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Gold für Beachvolleyballer Reckermann und Brink:Das Herz aus der Hose geholt

In einem mitreißenden Finale gegen die Weltranglisten-Ersten und Weltmeister aus Brasilien gewinnen die Beachvolleyballer Jonas Reckermann und Julius Brink die Goldmedaille. Dabei verspielen sie nach drei vergebenen Matchbällen fast noch den Sieg - erinnern sich aber rechtzeitig an die Übungen mit ihrem Psychologen.

Thomas Hummel

Plötzlich schien Jonas Reckermann aus seinem Tunnel herauszublicken. Eine Stunde etwa dauerte dieses spektakuläre, begeisternde Beachvolleyballspiel vor den inzwischen zumeist schreienden und klatschenden 15.000 Zuschauern im Stadion an der Londoner Horse Guards Parade, da wirkte der 33-jährige aus Köln leicht verwirrt. Gerade hatte ihm Alison Cerutti mit einem brachialen Schmetterball Mütze und Brille vom Kopf geballert, dann ging eine Annahme von Kollege Julius Brink daneben und nun ließen die beiden auch noch einen Aufschlag in den Sand fallen, weil sich einer auf den anderen verließ. Die drei Matchbälle, die Goldmedaillen-Bälle, waren verflogen wie eine Schwalbe im Herbst, es stand 14:14 im dritten und entscheidenden Satz. Jonas Reckermann blickte ganz kurz mit einem leicht hängenden Kopf in den Sand.

"Da denkt man kurz: scheiße!" gab Reckermann ein paar Minuten später zu, "aber wir haben auch einen Sportpsychologen, der mit uns gearbeitet hat. Genau für solche Momente, um da einen kühlen Kopf zu bewahren." Psychologe Lothar Linz hat offenbar gute Arbeit geleistet. Denn Reckermann und Brink verkrafteten den Rückschlag, drei Matchbälle nicht verwertet zu haben. Trotz des infernalischen Lärms der brasilianischen Fans fanden sie gegen das Duo Alison Cerutti und Emanuel Rego zurück in den Konzentrations-Tunnel, gewannen die beiden folgenden Punkte zum 16:14 und sind nun Olympiasieger. Zum fünften Mal war Beachvolleyball bei den Spielen in London olympische Disziplin, zum ersten Mal gewinnt ein Paar aus Europa die Goldmedaille.

"Seit Beginn des Turniers sind wir in einem Tunnel. Ich denke immer nur an den nächsten Punkt. Mir ist ganz egal, was da draußen passiert", beschrieb Reckermann die Mission Olympische Spiele. Seit 2009 hat sich das Paar auf dieses Turnier vorbereitet, es sollte der Höhepunkt ihrer Karriere werden. Der 33-jährige Reckermann und der 30-jährige Brink wollten unbedingt eine olympische Medaille gewinnen. 2008 war Brink in Peking mit seinem damaligen Partner Christoph Dieckmann völlig enttäuschend in der Gruppenphase gescheitert. Für Reckermann war mit Dieckmanns Zwillingsbruder Markus 2004 in Athen im Achtelfinale Schluss gewesen.

Schnell zeigte sich, dass sich hier zwei kongeniale Partner gefunden hatten. 2009 wurden die beiden als erstes europäisches Paar Weltmeister. Es folgten zwei Europameister-Titel, doch auf der Welttour taten sich die beiden schwer. Dann verletzte sich Reckermann im April auch noch an der Schulter. In London kühlte er das Gelenk nach jedem Spiel mit einem Eisbeutel und auch im Finale leuchteten diese auffallend blauen Tape-Streifen von der Schulter. "Zweifel gab es im Mai, Juni, aber dieses Turnier, mit Spielen nur alle zwei Tage, kam meinem alten Körper entgegen", erklärte Reckermann.

In der Horse Guards Parade behinderte Reckermann die Verletzung nicht, zumindest ließ sich der 2,01 Meter große Athlet nichts anmerken. Nur im zweiten Vorrundenspiel gegen die Chinesen Xu und Wu hatten sie vor diesem Finale einen Satz verloren. Reckermann und Brink zeigten ein bemerkenswertes Turnier. Doch in diesem Endspiel übertrafen sie sich noch einmal selbst.

