Süddeutsche Zeitung

Fußball-WM in Brasilien:Robocops treffen empörte Bürger

Die WM 2014 in Brasilien droht im Chaos zu versinken. Kritiker kündigen "zumindest 64 Protestaktionen" während des Fußballfests an. Das Chaos sei nicht aufzuhalten, warnt Weltmeister und Volksheld Romário.

Von Thomas Kistner

Jetzt ist der Ärger auf der WM-Bühne angelangt. Dort sollten, am Freitag in einem Edelresort an der Palmenküste Bahias, zwei beliebte farbige Schauspieler die Auslosung begleiten, ermittelt vom TV-Sender Globo. Dann rumpelte es in den Kulissen, nun führt ein blondes Pärchen aus Brasiliens tiefem Süden durch das Programm. Eine Rochade, im Bundesstaat Bahia mit seiner überwiegend schwarzen Bevölkerung, die sogar den Staatsanwalt interessiert. Christiano Jorge Santos geht dem Vorwurf des Rassismus nach, sein Verdacht richtet sich auch gegen die Fifa. Die dementiert strikt. Was immer daraus wird - sicher ist: Eine Rassismus-Debatte im Lande ist das Letzte, was sich der Weltverband in Brasilien noch leisten könnte.

Nicht einmal dieser Reibungspunkt lässt sich also vermeiden zwischen Gastgebern und der Fifa, die als koloniale Besatzungsmacht empfunden wird. Doch ist er eine passende Zutat für die WM 2014, die im Chaos versinken könnte: Sie wird auf den Prüfstand stellen, ob sich sportliche Weltereignisse einer Gastgebernation weiterhin ohne Rücksicht auf Kosten, soziale Probleme und Grundrechte aufbürden lassen. Jogo bonito, schönes Spiel heißt der Fußball in Brasilien, doch ist im Land des Rekord-Weltmeisters zu befürchten, dass die Party drumherum hässlich werden könnte.

Bis zu 200.000 Menschen landesweit werden Experten zufolge sportbedingt aus ihren Lebensverhältnissen gerissen, umgesiedelt oder enteignet. Der Kern des Protests aber richtet sich gegen die Milliardenausgaben für WM und Olympia 2016, die zu Lasten eines maroden Sozialsystems gehen: zu wenig Schulen, Kliniken, Ärzte, dafür korrupte Politiker und Sportfunktionäre sowie eine mangelhafte, überteuerte Infrastruktur - die von den Sportplanern gerne dreist als Argument bemüht wird.

"Was als lebenswichtige Verkehrsadern verkauft wird", sagt Giselle Tanaka von der Universität Rio, "sind oft neue oder ausgebaute Stadionzufahrten, mit der Sonderspur für die VIPs." Dazu kommen absurd hohe Kosten für Tickets, Reisen zu und Logis an den Spielorten. Dieser Preiswucher ist schon im Gange. "Es wird zumindest 64 Protestaktionen geben, eine bei jedem WM-Spiel", teilt Christopher Gaffney mit. Der amerikanische Professor für Städtebau lebt in Rio, er lehrt an der Universität Niteroi und ist einer der Köpfe der Protestkomitees, der comitês populares. Aktiv war er schon in den Demonstrationen beim Confed-Cup im Sommer, bei jenem WM-Probelauf, der plötzlich als Aufwärmrunde für den bürgerlichen Widerstand in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückte.

Gaffney warnt, dass schon damals Todesfälle aufs Konto der Einsatzkräfte gegangen seien - und dass die WM "wesentlich brutaler" ablaufen werde: "Auf den Straßen wird viel mehr Polizei sein als beim Confed-Cup. Und wir wissen, dass die Behörden im Austausch mit der französischen Polizei sind. Sie wollen bei der WM dieselben Taktiken anwenden, die dort zur Unterdrückung der Bürgeraufstände 2005 in den Vorstädten benutzt worden sind."

