Süddeutsche Zeitung

Verstappen in der Formel 1:Reifer Max statt Mad Max

Max Verstappen galt in der Formel 1 bislang als großes, aber auch rücksichtsloses Talent. Nun erstaunt er mit leisen Tönen - und könnte Lewis Hamilton gefährlich werden.

Von Philipp Schneider

Diese Stille. Ungewöhnlich. Es ist fast so ruhig, dass man meint, aus der Ferne den Wind durch die Dünen von Zandvoort streichen zu hören. Das kommt ja nun auch noch hinzu bei diesem nahezu perfekten Timing des inzwischen 23-jährigen Rennfahrers Max Verstappen in der Saison 2021: In Zandvoort findet in diesem Jahr der erste Große Preis der Niederlande seit 36 Jahren statt. Die bislang letzte Wettfahrt an der Nordsee gewann 1985 Niki Lauda. Und wer weiß, vielleicht hat der dreimalige Weltmeister aus Österreich sogar einen kleinen Anteil daran, dass der ehemals am Lenkrad und im Wortlaut so ungestüme Verstappen nun so wirkt, als sei er ein paar Dezibel leiser gedreht. Konzentrierter.

Bevor Lauda vor zwei Jahren starb, hatte er den damals erst 20-jährigen Heißsporn aus den Niederlanden immer wieder mal mit scharfen Worten kritisiert. Es schien so, als könne es Lauda kaum ertragen, dass sich hier ein Jahrhunderttalent derartig selbst im Wege stand, dass er sich zwar seinen Spitznamen "Mad Max" verdiente, dabei aber viel zu oft in anderleuts Autos krachte. "Vernunft scheint sich bei diesem Menschen nicht einzustellen. Normalerweise wächst man mit seinen Fehlern. Er wird nur kleiner. Das scheint mir auch eine Intelligenzfrage zu sein", sagte Lauda, nachdem Verstappen 2018 in Shanghai mal wieder versucht hatte, die Logik der Physik auszuhebeln, als er sich in einer engen Spitzkehre vorbeischieben wollte am Ferrari von Sebastian Vettel.

Und nach einer ähnlich unnötigen Rempelei in Spa mit Kimi Räikkönen schlug ihm Lauda sogar den Besuch einer psychiatrischen Einrichtung vor; woraufhin Verstappen spitz zurückgab, "wenn ich schon gehen muss, dann könnten wir ja zusammen hingehen".

Per Funk wurde er angewiesen, sich wieder zurückfallen zu lassen - und tat es

Wer nun drei Jahre später genau hinhört, der merkt: Es ist nichts zu hören. Die Formel-1-Saison ist erst ein Rennen alt, aber gleich zum Auftakt in Bahrain gab es eine Szene, über die sich Verstappen vermutlich echauffiert hätte, würde Laudas These vom niemals reifenden Rennfahrer stimmen. Nach einer irren Aufholjagd tauchte Verstappen wenige Runden vor Schluss formatfüllend im Rückspiegel des späteren Siegers Lewis Hamilton auf, er überholte ihn sogar - geriet dabei allerdings mit allen Rädern neben die Strecke. Verstappen erreichte über Funk die Aufforderung, den Platz wieder zurückgeben. Brav wie ein Lämmchen ließ er Hamilton passieren.

In den Fachportalen entbrannte daraufhin eine hitzige Debatte, dass dies nicht nachzuvollziehen sei, angesichts der Tatsache, dass Hamilton an der gleichen Stelle, in Kurve vier, zuvor dutzendfach selbst die Streckenbegrenzung überfahren hatte, um wertvolle Zehntel einzusparen. Verstappen aber? Von ihm gab es kein kritisches Wort. Im Gegenteil: Rundum einsichtig teilte er auf Twitter ein Foto mit sich und dem Pokal des Zweitplatzierten, dazu schrieb er: Starkes Rennen. Eines vorbei, 22 stehen noch aus. "Keep pushing".

