Süddeutsche Zeitung

Interview mit Ancillo Canepa:"Weißt du, was das kostet?"

Teure Königsklasse: Ancillo Canepa, Präsident des FC Zürich, über vernünftiges Wirtschaften in der Champions League und den Gruppengegner Real Madrid.

C. Catuogno

Bevor Ancillo Canepa (56) geschäftsführender Präsident des FC Zürich wurde, arbeitete er 30 Jahre lang beim Beratungsnetzwerk Ernst & Young, am Ende in der Chefetage - wirtschaftliche Erfahrung, die er nun gut gebrauchen kann. Die Champions League startet in ihre lukrative Gruppenphase, und der Schweizer Meister hat das ganz große Los gezogen: das erste Heimspiel gegen Real Madrid. Nun muss Canepa für seinen kleinen Klub die Balance finden zwischen Rechnen und Träumen. Ein Gespräch über Fluch und Segen der Champions-League-Millionen.

SZ: Herr Canepa, in Ihrem Internetsteckbrief beim FC Zürich heißt es unter "Größter Wunsch": Qualifikation für die Champions League. Macht die Champions League glücklich?

Ancillo Canepa: Die Champions League ist der Olymp des Klubfußballs. Wenn man als kleiner Schweizer Verein bei den ganz Großen mitspielen darf, ist das ein Festtag, etwas, das man nicht jedes Jahr erreichen kann. Als ich 2006 zu Beginn meiner Präsidentschaft gesagt habe, ich will dort hinein, wurde das in der Schweizer Presse mit Häme aufgenommen. Jetzt ist die Freude um so größer.

SZ: Sie dürfen gegen Real Madrid starten, Olympique Marseille und den ACMailand haben Sie auch noch in der Gruppe. Mehr Glück geht nicht.

Canepa: Ich habe vor der Auslosung gesagt: Die Gruppe ist mir egal, aber einen Gegner will ich: Real Madrid.

SZ: Die drei Heimspiele waren innerhalb von 39 Minuten ausverkauft.

Canepa: Wir hatten 200.000 Ticket-Anfragen. In der Schweiz! Das ist die höchste Zahl, von der ich hier je gehört habe. Das sage ich aber auch mit etwas Wehmut: Wenn nur zehn Prozent dieser Leute auch während der Meisterschaft ins Stadion kämen, hätten wir weniger Sorgen. Das ist jetzt schon ein bisschen cherry picking: Viele Leute kommen halt, um Real oder Milan zu sehen.

SZ: Wie schauen Sie als Wirtschafts-Experte auf die kommenden Wochen?

Canepa: Primär ist es auch für mich eine immaterielle, eine emotionale Angelegenheit. Der FC Zürich war ja 1964 im Halbfinale des Landesmeister-Pokals, da trafen wir auch auf Madrid. Nun wieder. Aber natürlich hat das eine immense wirtschaftliche Bedeutung: Wir müssen normalerweise bereits bei Saisonbeginn einen Verlust von rund 30 Prozent budgetieren, strukturell bedingt, weil wir für unsere Ligaspiele fast kein Fernsehgeld einnehmen. In unserer Meistersaison haben wir da nicht mal 900.000 Euro bekommen. In der deutschen Bundesliga sind das 20 bis 30 Millionen. Pro Verein.

SZ: Und deshalb sagen Sie als ehemaliger Ernst & Young-Berater: Gerade für einen kleinen Klub ist die Teilnahme an der Champions League uneingeschränkt zu empfehlen?

Canepa: Der Wettbewerb hat 350 Millionen Zuschauer weltweit! Sie sind omnipräsent auf der ganzen Welt! Wir werden fast 15 Millionen Euro einnehmen, für uns ein riesiger Betrag. So gesehen: Prädikat sehr empfehlenswert.

SZ: Rechnen wir mal durch: Alleine Ihre Antrittsgage beträgt schon rund neun Millionen Euro.

