Süddeutsche Zeitung

Serie A und Corona:Erstmals wird ein Derby zum Geisterspiel

  • Das Derby Juventus gegen Inter wird am Sonntag aus Sorge vor dem Coronavirus erstmals ohne Zuschauer ausgetragen.
  • Italiens Sportminister Vincenzo Spadafore hatte sogar die sofortige Aussetzung aller Serie-A-Spiele gefordert, doch daran hält sich zunächst niemand.
  • Was bei dem Drama untergeht: Bei diesem Derby geht es um so viel wie lange nicht mehr.

Vor einem Derby d'Italia ist es ein gängiges Ritual, dass italienische Fußballhistoriker durch ihre Geschichtsbücher blättern, und was hat es in Duellen zwischen Juventus und Inter Mailand nicht alles schon gegeben: In den Sechzigerjahren hat Inter mal seine Jugendmannschaft aufgeboten, ein vom Präsidenten verordneter Protest, um die Verbandsoberen auf strukturelle Benachteiligung vonseiten der Schiedsrichter hinzuweisen. Juve gewann 9:1 und damit auch die Meisterschaft. Jahrzehnte später war das Land nach einem vermeintlichen Foul am Inter-Stürmer Ronaldo so in Aufruhr, dass dieser ausgebliebene Elfmeterpfiff auf der Tagesordnung des italienischen Parlaments landete. Die Atmosphäre in der Camera dei deputati glich dann dem brodelnden Inferno auf den Rängen, das die Tifosi üblicherweise ihrem verhassten Erzrivalen bereiten.

Und damit zu der Sache, die bei der 171. Auflage des Klassikers anders sein wird: Die Partie wird erstmals in einem leeren Stadion ausgetragen, was in Italien eigentlich mehrfach pro Saison passiert, als Strafe für Zündeleien und rassistische Entgleisungen mancher sogenannter Ultra-Gruppierungen. Ein Geisterspiel zwischen Juve und Inter aber hat es noch nie gegeben, der Grund dafür hat es freilich längst auf die Tagesordnung des italienischen Parlaments geschafft.

Wegen des vor allem in Norditalien grassierenden Coronavirus sind auch Fußballstadien per Dekret zur zona rossa deklariert worden, die Entscheidung wurde von Ministerpräsident Giuseppe Conte am Mittwochabend in einer Videobotschaft verkündet. Vorerst gilt die rote Zone bis zum 3. April. In einer Sondersitzung am Dienstag will der italienische Ligaverband über die Fortführung der italienischen Serie A entscheiden, nachdem Italiens Sportminister Vincenzo Spadafore am Sonntag die sofortige Aussetzung der Spiele in der Fußball-Serie-A gefordert hatte.

Schon die vergangenen beiden Spieltage waren teilweise abgesagt oder ohne Zuschauer ausgetragen worden. Für den Verzicht auf Fußball gab es in der Bevölkerung viel Verständnis, in Krisenzeiten steht diese ansonsten sehr gespaltene Nation zusammen. Die beiden Protagonisten des Derby d'Italia machen da jedoch eine Ausnahme, wie so häufig wird im Zuge dieses Duells auch die Frage nach Recht oder Unrecht verhandelt. Eigentlich hätte das Spiel nämlich am vergangenen Wochenende stattfinden sollen, in einem leeren Stadion.

Eine Chronologie der Ereignisse: Gastgeber Juventus hatte sich geweigert, den Tifosi das Geld für ihre bereits gekauften Tickets zurückzuerstatten - mit dem Verweis darauf, dass diese Corona-Umstände nicht die Schuld des Klubs seien und die Sache daher in andere Zuständigkeitsbereiche fiele. Im Zweifel soll der Staat halt zahlen. Auch einige weitere Klubs aus der Serie A wollten nicht auf ihre Zuschauereinnahmen verzichten. Nicht nur die Tifosi zeigten sich jedoch empört vom Verhalten des Rekordmeisters, zumal es auch Vereine gab, die den Fans ihre Tickets anstandslos zurückerstattet haben. Und die Stimmung wurde nicht gerade besser, als sich der italienische Ligaverband gegen die Idee entschieden hatte, das Spiel aufgrund der Notlage im frei empfangbaren Fernsehen auszustrahlen.

Marktwirtschaft sticht Solidarität, so läuft das im Calcio heutzutage. Juve intervenierte so lange beim italienischen Fußballverband, bis man eine Absage des Spiels erwirkt hatte - allerdings ohne Pläne für eine neue Terminierung. Beide Vereine sind noch in europäischen Wettbewerben und im nationalen Pokal vertreten. Mangels Alternativen wurde das Derby d'Italia dann einfach für den kommenden Sonntag angesetzt, zur gleichen Uhrzeit und - wie ursprünglich ohnehin geplant war - vor leeren Rängen. Man hätte also auch einfach eine Woche früher spielen können.

Im Inter-Lager sorgte dies für Empörung, was auch daran liegt, dass es in diesem Klub eine Tradition ist, hinter solchen Entscheidungen eine Bevorzugung des Erzrivalen zu vermuten. Ganz Unrecht dürften sie in diesem speziellen Fall damit aber nicht haben: Inter war schon in der Woche zuvor von einer Spielabsage betroffen, während Juve antreten konnte und damit ein Nachholspiel weniger im immer enger werdenden Terminkalender hat. Inter-Präsident Steven Zhang, der 29-jährige Sohn des chinesischen Klubeigentümers, sah deshalb einen Anlass, den Ligachef Paolo Dal Pino via Instagram als "dunklen Clown" zu bezeichnen und ihm einen Mangel an "Sportsgeist" und am Willen an einem "fairen Wettbewerb" zu attestieren. Dal Pino möchte nun juristisch gegen Zhang vorgehen. Der Chinese wiederum war am Donnerstagabend bei Juve-Präsident Andrea Agnelli zum Abendessen eingeladen, damit der Streit vorerst beigelegt werden kann.

