Süddeutsche Zeitung

Wimbledon:Eskalation im Zirkus des Nick Kyrgios

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Der Bad Boy des Tennis liefert ein fragwürdiges Meisterstück ab: Nick Kyrgios treibt Stefanos Tsitsipas derart zur Weißglut, dass dieser austickt und in die Rolle des Schurken gerät. Chronik eines unsportlichen Spektakels.

Von Gerald Kleffmann, Wimbledon

Immerhin, diesmal hatte Nick Kyrgios nicht in die Richtung eines Zuschauers gespuckt. Er hatte keinen Besucher mit Flüchen überschüttet, wie er es bei diesem Turnier namens Wimbledon schon in den Runden zuvor getan hatte. Kaum eine Pressekonferenz, in der er nicht zudem alles auf die Medien schiebt. Er sei immer unschuldig, andere würden Fehler machen, die ewige Leier.

Nick Kyrgios ist bekanntermaßen jemand, der in der Schublade steckt, in der Bad Boys stecken. Er ist gerne darin, das macht auch seinen Marktwert aus. Nach seinem Zweitrundensieg gegen den Serben Filip Krajinovic hatte er versichert: "Ich weiß, dass ich gut bin." Und in gewisser Weise ist er das tatsächlich. Zu Recht verweist er regelmäßig darauf, dass die Stadien voll sind, wo er spielt.

Der Streamingsender Netflix dreht in dieser Saison eine Dokumentation über die Tennistour. Kyrgios wird angeblich am häufigsten von Kameraleuten begleitet. Auch an diesem Samstagabend sollen sie gesichtet worden sein, sie versuchen das ja eher diskret zu machen.

Sie hatten wahrlich viel zu filmen, so ein Match samt bizarrem Nachspiel im Pressekonferenzraum dürften sie bislang noch nicht eingefangen haben. Und das lag nicht nur, aber natürlich auch, an Kyrgios, der - ein Novum - diesmal nicht der böseste Bube war, sondern nur der zweitböseste. Zumindest auf dem Platz. Seine Partie gegen den Griechen Stefanos Tsitsipas wird jedenfalls in Zukunft zu jenen unvergesslichen Matches zählen, bei denen man sich weniger ans Tennis und den 6:7 (2), 6:4, 6:3, 7:6 (7)-Erfolg des 27 Jahre alten Australiers erinnern wird.

Kyrgios machte Tsitsipas verrückt mit einer Mischung aus Lamentieren, Maulen, Tricksen und glänzendem Tennis

Es ging hitzig zu auf Court No. 1, dem zweitgrößten Stadion der Anlage. Die Atmosphäre war vor dem Match schon besonders, die Arena war voll. Selbst Juan Carlos Ferrero, der Trainer des spanischen Mitfavoriten Carlos Alcaraz, fand erst mal keinen Sitzplatz. Von Anfang an war die Intensität der Ballwechsel immens, die Anspannung hoch. Tsitsipas ist die Nummer fünf der Welt, Kyrgios die Nummer 40, aber er selbst sieht sich als "Top-5-Rasenspieler". Er nimmt auch bei seiner spielerischen Selbsteinschätzung nie ein Blatt vor den Mund.

Auf dem Platz redet und murmelt er ständig vor sich hin, die Engländer nennen das "Chuntering", Dauerbrabbeln. Kyrgios trieb Tsitsipas, und sicher ahnte er das, zur Weißglut mit seiner Art, seinem Lamentieren und Maulen und Tricksen. Kyrgios wagte früh schon einen Aufschlag von unten, er schlug den Ball durch die Beine und machte den Punkt - Tsitsipas war es, der allmählich die Nerven verlor.

Dabei hatte er noch den ersten Satz gewonnen, 7:6 (2). Doch als er den zweiten Satz 4:6 verlor, wurde er unbeherrscht, drosch den Ball mit der Rückhand weg ins Publikum. Die gelbe Kugel verfehlte nur knapp Köpfe. Kyrgios verlangte sofort, Tsitispas müsse disqualifiziert werden, er verlangte den Oberschiedsrichter, "I want them all", rief er. Eine Disqualifikation nach einem ähnlichen Vorfall hatte es 2020 bei den US Open gegeben, damals hatte Novak Djokovic bei einem kurzen Wut-Schuss eine Linienrichterin getroffen. Tsitsipas hatte in dieser Szene Glück - er kam mit einer Verwarnung davon.

Kyrgios provoziert und droht mit Eskalation - aber es ist sein Gegner, der die Contenance verliert

Die Stimmung blieb so, dass man jederzeit damit rechnen musste, der eine oder andere flippe aus. Kyrgios konnte bis dahin eine Verwarnung wegen "verbaler Obszönität" verbuchen. Eine Linienrichterin wollte er ausgetauscht sehen. Mehrmals war er kurz davor, seinen Schläger zu zerhacken. Den tapfer kämpfenden Schiedsrichter Damien Dumusois fragte er dreist: "Bist du dumm?" Er beschimpfte ihn: "Du bist eine Schande, du änderst die Regeln, wie du willst." Er prophezeite, bei der Pressekonferenz werde es einen "amount of shit" geben, den Wimbledon kassiere.

