Süddeutsche Zeitung

Europas Fußball:Die Monokultur wird zum Problem

In Italien immer Turin, in Deutschland die Bayern, in Frankreich Paris: Umverteilung der TV-Gelder würde beim Serienmeister-Dilemma kaum helfen - entscheidend wäre die Champions League.

Kommentar von Martin Schneider

Es könnte alles noch schlimmer sein, das zeigt ein Blick nach Vanuatu. Dort, mitten im Pazifik, hat der Tafea Football Club von 1994 bis 2009 die nationale Liga 15 Mal in Serie gewonnen - und gilt deshalb als weltweiter Rekordserienmeister. Inoffiziell natürlich, weil die Datenlage schwer zu überprüfen ist und weil der vanuatische Fußball etwas kompliziert ist. Zum Beispiel gibt es zwei erste Ligen, eine für die Hauptinsel und eine für den Rest des Archipels. Tafea gewann immer die Liga der Hauptinsel. Aber auch die Uefa führt den Klub als Rekordhalter, so schrieb der Verband es auf seiner Internetseite, als die Lincoln Red Imps auf Gibraltar 2016 an der Verteidigung ihres 15. nationalen Titels und damit am Weltrekord scheiterten.

Aber so weit ist Juventus Turin ja von diesen Zahlen nicht mehr entfernt, bei neun italienischen Meisterschaften nacheinander steht der Zähler, Fortsetzung nicht ausgeschlossen. Die Monokultur in Europas Ligen wird immer mehr zum System-Problem. In Italien gewinnt immer Turin, in Deutschland immer der FC Bayern, in Frankreich immer Paris, in Spanien immer Barcelona oder Real Madrid. Nur in England sorgt ein entfesselter Fußballkapitalismus und zwischendurch mal eine Sensationsmeisterschaft von Leicester City für etwas Abwechslung.

In der Bundesliga wird das Problem gerade debattiert, es gibt Lösungsvorschläge, etwa von Uli Hoeneß ("Die Anderen müssen sich einfach noch mehr anstrengen") oder von Düsseldorfs Präsident Thomas Röttgermann, der vorschlägt, dass jeder Klub die gleiche Summe an TV-Geld bekommen solle. Man könnte meinen, dass die letztgenannte Idee radikal sei und das Problem lösen könnte - aber da lohnt ein Blick ins Detail. Der Kicker veröffentlichte gerade die neue Verteilung der Fernsehgelder für die kommende Saison. Demnach bekommen die Bayern bei der nationalen Vermarktung zum Beispiel zehn Millionen Euro mehr als Eintracht Frankfurt (70 zu 60 Millionen).

All die Serienmeister profitieren von den Geldern aus der Champions League

Ist diese Zehn-Millionen-Euro-Lücke nun verantwortlich für die Ungleichheit der Liga? Natürlich nicht, die berühmte Schere zwischen Bayern und Frankfurt geht wegen der internationalen Vermarktung und vor allem wegen der Champions League auseinander. Dort erhält der FC Bayern als Startprämie schon 15 Millionen Euro, für jeden Gruppenphasen-Sieg gibt es 2,7 Millionen obendrauf. Sollte das Team das 3:0 aus dem Hinspiel gegen Chelsea verteidigen, gibt es für den Viertelfinal-Einzug weitere zehn Millionen. Und dann hat man noch nicht über den Riesenbatzen (30 Prozent des Geldes) gesprochen, den die Uefa hinter dem Wortungetüm "leistungsabhängige Koeffizientenrangliste" versteckt - was im Prinzip heißt: Wer früher gut war, kriegt auch jetzt mehr.

Gerechnet wird in dieser Rangliste übrigens auf zehn Jahre, weswegen Barcelona, Real, Paris, Turin oder Bayern schon drei bis vier miese Champions-League-Runden spielen müssten, damit Substanzielles wegbricht. Man kann es sich schwer vorstellen. Angesichts dieser gewollten Bevorteilung der Großen kann man natürlich die nationalen TV-Gelder solidarischer verteilen, es wäre sicher wünschenswert. Aber vermutlich würde es keinen Rieseneffekt haben.

Man kann also nur hoffen, dass jede Serie mal zu einem Schluss kommt. Wie auf Vanuatu, wo der Amicale FC die Herrschaft von Tafea 2010 beendete.

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SZ vom 28.07.2020
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