Alison Cerutti und Emanuel Rego sind die Nummer eins der Welt, amtierende Weltmeister, der 39-jährige Rego war mit wechselnden Partnern bereits dreimal Weltmeister und einmal Olympiasieger. Die Deutschen konnten gegen die Brasilianer seit zwei Jahren kein Spiel mehr gewinnen.

"Volleyball-Gott auf unserer Seite“

Doch Reckermann und Brink wirkten bereits in den Runden zuvor fokussiert und konzentriert. Nach dem Halbfinale erklärten die unterlegenen Niederländer verzweifelt, diese Deutschen hätten einfach keine Fehler gemacht. Und sie zeigten auch keine Emotionen, keinem Gegner wollten sie Anhaltspunkte geben über ihren Gemütszustand. An dieser Wand des Willens zerbrachen die Gegner gerade in engen Situationen. So entschieden die Deutschen auch den ersten Satz im Finale.

Zwei Satzbälle hatten Alison Cerutti und Emanuel Rego, sie verballerten diese keineswegs, ihre Gegner leisteten sich in dieser wichtigen Phase vielmehr einfach keine Schwächen. Die Deutschen wehrten die Satzbälle ab und holten sich den Durchgang mit 23:21. Das war umso wichtiger, weil die Brasilianer im zweiten Satz extrem stark spielten. Alison ist der vermutlich brachialste Angreifer auf der Beach-Tour, Emanuel technisch und strategisch eine Ikone seines Sports. 21:16 ging der zweite Satz an die beiden, es ging in den dritten Durchgang.

Schon jetzt war klar, dass sich um diese Partie Legenden bilden würden. Spektakuläre Ballwechsel ließen die 15.000 im Stadion immer wieder aufspringen. Die Aufschläge flatterten und rasten übers Feld, am Netz boten sich die großen Alison und Reckermann ein angsteinflößendes Kraftduell, die beiden kleineren Emanuel und Brink gruben in der Feldabwehr die Angriffsbälle aus dem Sand. Dazu faszinierten die Spieler mit Techniken und taktischen Spielzügen auf allerhöchstem Niveau.

Schon während des verlorenen zweiten Satzes musste Reckermann den emotionalen Brink wieder hochziehen. "Als ich so bisschen gezweifelt hab', sagte er mir: 'Komm, komm, kühler Kopf!' Das macht uns aus: Als ich mich da aus der Mitte verpisst habe. Er aber hat gesagt: Geht weiter, direkt abgehakt! Das war sehr stark von ihm, das hat mich zurückgebracht."

Im dritten Satz führten die Deutschen bald und hielten den Gegner auf Abstand. Beim Stand von 14:11 schien das Spiel entschieden, doch vor nur wenigen Wochen hatten Reckermann und Brink genau diesen Vorsprung bei einem Turnier in Moskau noch verspielt, noch 16:18 verloren. Bei 14:14 sah es fast nach einer Wiederholung dessen aus. "Als wir die zwei Dinge reinfallen lassen am Ende, ei, ei, ei, da ist mir das Herz in die Hose gerutscht, aber diesmal war dann der Volleyball-Gott auf unserer Seite", sagte Brink. Reckermann erinnerte sich: "Ich hab' gedacht: diesmal nicht, diesmal kämpfen wir bis zum Ende. Egal, welcher Dreck vorher passiert ist. Ich kann mich an die Punkte kaum mehr erinnern." Als Denkhilfe: Den Punkt zum 15:14 schmetterte Reckermann selbst ins Feld, dann schickte Emanuel einen Ball Zentimeter neben das Feld - 16:14, die Deutschen hatten Gold.

Später bei der Pressekonferenz benutzten beide Spieler mehrfach das Wort "Drama", so viele Höhen und Tiefen hätte das Spiel gehabt. Mit den Goldmedaillen um den Hals ordneten sie diesen Erfolg ins Große und Ganze ein: "Ich hoffe, dass das Spiel alle begeistert hat", sagte Brink im Hinblick darauf, ob Beachvolleyball in Deutschland durch den Sieg einen neuen Schub erhalten werde. Wie lange das Olympia-Paar noch Werbung für seine Sportart machen wird, wussten Reckermann und Brink in dieser Londoner Nacht noch nicht. Selbst eine Teilnahme an den Spielen in Rio schlossen sie nicht aus.

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