Canepa: Dann drei ausverkaufte Stadien, das sind noch mal fünf Millionen. Am Ende kriegen wir aus dem Fernsehtopf der Uefa noch einen Abschlussbetrag, der FC Basel hat da zuletzt zwei bis drei Millionen erhalten. Und dann gibt es ja noch Punkteprämien, und wir gehen nicht in die Champions League, um nur staunend Leibchen zu tauschen.

SZ: Selbst wenn Sie sechs Mal verlieren, verdienen Sie noch mehr, als ein Klub, der sich durch die Europa League kämpft und diese am Ende gewinnt. Ist das nicht unverhältnismäßig?

Canepa: Immerhin gibt es jetzt erstmals auch in der Europa League eine zentrale Vermarktung. Als der Wettbewerb noch Uefa-Cup hieß, hat man gar nichts bekommen. Da musste man hoffen, dass man große Klubs erwischt wie wir vor zwei Jahren Hamburg und Leverkusen, um das Stadion zu füllen und im Ausland ein paar Fernseheinnahmen zu erlösen.

SZ: Real Madrid lacht über solche Beträge, aber der FCZ hat nur etwa 17 Millionen Euro Jahresumsatz: Muss man in der Wirtschaft gewesen sein, um als Präsident jetzt nicht den Kopf zu verlieren?

Canepa: Es ist für den FCZ enorm viel Geld. Aber ich habe, denke ich, genug berufliche Erfahrung, um mit den neuen Ressourcen jetzt intelligent umzugehen. Es gibt tatsächlich Fälle, wo kleine Klubs in die Champions League kamen - und zwei Jahre später waren sie weg vom Fenster. Wir haben hier den FC Thun als mahnendes Beispiel: erst Champions-League-Teilnahme, dann Krach im Verein und Abstieg mit finanziellen Problemen. Das wird bei uns anders laufen. Wir werden einen Teil investieren, etwa in die medizinische Infrastruktur, oder in kleinere Dinge, die wir uns bisher nicht geleistet haben. Aber der große Teil geht auf ein Sparkonto, als Liquiditätsreserve für die nächsten Jahre.

SZ: Das fällt Ihnen vermutlich auch deshalb leicht, weil in der Schweiz die Ertragssteuern nicht so hoch sind.

Canepa: Gewinne muss man auch in der Schweiz versteuern. Aber wir können die in den letzten Jahren aufgelaufenen Verluste zur Verrechnung bringen.

Lesen Sie auf Seite 2: Warum die Champions League ein Charaktertest ist und welche Fehler kleinere Vereine oft machen...

"Ich halte nichts von Mäzenatentum"

SZ: Die Sache wäre noch schöner, brächte die Champions League nicht auch Ausgaben mit sich: Man bewegt Spieler mit teuren Verträgen zum Bleiben, die Begehrlichkeiten steigen. In Wolfsburg hat man gerade gesehen, wie viele goldene Handschläge nötig sind, um eine Meisterelf zusammen zu halten.

Canepa: Bei uns hatten alle Spieler noch weiter laufende Verträge. Und wir wussten ja bis vor zwei Wochen noch gar nicht, ob wir die Gruppenphase erreichen. Wir mussten erst die vier Qualifikationsspiele gegen Maribor und Ventspils überstehen. Aber ich habe immer kommuniziert: Ich will in die Champions League, ich verkaufe keine Spieler! Basta! Im Rahmen der normalen Saisonplanung haben wir drei hochkarätige Neue geholt: Xavier Margairaz, Johan Vonlanthen, beide Nationalspieler, und einen jungen Serben, Milan Gajic. Da bin ich ein gewisses Risiko gegangen. Man muss das Risiko quantifizieren und qualifizieren. Ich führe den FC Zürich wie ein KMU, ein kleines und mittleres Unternehmen, wie heißt das in Deutschland?

SZ:  Mittelstand?

