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Fußball-Idol Sócrates:"Ich rauche, trinke und denke"

Der geniale Spielmacher Sócrates gehörte zum wohl besten Mittelfeld, das Brasiliens Seleçao jemals hatte. Jetzt liegt er im Krankenhaus, fürchtet eine Lebertransplantation - und wird so zum Mahnmal für ein ganzes Land, dessen Einwohner zuhauf unter schweren Alkoholproblemen leiden.

Früher, als seine Sucht noch als Spiel galt, war er der Weise des brasilianischen Fußballs. Vielleicht ist er es noch immer. Der Querdenker und Schöngeist. Allein sein Name, ein Monument: Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira.

Mit ihm als Kapitän hätte die seleçao 1982 Weltmeister werden müssen, sie tanzte Samba. Sócrates führte den Ball mit seinem 1,92 Meter langen Körper und Schuhen der Größe 41. Er trug die Binde am Arm und im vernarbten Gesicht den Bart des Rebellen. Und mit seinem Klub Corinthians São Paulo forderte der Revolutionär die Militärdiktatur hinaus, "Democracia Corinthiana" nannte sich das. Sócrates trat der Arbeiterpartei PT bei, PT-Chef und Corinthians-Fan Lula wurde später der umschwärmte Staatspräsident. Sócrates studierte Medizin und wurde Arzt.

Jetzt liegt er wie ein nationales Mahnmal in der Klinik Albert Einstein von São Paulo. Sócrates, der Alkoholiker.

Am 19. August wurde der Doktor zum ersten Mal eingeliefert. Diagnose: Leberzirrhose und Magenblutung, Folgen des Suffs. Eine Notoperation rettete sein Leben. Chirurgen pflanzten ihm ein Metallrohr aus Nickel und Titan in die Leber, um das Blut fließen zu lassen. Der Patient überstand den Eingriff, es half die Physis eines einstigen Spitzensportlers.

Wenige Tage nach der Entlassung indes klagte Sócrates über Husten und Übelkeit und kehrte am 5. September auf die Intensivstation zurück, man legte ihn erneut an Schläuche. Diesmal blutete der untere Teil seiner Speiseröhre, wieder bewahrten Operateure seine Legende. Das Publikum schaut ins bärtige Antlitz eines Verfalls, dabei ist Sócrates erst 57 Jahre alt. Zwischendurch gab er in der Fernsehshow Fantástico zu, was offensichtlich war. "Ich bezahle für mein Problem. Ich habe ein bisschen morgens getrunken, dann nachmittags. Pro Tag war es eine Flasche Wein."

Im Wein liegt die Wahrheit, so begann es. Bei Corinthians führte der Che Guevara des gepflegten Passes in den achtziger Jahren die Basisdemokratie ein, die Profis legten die Trainingszeiten selbst fest und tranken hernach ein paar Bier. Er trainiere wenig, trinke viel und rauche täglich 20 Zigaretten, gab Wortführer Sócrates bekannt.

Wer das nicht gut fand, dem antwortete er Sätze wie diese: "In diesem Land trinkt man den meisten Zuckerrohrschnaps der Welt, und es sieht so aus, als ob ich ihn alleine trinke. Ich rauche, trinke und denke. Ich verstecke das nicht." Zu den WM-Turnieren erwog er manchmal, die Marlboros sein zu lassen - "ich war Arzt, ich bin es immer noch, und weiß, dass Rauchen für niemanden gut ist. Aber ich habe es zu sehr genossen. So bin ich." Das ging gut, solange er jung war und zaubern konnte.

Mit Zico, Falcão und Cerezo bildete Künstler Sócrates "Die fantastischen Vier", wahrscheinlich hatte Brasilien seither nie mehr ein solch brillantes Mittelfeld. In Spanien waren damals trotzdem die hölzernen Italiener im Weg, Paolo Rossi traf dreimal. "Es war, als ob du die schönste Frau der Welt eroberst und dann nichts mit ihr anfangen kannst", sagte der Philosoph Sócrates einmal. "Versagen, wenn es wirklich drauf ankommt. Aber das kann passieren, im Leben und im Sport." 1986, bei der WM in Mexiko, folgte die epische Niederlage im Viertelfinale gegen Frankreich, 3:4 im Elfmeterschießen, Sócrates verschoss den ersten Elfmeter.

Brasiliens Problem mit dem schleichenden Gift

Eines seiner sechs Kinder heißt Fidel, wegen Kubas Castro, einem seiner Helden. Er ging nach Florenz, kurz zu Flamengo Rio de Janeiro, Santos und 1994 mit 40 zum englischen Neuntligisten Garforth Town. Ein Spaß, warum nicht. Er lästerte über die brasilianische Nationalelf, die mit schlichtem Stil die WM in den USA gewann, statt wie seine Generation in Schönheit zu sterben. Kapitän war sein jüngerer Bruder Raí.

Der Romantiker Sócrates fand den Fußball der Neuzeit zu athletisch und fantasielos, forderte Torkameras und mehr Schiedsrichter. Er analysierte das Spiel so poetisch wie der Argentinier Jorge Valdano. Er machte flüchtige Versuche als Trainer und eröffnete ein Krankenhaus in Riberao Preto, im Hinterland von São Paulo, wo die Zuckerrohrfelder liegen und der Schnaps Cachaca entsteht. Er hatte seinen Platz in der Chopería Pinguím und seinen eigenen Tisch in der Bar Brasília.

Ein Fernsehmann erinnert sich, dass der tendenziell schüchterne Sócrates in den Fernsehprogrammen immer besser in Form war, wenn er einige Gläser getrunken hatte. Nie schien ihm Alkohol etwas auszumachen. Er stand im Ruf, viel zu vertragen, ohne unangenehm aufzufallen. Jetzt gilt er als Beispiel für eine Volkskrankheit im Land des Karnevals. "Der Doktor und der Alkohol", setzte das Magazin Época auf den Titel. Die Causa enthülle "eine unterirdische Epidemie", die Jahr für Jahr 30 000 Brasilianer umbringe.

Laut einer Studie habe jeder zehnte der 192 Millionen Einwohner Probleme mit dem schleichenden Gift, Alkoholeinfluss sei verantwortlich für 60 Prozent der Verkehrstoten und 72 Prozent der Morde. Der weltgrößte Brauereikonzern ist brasilianisch - Bier und Wein und Caipirinha sind Teil der Kultur, aber für manchen zu viel. Der geniale Garrincha soff sich zu Tode, wie anderswo George Best, Stan Libuda oder fast Diego Maradona. Bei Sócrates liegt der Fall anders, er hat erhöhte intellektuelle Voraussetzungen. Aber "das Drama einer öffentlichen, beliebten Person beweist, dass auch intelligente und starke Menschen abhängig werden können", sagt der Psychiater Ronaldo Laranjeiras.

Aus dem Hospital wird nun vorsichtig Entwarnung gegeben. Er atme wieder alleine, heißt es, und Raí twitterte: "Er ist sehr gerührt von der Zuneigung und der Hilfe aller." Die Ärzte empfehlen ihm mit oder ohne Lebertransplantation das, was sich der Doktor Sócrates vor kurzem vornahm: "Von jetzt an gibt es nur totale Abstinenz für mich."

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SZ vom 22.09.2011/thob
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