Doch es war Tsitsipas, der die Fassung verlor bei Kyrgios' nächstem Aufschlag von unten: Der Grieche drosch den Return mit voller Wucht Richtung Anzeigetafel. Er kassierte einen Punktabzug. Und wieder Debatten und Gezeter. Tsitsipas versuchte mehrmals, Kyrgios abzuschießen. Das ist per se nicht verboten, aber Freunde macht man sich auf diese Art nicht, ganz bestimmt nicht in England. Die Menge raunte.

Dem frostigen Handschlag folgen wilde Pressekonferenzen

Hochklassig, und das war das Verblüffende, blieb das Tennis der beiden, die sich in den Sätzen drei und vier nichts schenkten, rackerten, rannten, sich oft selbst aus brenzligen Rückständen bei eigenem Aufschlag befreiten. Bei Tsitsipas keimte Hoffnung, er hatte gar einen Satzball bei 5:4 im vierten Satz. Und einen zweiten im Tie-Break. Doch Kyrgios verwandelte seinen zweiten Matchball. Ein frostiger Handschlag, noch zivilisiert verließen beide den Platz. Aber in der Pressekonferenz wurde es wild. Es hagelte nur noch Vorwürfe.

Zuerst tauchte Tsitispas auf. Er sprach ruhig, doch klar. Er sagte: "Es ist konstantes Mobbing. Er mobbt seine Gegner. Er war vermutlich in der Schule ein Tyrann. Ich mag keine Tyrannen. Ich mag keine Leute, die andere Leute niedermachen." Er sagte: "Er hat eine sehr böse Seite in sich." Er sagte: "In gewisser Weise fühlte es sich wie ein Zirkus an. Es ermüdet dich. Das dauernde Reden, das dauernde Beschweren. Wir sind hier, um Tennis zu spielen, nicht um Dialoge zu haben." Er sagte: "Es gibt keinen anderen Spieler, der das macht: Es gibt keinen anderen, der die ganze Zeit wütend und frustriert ist. Ich hoffe wirklich, wir Spieler beziehen Stellung und machen diesen Sport zu einer besseren Version, solches Verhalten kann nicht toleriert werden."

Dass er es war, der den Ball ins Publikum drosch? "Das war wirklich schlecht von mir", räumte Tsitsipas ein. Er sei erleichtert, dass er niemanden traf. Er werde das nie mehr machen - "aber jemand hat dieses Verhalten verursacht".

"Ich habe nichts gemacht", sagte Kyrgios. "Ich habe buchstäblich nichts gemacht."

Kyrgios, klar, sah alles ganz anders. Er sagte: "Er war derjenige, der Bälle auf mich geschlagen hat." Er sagte: "Abseits von meinem Hin und Her mit dem Schiedsrichter habe ich Stefanos gegenüber nichts Respektloses gemacht." Er sagte: "Vielleicht sollte er versuchen, zuerst herauszufinden, wie er mich ein paar Mal schlagen kann." Zu Hause in Australien spiele er selbst viel Basketball, da gehe es rau zu mit anderen Basketballern, "diese Jungs sind Hunde". Gegner hier im Tennis - und es war ersichtlich, dass er Tsitsipas meinte - seien "weich". Überhaupt: "Ich habe nichts gemacht. Ich habe buchstäblich nichts gemacht." Das sagte er ernsthaft.

Ja, es war ein Zirkus, aber diesmal auch mit einem Unterschied: Kyrgios warf sich selbst nicht aus der Bahn mit seinen Tiraden, sein spielerisches Niveau war außergewöhnlich, in engen Phasen war er nervenstark. Er lässt in Wimbledon tatsächlich sein Tennis für sich sprechen. Meistens jedenfalls. "Ich fühle mich gut", sagte er zur Frage, wie er seine Chancen nun sehe, das Turnier zu gewinnen. Er schaue aber nur auf die nächste Runde. Im Achtelfinale trifft er auf den Amerikaner Brandon Nakashima. Der 20-jährige aus San Diego dürfte nun wissen, was ihn erwartet.

Im Halbfinale könnte Kyrgios dann auf Rafael Nadal treffen, der am Freitag Lorenzo Sonego 6:1, 6:2, 6:4 besiegte und ebenfalls Ungewöhnliches tat: Noch am Netz beim Handschlag hatte der 22-malige Grand-Slam-Sieger aus Spanien den Italiener gemaßregelt, offenbar weil der nach seinen Schlägen immer so laut stöhnte. Einen Kontrahenten so direkt zu konfrontieren, daran kann man sich bei Nadal nicht erinnern. Später entschuldigte sich der Spanier, das so öffentlich auf dem Centre Court getan zu haben. Wie er wohl auf Nick Kyrgios reagiert hätte an diesem seltsamen Samstag?

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