Keep pushing? Das klingt ja fast mehr nach Michael Schumacher als nach Mad Max. Wenn also der Eindruck nicht täuscht, dann kommt in diesem Jahr einiges zusammen, was Verstappen endlich den Weg zur Weltmeisterschaft freiräumen könnte, der sich seit Jahren nur trügerisch vor ihm auftat. Dass er unfasslich talentiert ist, das weiß die Welt spätestens seit einem verregneten Novembertag vor fünf Jahren in São Paulo. Da pflügte er als 19-Jähriger durch die Pfützen von Interlagos, als steuere er ein Luftkissenboot. Zu diesem Talent gesellt sich nun eine gewisse charakterliche Reife, eine Umsicht, die ihn in Bahrain keine Dummheiten machen ließ, beim Versuch, Hamilton zu überholen. Und in Sergio Pérez endlich mal ein Teamkollege, der zu mehr taugt als zum Überrunden. Vor allem aber: Zum ersten Mal darf er in einen Rennwagen steigen, mit dem er Lewis Hamilton herausfordern kann.

Manche Rennfahrer wachsen mit ihren Aufgaben, heißt es, aber das ist nur eine Floskel. Ganz sicher wachsen Rennfahrer mit ihren Autos. "Ich denke, wenn man sowieso in dieser Position ist und ein Auto hat, um um den Titel zu kämpfen, wird alles viel einfacher", sagte Verstappen Autosport.

Die Vorbereitung war zu kurz - Mercedes ist diesmal wohl nicht überlegen

Als Hamilton kürzlich in Manama zum 96. Mal ganz oben stand auf dem Treppchen, da sah es so aus, als habe sich die Welt auch im vergangenen Winter mal wieder nicht weitergedreht. Das war aber eine optische Täuschung. In Wahrheit war Verstappens Red Bull in Bahrain klar das schnellste Auto gewesen; zum ersten Mal seit sieben Jahren, seit sie in der Formel 1 die komplizierten Hybrid-Motoren verbauen, hatte Mercedes nicht den schnellsten Wagen konstruiert. Hamilton konnte sich am Ende nur durch eine brillante Strategie nach vorn schieben, einen meisterlich frühen Boxenstopp. Darauf wusste Red Bull nur die falsche Antwort.

Ein Grund für die Verschiebung der Kräfte ist, dass die Konstruktion der Wagen in diesem Übergangswinter von der ersten zur zweiten Saison unter Pandemiebedingungen nahezu ausgefallen ist. Die Rennpause dauerte nur drei Monate, es gab starke Einschränkungen in Budget und Fahrzeugentwicklung. Viel änderte sich nicht, aber ein entscheidender Aspekt schon: Es gab neue Vorgaben für die Konstruktion der Unterböden, die den Abtrieb der Fahrzeuge, also deren Haftung auf dem Asphalt, in dieser Saison verringern. Und unter diesen leidet nun Mercedes deutlich mehr als Red Bull. Weil es sich herausgestellt hat, dass das traditionell flache Heck der Silberpfeile den Verlust an Haftung schlechter ausgleichen kann als das hoch aufragende von Red Bull. Dass die Ingenieure von Honda Verstappens Motor weiterentwickelten, obwohl sich die Japaner am Ende dieser Saison aus der Formel 1 zurückziehen werden, das kommt hinzu.

"Wir haben das erste Rennen gewonnen, aber wir machen uns keine Illusionen, dass dies eine unkomplizierte Saison wird", sagt Mercedes-Teamchef Toto Wolff vor dem zweiten Grand Prix in Imola an diesem Sonntag. "Dem Auto fehlt es auf einer Runde noch an Pace und Red Bull scheint aktuell vorne zu liegen. Wir geben alles, um die Lücke zu schließen." Mag sein, dass es ihnen gelingt. Aber in den vergangenen Jahren war es stets umgekehrt: Da startete Mercedes mit einem schnelleren Auto in die Saison, Red Bull verkleinerte bis zum Saisonende den Abstand. Nur war es da längst zu spät.

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