Süddeutsche Zeitung

Fußballerin Giulia Gwinn:Zurück nach 397 Tagen

Lesezeit: 3 min

Nach langer Verletzungspause steht Giulia Gwinn erstmals wieder für die DFB-Elf auf dem Platz. Die perfekte Comeback-Story gibt es gegen Israel zwar nicht - dafür aber Lob von der Bundestrainerin.

Von Anna Dreher

Der Ball ist schon eine Weile unterwegs gewesen. Von einem Fuß zum nächsten passten ihn die Deutschen hin und her, vorbei an den israelischen Gegenspielerinnen, bis er im Strafraum bei Giulia Gwinn landete. Sie legte ihn sich zurecht, rutschte dann weg, zog aber noch im Fallen ab. Was jetzt passierte, ging schnell, für Gwinn jedoch dürfte sich alles in Zeitlupe abgespielt haben: Keeperin Amit Beilin auf dem Boden vor ihr liegend, der Ball in schöner Flugkurve zielstrebig aus fünf Metern aufs Tor zufliegend - das musste doch was werden! Aber dann stand Shani David im Weg, Israels Abwehrspielerin, die den Ball wachsam von der Linie wegköpfelte. Über ein paar Stationen landete der Ball erneut bei Gwinn, diesmal versuchte sie es mit dem Kopf, wieder klärte David auf der Linie.

Hätte Gwinn getroffen, wäre das Fazit zum dritten Sieg im dritten WM-Qualifikationsspiel des deutschen Fußballnationalteams am Donnerstag wohl etwas positiver ausgefallen. Die DFB-Frauen waren den engagiert verteidigenden Gastgeberinnen überlegen, aber sie machten zu wenig daraus und taten sich insgesamt überraschend schwer. Es fehlte an Ideen und in den entscheidenden Momenten an Präzision. So blieb es im HaMoshava Stadion in Petach Tikwa nahe Tel Aviv beim 1:0 durch Svenja Huth in der 18. Minute - und gemischten Gefühlen. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg und die Spielerinnen waren unzufrieden mit ihrem Auftritt, es habe an Frische gefehlt und teils träge gewirkt, hieß es. "Das war nicht das Spiel, was wir uns erhofft hatten", merkte Gwinn an.

"Wir haben keine Übererwartung, wir wissen, dass sie noch etwas Zeit braucht", sagt Bundestrainerin Voss-Tecklenburg

Für sie war dieser Abend auch so ein Erfolg. Zur ganz großen Comeback-Story fehlte lediglich ein Treffer aus den beiden Chancen in der 81. Minute. Nach 397 Tagen stand die 22-Jährige erstmals wieder für das Nationalteam auf dem Platz. Am 19. September 2020 hatte sie sich im EM-Qualifikationsspiel gegen Irland das Kreuzband gerissen, andere Bänder im rechten Knie wurden ebenfalls verletzt.

Ausgerechnet auf die variabel einsetzbare Gwinn, die bei der Weltmeisterschaft 2019 mit die meiste Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte und dort zur besten jungen Spielerin gewählt worden war, musste Voss-Tecklenburg also lange verzichten. In einer Phase, in der es besonders um den Aufbau des Teams und eine optimale Vorbereitung auf die nächsten Großereignisse geht. Die Olympischen Spiele 2021 hatten die Titelverteidigerinnen verpasst, bei der EM 2022 in England gilt es zu beweisen, dass sie noch zu den Besten zählen.

Und für Gwinn geht es darum, sich wieder zu etablieren in einem Kader mit inzwischen vielen jungen Gesichtern - sie will eines der prägenden sein. "Gerade während so einer langen Verletzung hat man Zeit, im physischen und mentalen Bereich an sich zu arbeiten, was im normalen Fußballalltag untergeht", sagte Gwinn zwei Tage vor dem Spiel, bei dem sie in der 62. Minute eingewechselt wurde. Sie habe sich weiterentwickeln können und "gelernt, alles wieder anders wertzuschätzen".

Gwinn hatte nicht mit zu hohen Erwartungen in ihr 20. Länderspiel gehen wollen, in dem sich dann auch zeigte, dass manches noch nicht rund läuft - sie von ihren Mitspielerinnen aber schon gesucht wird. "Giulia war vorher ja schon ein fester Bestandteil unserer Mannschaft. Jetzt so zurück zu kommen, ich glaube, mental sogar noch ein Stück weit stärker, das zeigt einen Reifeprozess", sagte Voss-Tecklenburg. "Wir haben keine Übererwartung, wir wissen, dass sie noch etwas Zeit braucht." Die 53-Jährige hatte Gwinn bewusst erst im Oktober eingesetzt und nicht schon im September beim Auftakt der WM-Qualifikation gegen Bulgarien (7:0) und Serbien (5:1). Sie sollte zunächst im Verein wieder in ihren Rhythmus finden und die Belastung nicht zu hoch sein. Für den FC Bayern hatte Gwinn im August wieder in der Bundesliga gespielt.

Wenn am Dienstag das Rückspiel gegen Israel (16 Uhr, ARD) stattfindet, bildet das für Giulia Gwinn den Abschluss dieser Verletzungsgeschichte. In Essen war sie damals mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden gelegen und musste mit einer Trage abtransportiert werden. Nun möchte sie das Stadion lächelnd verlassen. Gerne auch als Torschützin.

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SZ/tbr/cca
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