Zehntausende, schließlich mehr als hunderttausend Menschen zogen beim Confed-Cup auf die Straßen, in 350 Städten des Subkontinents. Vereinzelt auch noch nach der WM; vor allem dort, wo die Fifa zur Inspektion eines der sündteuren, nach der WM oft überflüssigen Stadien anreiste. Jedoch war es 2013 vor allem der Mittelstand - Ärzte, Lehrer, Studenten -, der sich unfreiwillig mit der Staatsgewalt anlegte.

Furchterregendes Rahmenprogramm

2014 soll es härter zugehen. Zu den Bürgerkomitees gesellen sich nun Autonomen-Gruppen, dazu Ninjas, Hobbyjournalisten, die überall mit der Videokamera zugange sind. Auch bei Polizeiaktivitäten. Ja, sogar die organisierte Kriminalität hat ihre krude Entschlossenheit übermittelt, das WM-Thema zu besetzen: Kürzlich drohte das Primeiro Comando da Capital (PCC/Erstes Hauptstadt-Kommando) mit Anschlägen. Die Tausende zählende, rund um den Moloch São Paulo tätige Drogengang kündigt eine "WM des Terrors" an, wenn ihre diversen Forderungen nicht erfüllt werden.

Wo Deeskalation gefragt wäre, zeichnet sich ein furchterregendes Rahmenprogramm ab. Hier die martialisch aufgerüsteten Robocops der Staatsgewalt in Panzerwagen. Bundes- und Militärpolizisten, die den Umgang mit zivilem Ungehorsam nie gelernt haben; und die ihre Arbeit jetzt, anders als bei Großeinsätzen in den Favelas, vor den TV-Kameras der Welt und den Videocams ihrer Mitbürger verrichten müssen. Dort ein wachsendes Potenzial an empörten Bürgern, im explosiven Mix mit jungen Leuten, die für die WM trainieren: Straßenkampf, Umgang mit der Gasmaske.

Es wird Unruhen geben, davon ist auch Romário überzeugt. Das Chaos sei nicht aufzuhalten, sagt Brasiliens WM-Held von 1994, der heute als Abgeordneter der Sozialistischen Partei den Sportausschuss in Brasília lenkt. Fast jede Woche greift Romário de Souza Faria die Regierung von Staatschefin Dilma Rousseff an, ob ihrer servilen Nähe zur Fifa. Die Funktionäre "füllen sich nur die Taschen", schimpft er und klagt, heute regiere die Fifa Brasilien. "Sie zahlt keine Steuern und sackt den Profit ein." Auch Mitstreiter Afonso Morais glaubt, die Proteste zielten auf die Liaison der Regierung mit der Fifa: "Den Leuten wurde erzählt, dass die WM großenteils privat finanziert werde. Alles ist eine große Lüge."

So wirkt die WM ganz direkt auf die Herrschaft in Brasília ein. Drei Monate danach sind Wahlen, Rousseff tritt wieder an. Ihre Strategie war es bisher, Bürgergruppen anzuhören - "aber echte Maßnahmen gegen die Probleme hat nicht getroffen", sagt Gaffney. "Ihre Wiederwahl hängt hauptsächlich davon ab, ob es eine ,gute' WM wird." Gut wäre, wenn das Sicherheitskonzept funktioniert wie beim Confed-Cup, findet die Fifa. Noch besser für Rousseff wäre, wenn Brasilien gewinnt.

Für den angehenden Volkstribun Romário indes, sagt Morais, sei jetzt schon klar, dass weder WM noch Olympia das vom Sport gern priesterlich versprochene Erbe für die Bevölkerung hinterlässt. Romário stellt sich darauf ein, die Scherben wegkehren zu müssen. Nach den Spielen in Rio will er in der Stadt als Bürgermeister antreten.

Aber vorher wartet die Ochsentour. "Zur Auslosung am Freitag erwarten wir Proteste in Großstädten und eine große Versammlung am Maracanã-Stadion", so Aktivist Gaffney. An Bahias Stränden werde es ruhig bleiben. "Das ist weit weg von den urbanen Zentren, das haben die Organisatoren wohl so bedacht."

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SZ vom 05.12.2013/ebc
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