffen würden. Am Donnerstag ist es nun tatsächlich so weit, als habe er eine Self-fulfilling Prophecy ausgesprochen. Hertha empfängt den HSV im vollbesetzen Berliner Olympiastadion.

"Der Gedanke, gegen den HSV anzutreten, war und ist immer unbehaglich", sagte Magath am Samstag in Dortmund, als er noch nicht wusste, dass Hertha gegen den HSV spielen würde. "Wenn's der HSV wird, wird's für mich ein schwieriges Spiel", fügte er hinzu. Er hätte am Sonntag nach Rostock fahren können, wo der HSV mit einem Sieg den Relegationsplatz erzitterte. Doch Magath fuhr nach Darmstadt, als beschwöre er die Götter, den Kelch HSV an ihm vorüberziehen zu lassen. Es half nix.

Am Tag vor dem Relegationsduell versteckte Magath seine Emotionen

Am Mittwochmittag saß Magath dann in einem kargen Pressesaal, vor sich eine Tasse Kaffee, er strahlte eine glaubhafte Seelenruhe aus. Wobei Magath nicht Magath wäre, wenn nicht jede seiner Gesten und Worte auch Teil seiner persönlichen Psychostrategie wären, die beim Gegner irgendetwas hervorkitzeln soll - und wenn es nur ein bisschen Verwirrung darüber ist, wie es um Magaths Emotionen in Wahrheit bestellt ist.

Anders als nach dem Dortmund-Spiel hielt er vor der Öffentlichkeit alles erfolgreich verborgen, was auch nur ansatzweise nach Gefühlen aussehen könnte. Klar, sagte Magath, er würde lügen, wenn die Konstellation "gar keine Rolle" spielen würde. Aber er sei voll "auf sich" und die "bevorstehende Aufgabe" fokussiert. Damit war das Thema für ihn erledigt.

Nach ein paar Tagen persönlicher Gewöhnungszeit an den Relegationsgegner gibt es keine Anzeichen dafür, dass sich Felix Magath von der Nostalgie aus dem Konzept bringen ließe. Im Gegenteil - er hat nicht nur einen Ruf zu verlieren, sondern auch eine kaum zu unterschätzende Zusatzmotivation. Das Boulevardblatt Bild, zu dem Magath in seinen Berliner Wochen ein ausgezeichnetes Verhältnis gepflegt hat, berichtete schon vor Monaten undementiert, der frühere HSV-Mann habe ein vergleichsweise karges Honorar bei der Hertha ausgehandelt - aber eine siebenstellige Euro-Prämie im Fall des Nichtabstiegs. Und in der Hamburger Chefetage glauben sie eh, dass Magath sich selbst am Ende für wichtiger nimmt als den HSV. Seinen HSV?

Für Magath ist es die erste Relegation - aber mit Endspielen kennt er sich aus

Egozentrik wäre bei Felix Magath kein völlig neues Phänomen. Doch auch er ist manchmal für Überraschungen gut. Eigentlich könnte man meinen, Magath habe im Profigeschäft schon alles erlebt. Er war schon Ballkünstler, Meistertrainer und Feuerwehrmann. Ein genauer Blick in seine Vita beweist aber: So eine Relegation stellt für ihn absolutes Neuland dar, sei es als Spieler oder als Coach. Für Magath ist das aber kein Problem, wie er am Mittwoch darstellte.

Die Relegation, sagte er, sei ja letztlich eine Art "Endspiel", nur halt in doppelter Ausführung - und diese Art von Spielen sind sowohl dem Fußballer als auch dem Trainer Magath bestens bekannt. Er hat mit dem HSV nicht nur 1983 in Athen gewonnen, sondern 1977 auch den Pokalsiegercup gegen den RSC Anderlecht. Der HSV war mit Magath drei Mal deutscher Meister. Und richtig, richtig groß.

Besondere Spiele verlangen einen besonderen Spirit, auch das weiß kaum jemand besser als Magath. Das ist einer der Gründe, weshalb er sein Team für ein Kurztrainingslager im brandenburgischen Kienbaum einquartiert hat, einem Ort, an dem sich schon zahlreiche Olympiasieger und Weltmeister-Athleten auf ihre Aufgaben vorbereitet haben.

Man tue dort "alles, was notwendig ist, um Leistung zu bringen", sagte Magath, der seine Mannschaft allerdings auf einigen Schlüsselpositionen umbauen muss: Torwart Marcel Lotka könnte verletzt ausfallen, Mittelfeldmotor Santiago Ascacibar fehlt gelbgesperrt - und dann wäre da noch die Sache mit Kevin-Prince Boateng. Neulich soll es im Training gekracht haben zwischen dem Mittelfeldmann und Magath, doch aus "sichererer Quelle" weiß der Coach, dass alles halb so wild gewesen sei. Die Quelle heißt freilich: Felix Magath.

Auch Dino Zoff war Trainer, und er sagt, dass er keinen Zweifel daran hat, dass Magath seine "Arbeit sicher gut erledigen will, auf diesem Niveau denkt man nur an den Sieg". Möglich, dass Felix Magath alles ausblendet, was er dem HSV gegeben hat und was der HSV ihm zu verdanken hat. Kann sogar sein, dass er die Hertha in der ersten Liga hält und den HSV unten in der zweiten.

"Aber wenn das passiert, wird es ihm hinterher wehtun. Er war eine Säule Hamburgs", sagt Dino Zoff.

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