Süddeutsche Zeitung

Formel 1:Auf den Punkt genau ist Ferrari da

Fingierte Funksprüche und ein Gegner als Puffer: Der Spanier Carlos Sainz zeigt bei seiner Machtdemonstration in Singapur, dass er die Tricks für weitere Siege auf Lager hat. Sein Teamkollege Charles Leclerc hadert mit dem Schicksal.

Von Elmar Brümmer

Die Frage nach dem Absturz von Red Bull Racing ist wohl gar nicht die dringendste. Natürlich, sie stellt sich nach dem Großen Preis von Singapur und dem vorläufigen Ende der Siegesserie von Max Verstappen. Mindestens so berechtigt aber ist es, sich nach dem Aufstieg von Carlos Sainz jr. und Ferrari zu erkundigen.

Zwei Pole-Positionen auf zwei derart konträren Strecken wie in Monza und Singapur, ein dritter Platz bei einem Heimspiel und ein Sieg in der tropischen Nacht: Plötzlich hat die Scuderia das Momentum, dem sie schon ein Dreiviertelrennjahr hinterherjagt. Teamchef Fred Vasseur hat mit seinem Fahrer Platz eins erklommen, es war eine seltene Machtdemonstration in der Formel 1. Und eine vielsagende. Diesen Triumph konnte sich der Franzose nicht entgehen lassen, er weiß, dass sie seine Position als Capo stärkt.

Dass es Ferrari gelungen ist, die Serie von Max Verstappen zu stoppen, mag eine Momentaufnahme sein. Aber für das Selbstvertrauen von Sainz und seinem Team ist es ein gewaltiger Schub. Jetzt ist da die Gewissheit, doch auf dem richtigen Weg zu sein, selbst wenn alle technischen Anstrengungen auf diese beiden Rennen im September zugeschnitten waren. Aber hinkriegen muss man es auch erst einmal, auf den Punkt da zu sein, wenn Red Bull schwächelt.

Herausforderungen seien wichtig, sagte Sainz' Vater: "Sie bringen dein Gehirn zum Arbeiten."

Das Flutlicht und die nahen Betonmauern haben die wilde Jagd um die Marina Bay teils verzerrt. Es gab Crashs, Safety-Car-Phasen und ein Chaos beim Reifenwechsel. Unbeeindruckt aber blieb Carlos Sainz an der Spitze und fuhr einen Start-Ziel-Sieg ein. Er zeigte Willensstärke, Konzentration und taktische Manöver, insgesamt war es ein strategischer Erfolg. Zwar waren am Anfang und am Ende die Angreifer von Mercedes und McLaren schneller, doch der Ferrari mit dem 29-Jährigen aus Madrid blieb vorn, er hatte alle Angriffe antizipiert und abgewehrt.

Er gab mal mehr Gas, mal weniger. Er ließ Lando Norris gefährlich nah herankommen, im Wissen, dass dieser nicht am Ferrari vorbeikommen konnte, ihm dafür aber die heranrauschenden Silberpfeile abhalten würde. Mit der Risikotaktik konnte er tatsächlich seinen zweiten Formel-1-Sieg ins Ziel retten. Gelegentlich gehörte auch eine Finte dazu, etwa als Sainz einen fingierten Funkspruch an den Ingenieur absetzte: "Ich könnte eine Sekunde schneller fahren." Mercedes hatte mitgehört und den Satz George Russell mitgeteilt. Der zeigte sich unbeeindruckt: "Netter Versuch. Warum sagt er nicht gleich zwei Sekunden?" Im Belauern sind alle geübt, hinter den meisten Siegen steckt eine ausgeklügelte Strategie, verbunden mit hoher Reaktionsschnelligkeit in der Umsetzung und einer kleinen Portion Rennglück.

All das vereinte der Spanier in dieser tropischen Nacht. "Es hat perfekt funktioniert", sagte er, "auch wenn es anstrengend war, hatte ich noch reichlich Kapazität im Kopf frei." Die mentale Kraft ist Teil einer Rennfahrerehrziehung im Hause Sainz, Carlos Senior war zweimaliger Rallyeweltmeister und hatte stets gepredigt: "Herausforderungen bringen dein Gehirn zum Arbeiten. Sie lassen dich nachdenken darüber, was du tun musst, um deine Träume zu erreichen." Kürzlich hatte der Sohn anerkannt: "Was heute von mir zu sehen ist, ist in vielen Punkten das, was ich von meinem Vater gelernt habe."

Offenbar hat ihn das während der Sommerpause zum Streber werden lassen. Er spürte die Chance, dem Teamkollegen die vermeintliche numero uno im Team streitig zu machen und ersann neue Wege, den zickigen Dienstwagen SF-23 nach seinen Wünschen abzustimmen. "Bis dahin hatten wir mal das Tempo, mal die Stärke in den Kurven. Ich wollte aber endlich beides zusammenbringen", sagt Carlos Sainz, "das Ziel für die zweite Jahreshälfte ist es deshalb, konsistenter zu werden."

Leclerc hadert mit dem Schicksal, Kollege Sainz ergreift die Initiative

Der Anfang ist also gemacht, und der interne Rivale Leclerc hat zunächst das Nachsehen: In Singapur wurde er vom Kommandostand angewiesen, dem führenden Kollegen taktische Hilfestellung zu leisten. "So stolz ich bin auf den Erfolg des Teams, Red Bull gestoppt zu haben, so sehr hadere ich mit meinem Schicksal", gestand Leclerc. Der monegassische Publikumsliebling steigert sich in einen Frust über den schwachen Saisonstart, Sainz dagegen ergreift Initiative. Inzwischen führt Leclerc zwar noch das interne Duell in der Qualifikation 8:7 an, im Rennen aber steht es umgekehrt. In der WM-Gesamtwertung ist Sainz mit 142 Punkten Fünfter, Leclerc mit 123 Zählern Sechster, was den internen Machtanspruch verlagert. Obwohl Teamchef Vasseur als Förderer von Leclerc gilt, ist er pragmatisch genug, auf den Vielversprechenderen zu setzen.

Die richtige Einordnung des Ferrari-Hochs folgt erst demnächst in Suzuka. Vasseur möchte nicht, dass der Aufwärtstrend der Scuderia durch zu große Hochgefühle wieder gebremst wird: "Wir müssen ruhig bleiben. Man wird mit zwei guten Wochenenden nicht Weltmeister. Es gibt keine magischen Lösungen in der Formel 1." Der ehrliche Sieger von Singapur fügt an: "Wir hatten diese eine Chance im Jahr, zu gewinnen, und trotz des enormen Drucks haben wir sie genutzt. Mich würde nicht wundern, wenn Red Bull die restlichen Rennen in diesem Jahr gewinnen würde. Aber es wäre doch großartig, wenn wir anderen sie auf Dauer stärker herausfordern könnten."

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