Die Gemengelage hat viel mit den Trainerwechseln der Erzrivalen zu tun

Bei dem ganzen Brimborium geht beinahe unter, dass es bei diesem Derby d'Italia um so viel geht wie lange nicht mehr. Da wäre zum einen die sportliche Lage. Inter möchte die Hegemonialmacht Juve, die zuletzt acht Meistertitel in Serie gewonnen hat, in dieser Saison ernsthaft im Kampf um den Scudetto herausfordern. Einige Experten glauben, dass das gelingen könnte, weil Juve - trotz seines gewohnten Status als Tabellenführer - deutlich verwundbarer wirkt als in den vergangenen Jahren. Inter wiederum hat zwar eine kleine Schwächeperiode durchlebt und kürzlich gegen Lazio Rom verloren, das sich durch diesen Erfolg in der Tabelle zwischen die beiden Favoriten geschoben und inzwischen selbst Ansprüche auf den Scudetto angemeldet hat. Ein Sturz des Rekordmeisters Juve wird aber vor allem den Mailändern zugetraut.

Diese Gemengelage hat viel mit den Trainerwechseln bei den beiden Erzrivalen zu tun. Juve wird seit dieser Spielzeit von Maurizio Sarri trainiert, Inter von Antonio Conte. Zwei Männer, die kaum Gemeinsamkeiten aufweisen, außer, dass sie jeweils vor ihrer Rückkehr nach Italien beim FC Chelsea in England angestellt waren. Sarri, ein kettenrauchender Stoiker mit Hang zu rauen Tönen, glaubt an das formvollendete Spiel, früher war ihm die Ästhetik schon mal wichtiger als das Ergebnis. Eine Weltanschauung, die konträr zum traditionellen stile Juve steht, eine Mischung aus soldatischer Disziplin und kühlem Pragmatismus. Sarri versucht sich diesem anzunähern, ohne seine Spielidee komplett zu begraben. Das Ergebnis, so sieht das zumindest der Großteil der italienischen Medien, ist eine Mannschaft, der es an Orientierung und Identität fehlt, jüngst war das wieder bei der 0:1-Niederlage in der Champions League bei Olympique Lyon zu beobachten.

"Eine Mannschaft ohne Trainer", wollte La Repubblica bei diesem Auftritt gar erkannt haben, die Zeitung hat auch eine klare Handlungsempfehlung formuliert: Sarri muss weg, sonst ist die Saison nicht mehr zu retten. Angeblich, so heißt es weiter, seien sowohl im Team als auch in der Vereinsführung bereits einige Menschen zu dieser Einsicht gelangt. Eine besondere Brisanz erhielte diese These, wenn unter den Kritikern auch ein gewisser Cristiano Ronaldo wäre. Der portugiesische Ausnahmekönner trifft zwar in der gewohnten Vehemenz, wurde in Sarris 4-3-3 System aber vom Sturmzentrum auf die linke Außenbahn verfrachtet. Und dort spielt Ronaldo eigentlich nicht mehr so gerne.

Conte war jahrelang Juve-Kapitän - jetzt will er den Rivalen zu Erfolgen führen

Eine Krise an der Tabellenspitze, davon konnte Inter in der vergangenen Jahren nur träumen. Die Nerazzurri waren lethargisch, unorganisiert und in den entscheidenden Momenten nachlässig. Mit Trainer Conte hat sich das geändert. Der gebürtige Süditaliener ist temperamentvoll, und so will er auch seine Mannschaft spielen sehen: Sein Fußball sieht unermüdliche Balljagd über alle Winkel des Platzes vor, der Gegner soll permanent unter Druck gesetzt und so zu Fehlern gezwungen werden. Das ist nicht immer schön, aber meistens effizient. Conte war als Spieler jahrelang Juve-Kapitän, vor knapp zehn Jahren baute er als Trainer das Fundament für die Turiner Dominanz, die ersten drei Meistertitel der beeindruckenden Serie gehen auf sein Konto. Weil Conte aber eines Tages von seinem Temperament übermannt wurde, schmiss er im Sommer 2014 alles hin.

Er war erbost über die Transferstrategie des Klub, jetzt arbeitet die Juve-Legende beim historischen Rivalen. Bei Inter hat er einige seiner Wunschspieler bekommen. Für die Juve-Anhänger gilt Conte nun aber als Verräter. Sie haben im Sommer eine Petition gestartet, um sein Namensschild vom Walk of Fame im Stadion entfernen zu lassen. Dort sind die 50 größten Spieler der Juve-Geschichte verewigt, trotz mehr als 15 000 Unterschriften gehört Conte noch offiziell dazu. Eine Aktion übrigens, die der Inter-Trainer als "dumm und ignorant" bezeichnete. Ihm wäre also ein entsprechender Empfang bereitet worden, wenn die Zuschauer am Sonntag nicht draußen bleiben müssten. Aber das wird gewiss nachgeholt: Die Geschichte des Derby'd Italia holt einen immer wieder ein.

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SZ vom 08.03.2020/vit
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