Canepa: Genau. Da ist es ja auch oft so, dass der Familienunternehmer eigenes Kapital reinsteckt, und wenn es schiefgeht, muss er auch dafür gerade stehen. Ich halte nichts von Mäzenatentum. Aber wir haben zum Beispiel vor drei Jahren eine Kapitalerhöhung durchgeführt, da habe auch ich als Präsident maßgeblich Aktien gezeichnet, um neue Liquidität in den Klub zu bringen. Und der Not gehorchend wurden in der Vergangenheit Transfers von privater Seite finanziert. Also, ja: Es brauchte eine gewisse Risikobereitschaft. Aber ich wusste: Im worst case, wenn wir uns nicht qualifizieren, kostet uns das so und so viel.

SZ: Nämlich wie viel?

Canepa: Es wären zwei bis drei Millionen Euro gewesen. Also zu verkraften.

SZ: Die Champions League hat schon in vielen Klubs eine Kosten-Dynamik in Gang gesetzt, an deren Ende man sich sportlichen Misserfolg nicht mehr leisten konnte. Müsste man als Berater nicht auch warnen: Champions League kann abhängig machen wie eine Droge!

Canepa: Das ist ja der Fehler gewisser Vereine. Als europäischer Spitzenklub können Sie auch mal ein, zwei schwache Jahre überbrücken. Aber wenn Sie als kleiner Klub wegen der Champions League kurzfristig massiv aufrüsten: Das ist das Dümmste, was man machen kann.

SZ: Sie haben vermutlich den Madrider Sommer verfolgt: Fast 260 Millionen Euro hat Real für neue Spieler ausgegeben, alleine 94 Millionen für Cristiano Ronaldo, 65 Millionen für Kaká. Wären Sie bereit, die Verantwortung für ein solches Investment zu übernehmen?

Canepa: Niemals. Es muss ein vernünftiges Verhältnis bestehen zwischen Wert und Preis. Und der Wert eines Ronaldo ist nicht annähernd so hoch wie das, was bezahlt wurde. Ich finde die Zahlen absurd. Kein Spieler ist derart matchentscheidend. Mega-Transfers können neue Marketing-Einnahmen generieren, aber das Gesamtpaket, Lohn und Transfer, werden sie kaum wieder einspielen.

SZ: Ihr Madrider Kollege Florentino Pérez ist offenbar eher bereit, wirtschaftliche Entscheidungen auf die Grundlage sportlicher Träume zu stellen.

Canepa: Ich werde ja auch oft gefragt: Bist du mehr Fußball-Fan oder mehr Wirtschafts-Mann. Natürlich bin ich auch Fan, natürlich habe ich Lieblingsspieler, die ich gerne holen würde. Aber dann kommt der Präsident in mir durch und fragt: Bis du noch ganz bei Trost? Weißt du, was das kostet?

SZ: Was genau kommt dann durch: Der Präsident oder der Schweizer?

Canepa: Ich hoffe, der Präsident.

SZ: Ist die Champions League auch ein Charaktertest?

Canepa: Unbedingt. Ich habe schon früher viele Vorträge gehalten über corporate governance und ähnliche Aspekte, in denen ich gesagt habe: Ihr könnt noch so viele Ethikregeln auf Hochglanzpapier drucken, am Ende geht es um ein einziges Kriterium: die persönliche Integrität der Schlüsselpersonen.

SZ: Aber ist dieses Von-Erfolgen-Träumen nicht Kern des Sportgeschäfts? Sportlicher Optimismus führt zu wirtschaftlichem Optimismus. Und am Ende gibt es Verlierer, auch wirtschaftliche?

Canepa: Es ist im Profifußball tatsächlich schwierig, nachhaltig zu planen. Der Ball geht an die Latte, du wirst nicht Meister, du verlierst Millionen. Das ist der Casino-Aspekt des Sports. Dennoch, das Risiko muss begrenzbar bleiben, und wenn es in die Hose geht, muss man Lösungen parat haben. Sonst verliert man die Kontrolle über ein Unternehmen.

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Quelle:
SZ vom 15.09.2009/thi
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