Süddeutsche Zeitung

Liverpool in der Premier League:Slapstick mit Klopp und Robin Koch

Beim 4:3 gegen Aufsteiger Leeds zum Saisonstart zeigt sich Liverpool überraschend verwundbar - und profitiert von Fehlern eines deutschen Debütanten.

Von Jonas Beckenkamp

Die Sprache des Fußballs kennt keine Grenzen und deshalb fanden auch Jürgen Klopp und Marcelo Bielsa, den sie in seiner Heimat Argentinien "el Loco" (den Verrückten) nennen, an diesem Samstagabend schnell zueinander. Vor der Partie zum Premier-League-Start zwischen Klopps FC Liverpool und Bielsas Leeds United tauschten beide ein paar Freundlichkeiten aus - dabei heißt es über Bielsa, dass er kaum Englisch spricht. Klopp hatte sich dennoch explizit gefreut, den mitunter kauzigen Fußballweisen aus Rosario kennenzulernen.

Noch mehr dürfte er sich am Ende aber gefreut haben, dass ihn dieser Bielsa mit seiner Aufsteigerelf nicht noch mehr geärgert hat, als es beim chaotischen 4:3 (3:2) ohnehin der Fall war. "Was für ein Spiel, was für ein Gegner, ein echtes Spektakel," fasste es Klopp zusammen. Noch ruckelt und knarzt es bei Liverpool, das blieb als prägende Erkenntnis eines Spiels mit zahlreichen Wendungen und reichlich Slapstick hängen.

Dass es für die "Reds" keinen Fehlstart zum Auftakt gab, lag letztlich am groß aufspielenden Mohamed Salah, der mit zwei Elfmetern und einem sehenswerten Winkelschuss drei Treffer fabrizierte. Das vierte Liverpooler Tor besorgte Virgil van Dijk wie so oft per Torpedokopfball nach einer Ecke - doch dazwischen half ausgerechnet der aus Freiburg nach Leeds gewechselte deutsche Nationalspieler Robin Koch ordentlich mit, Klopps Tag zu retten.

Koch, immerhin um die 13 Millionen Euro teuer und als solider Defensiv-Vertreter bekannt, verbrachte sein Debüt auf der Insel weitgehend unglücklich. Erst verursachte er früh einen klaren Handelfmeter, dann ließ er van Dijk beim Kopfball freizügig gewähren. "Natürlich bin ich stolz auf mein erstes Spiel in der Premier League, aber selbstverständlich auch enttäuscht über das Ergebnis", sagte der 24-Jährige, "wir haben als Team stark gekämpft, über weite Strecken gut gespielt und viel Charakter gezeigt." Weil aber das Ergebnis nicht stimmte, wird sich später trotzdem keiner daran erinnern, dass Leeds ohne allzu viele Bekanntheiten auf dem Feld ziemlich beeindruckend mithielt.

Die Gäste überzeugten mit Offensivmut und glichen dreimal durch Treffer von Jack Harrison (12.), Patrick Bamford (30.) und Mateusz Klich (66.) aus. Wären in Anfield Zuschauer zugegeben gewesen, sie hätten sich wohl verwundert die Augen gerieben, ob der Widerspenstigkeit der "Whites". Sie bewiesen nämlich, dass sie zurecht nach 16 Jahren Unterklassigkeit wieder in die Premier League zurückgekehrt sind.

Auch Klopp, dessen Kommandos laut durch die Arena hallten, rang der Auftritt Anerkennung ab: "Super, gegen einen so aufopferungsvoll und komplett anders verteidigenden Gegner Fußball zu spielen." Bielsa hatte Leeds eine giftige Pressingtaktik verpasst, mit der Liverpool Probleme hatte. Plus mal Plus ergibt dann manchmal Doppelplus im Fußball, sprich: reichlich Torszenen.

So sei es am ersten Spieltag mit Rost im Getriebe für sein Team "auch nicht einfach" gewesen, bemerkte Klopp erleichtert. Und die Abstimmungs-Schwierigkeiten hinten drin? Eine Frage der Übung, nachdem viele seiner Jungs zuletzt bei Länderspielreisen unterwegs waren, erklärte Klopp. "Verteidigen ist halt nicht wie Radfahren, das man einmal erlernt und dann beherrscht. Man muss es immer wieder neu zusammen angehen."

Sorgen darf er sich ob der Defensive seiner Männer aber durchaus machen, drei Gegentore sind in Liverpool ja so selten wie karibische Sommertage. Er wolle sich die wackeligen Abwehrszenen noch einmal genau ansehen, folgerte Klopp - was besonders für van Dijks Lapsus vor dem 2:2 gelten dürfte. Der Holländer hatte Bamford den Ball einfach selbst vorgelegt und musste sich beißende Kritik von Liverpool-Legende Jamie Carragher im TV anhören: "Das hätte heute locker ein 7:7 sein können, einiges wirkte viel zu arrogant."

Immerhin, nach vorne klappte schon wieder einiges, die Qualität Liverpools in diesem Segment des Spiels ist ungebrochen - auch ohne jegliche Verstärkung. Etwas überraschend hielt sich der Meister in Sachen Transfers bisher zurück. Sollte sich der Einkauf von Bayerns Thiago nicht realisieren lassen, bliebe Liverpool im Vergleich zum Vorjahr fast unverändert. Einziger Neuer ist der griechische Linksverteidiger Konstantinos Tsimikas, ein 13-Millionen-Schnäppchen von Olympiakos Piräus, dessen Tauglichkeit sich erst noch zeigen muss.

Klopp hätte gerne Timo Werner in seinen Roadrunner-Fußball integriert, doch der deutsche Nationalstürmer war den Eigentümern der "Reds" zu teuer und landete bei Chelsea. Doch auch ohne ihn fand der Coach die gewohnt angriffslustige Ausrichtung seiner Elf gegen Leeds "wirklich gut", er habe viel Positives gesehen. Salah, Sadio Mane und Roberto Firmino, diese Offensivreihe soll auch in dieser Spielzeit Liverpools Betrieb ganz vorne sichern.

Und sie bekommt alsbald weitere Gelegenheit dazu. Schon am kommenden Sonntag steigt das Spitzenduell beim FC Chelsea, wo Klopp zur Begrüßung wieder ausgiebig Deutsch sprechen kann: Die Londoner treten wohl mit Timo Werner, Kai Havertz und Antonio Rüdiger an.

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