Süddeutsche Zeitung

Hoeneß-Prozess:Urteil, Schweigen, Flucht

Lesezeit: 3 min

Drei Jahre, sechs Monate. Still und gefasst nimmt Uli Hoeneß das Urteil gegen sich auf. Richter Heindl sagt, er habe beim Strafmaß zu Hoeneß' Gunsten geurteilt. Ins Gefängnis muss er zwar noch nicht, etwas in ihm gebrochen hat das Verfahren doch.

Aus dem Gericht von Lisa Sonnabend

Uli Hoeneß steht einfach nur da. Regungslos. Drei Jahre und sechs Monate also. Er setzt sich. Als der Richter das Urteil eine gute halbe Stunde lang begründet, sackt der Bayern-Präsident ein wenig in sich zusammen. Mit der Hand langt er sich ans Auge. Ob er eine Träne wegwischt? Zumindest schluckt er einmal heftig. Von draußen dringen Protestrufe von seinen Anhängern in den Saal.

Es sind harte Worte, die sich Uli Hoeneß anhören muss. "Der Angeklagte hat sich der Steuerhinterziehung in sieben Fällen schuldig gemacht", sagt Richter Rupert Heindl. Die Selbstanzeige sei nicht "missglückt", wie der Verteidiger in seinem Plädoyer zuvor befand, sondern "erkennbar unzureichend".

Nun ist Uli Hoeneß also mit einer Haftstrafe belangt worden, das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig. Hoeneß' Verteidiger kündigen gleich danach an, Revision beim Bundesgerichtshof einzulegen. Ins Gefängnis muss Hoeneß also vorerst nicht, etwas in ihm gebrochen hat das Verfahren sicherlich dennoch. Ob er Vereinspräsident und Aufsichtsratschef der FC Bayern München AG bleiben kann, ist ungewiss.

Gleich nach Urteilsverkündung flieht Hoeneß aus dem Gerichtsgebäude. Wie er sich wohl fühlt? Verteidiger Hanns Feigen sagt nur: "Na, begeistert war er nicht." Ein anderer aus dem Umfeld berichtet, Hoeneß habe das Urteil "gefasst" aufgenommen. Er sei es schließlich gewohnt, wenn die Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet ist. Was in Hoeneß wirklich vorgegangen sei, wisse keiner. Seine Ehefrau Susanne sitzt bei der Urteilsverkündung in der ersten Reihe, den Saal verlässt sie direkt hinter Hoeneß. Auch sie zeigt keine Regung.

Der Richter sagt zwar, das Geständnis habe er ganz erheblich zu Hoeneß' Gunsten gewertet. Doch sonst findet er in der Urteilsbegründung wenige positive Worte für den Angeklagten. Die "erhebliche Schadenshöhe" sei entscheidend gewesen, dass Hoeneß zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Das Gericht beziffert diese nach der akzeptierten Schätzung der Steuerfahnderin und mit enthaltenem Solidaritätszuschlag auf 28.462.231,20 Euro

Argumente der Verteidigung, ohne Hoeneß' Mithilfe wären die Fahnder nie an die Unterlagen gekommen, lässt Heindl nicht zählen. "Das ist reine Spekulation", sagt der Richter: Vor Jahren hätte es auch niemand für möglich gehalten, dass es eines Tages Steuer-CDs geben werde - und womöglich tauche ja bald eine CD mit Daten der Schweizer Bank Vontobel auf, über die Hoeneß mit Devisen gezockt hatte.

Gelöste Stimmung nur im Stadion

Immerhin: Hoeneß hat die Tage im Gerichtssaal nun hinter sich, vorerst zumindest. Bis zu einer möglichen Verhandlung vor dem Bundesgerichtshof könnten Monate vergehen. Still und teilnahmslos hat Hoeneß von der Anklagebank aus das bisherige Geschehen verfolgt. Der ehemalige Stürmer war in die Defensive geraten. Diesmal bestimmten andere die Spielregeln. Sogar sein Verteidiger herrschte ihn am ersten Prozesstag an, als Hoeneß sich in Widersprüche verstrickte. "Herr Hoeneß, erzählen Sie uns doch nichts vom Pferd!" Die meiste Zeit schwieg der oft polternde Fußball-Funktionär. Als der Richter am Donnerstag ihm das letzte Wort erteilte, sagte er: "Ich habe nichts hinzuzufügen."

Gelöst wirkte Hoeneß in dieser Woche nur einmal. Da saß er allerdings nicht auf der Anklagebank, sondern auf der Ehrentribüne der Fröttmaninger Arena: Sein FC Bayern spielte im Champions-League-Achtelfinale gegen den FC Arsenal - und kam weiter. Das Bild von Hoeneß, wie er, wenige Stunden nachdem er das Gerichtsgebäude verlassen hatte, aufsprang und die Arme nach oben riss, druckten fast alle Zeitungen.

"Da weiß jeder, was Uli Hoeneß geleistet hat"

Es war kein normaler Fall, der in den vergangenen vier Tagen in Saal 134 verhandelt wurde. Das Zuschauerinteresse war enorm, Medienvertreter belagerten den Justizpalast. Die Fallhöhe war hoch. Richter Rupert Heindlsagte am ersten Prozesstag zu dem prominenten Angeklagten: "Sie haben einen Bruder, wie wir allseits wissen."

Der Staatsanwalt erwähnte in seinem Plädoyer ausdrücklich Hoeneß' Leistungen im sportlichen und sozialen Bereich. Verteidiger Hanns Feigen wollte in seinem Schlusswort erst auf das Lebenswerk seines Mandaten nicht genauer eingehen, sprach dann aber doch minutenlang vom ehemaligen Nationalspieler, der "Gutes und sehr Gutes für den FC Bayern getan" habe, er erwähnte seine Wurstfabrik und die 50 Millionen Euro an Steuern, die er in seinem Leben gezahlt habe. Feigen fuhr fort: "Ich will jetzt gar nicht von Gerd Müller sprechen, da weiß jeder, was Uli Hoeneß geleistet hat."

Doch der Bayern-Präsident leistete sich vor allem eines: Er hinterzog Summen, die unglaublich sind. Dass er nun - falls der Bundesgerichtshof die Revision zulässt und das erstinstanzliche Urteil bestätigt - ins Gefängnis muss, klingt für seine Fans genauso unglaublich.

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