Süddeutsche Zeitung

Schumacher und Masepin in der Formel 1:Zwei auf Crashkurs

Ein Höllenjob für Haas-Chef Günther Steiner: Er muss seine jungen konkurrierenden Formel-1-Piloten Nikita Masepin und Mick Schumacher permanent zügeln. Nur: Wie soll das gehen bei so unterschiedlichen Charakteren?

Von Elmar Brümmer, Sotschi

Das Drehbuch der nächsten Netflix-Staffel Drive to survive dürfte sich von selbst schreiben, nachdem Mick Schumacher und Nikita Masepin auch in der kommenden Formel-1-Saison nebeneinander und gegeneinander beim Haas-Rennstall fahren werden. Braver Deutscher gegen rüden Russen, wenn das kein Plot ist. Mal sehen, ob Teamchef Günther Steiner, der als kantiger Hardliner schon immer eine tragende Rolle im Streaming-Epos besitzt, seine beiden Fahrer zügeln kann. In den vergangenen beiden Rennen vor dem Großen Preis von Russland an diesem Wochenende sind sich die beiden 22-Jährigen erneut heftig in die Autos gerauscht. Worauf das eher zur Sachlichkeit neigende Fachblatt Motorsport aktuell über die toxische Beziehung titelte: "Russisches Roulette".

Am Donnerstag freute sich Mick Schumacher in Sotschi noch über die Sicherheit, dass er seinen Formel-1-Traum mindestens noch ein Jahr weiterleben kann. Mit Aufnahme des Rennbetriebs im Autodrom begann die Unsicherheit dann aufs Neue: Wie wird sich sein direkter Gegner verhalten, der theoretisch sein Kollege ist? Von der Intensität her reicht die Auseinandersetzung am Tabellenende an die zwischen Max Verstappen und Lewis Hamilton locker heran. Von der Klasse her natürlich noch nicht.

Die beiden absolvieren ihr Lernjahr, mit unterschiedlichen Lehrherren. Hinter Schumi junior steht die Ferrari-Akademie, hinter Masepin sein Vater Dimitri, Berufsbezeichnung Oligarch. Diese gegensätzliche Konstellation plagt vor allem den Teamchef Steiner, der nach allen Seiten vermitteln muss, will er die Zukunft seines Rennstalls sichern: Von Ferrari bekommt Haas die Motoren und die Ingenieure, von Papa Masepin reichlich Sponsoren-Millionen. "Eine vertragliche Bevorzugung eines Fahrers hat es bei uns noch nie gegeben. Und das wird es auch in Zukunft nicht geben", sagt Steiner, der manchmal selbst an der Neutralität zu verzweifeln scheint. Natürlich wacht jede Seite eifersüchtig darüber, ob die andere nicht irgendeinen Vorteil gewährt bekommt. Das macht es für keinen leicht. Immerhin hat Steiner Erfahrung mit außer Kontrolle geratenen, teaminternen Duellen; zuvor waren der Däne Kevin Magnussen und der Franzose Romain Grosjean regelmäßig für einen Crash gut.

Sportlich ist Schumacher eindeutig der bessere Fahrer

Die beiden Rookies von heute und morgen sind in vielem gegensätzlich, besonders im Charakter und im Auftreten. Für Schumacher steht das Lernen im Vordergrund, er gibt ganz in der Tradition seines Vaters den Teamplayer, versucht Konflikte hinter den Kulissen zu lösen. Ernsthaft spricht er nach der Vertragsverlängerung von einem "Familiengefühl" im Team, und dass er auch deshalb froh sei, bleiben zu können. Das bringt ihm gelegentlich den Vorwurf ein, blass zu wirken. Was soll er aber auch sagen: dass er andernorts vermutlich schon weiter wäre?

Sportlich ist Schumacher bislang eindeutig der bessere. Auch im Qualifying am Samstag war das zu sehen: Da war er fast vier Sekunden schneller als Masepin und ließ sogar noch den Alfa-Romeo-Piloten Antonio Giovinazzi hinter sich. Das reichte im unterlegenen Auto immerhin für Platz 17, und aufgrund von Strafen gegen Charles Leclerc (Ferrari) und Nicholas Latifi (Williams) wird Schumacher am Sonntag sogar noch von zwei Positionen weiter vorne ins Rennen starten.

Schumachers Problem ist, dass er vom Kollegen wenig lernen kann - und auch der Ausbildungsbetrieb Haas hat reichlich mit sich selbst zu tun. Ferrari-Renndirektor Laurent Mekies, der auch für die Nachwuchsakademie der italienischen Marke zuständig ist, bescheinigt dem Zögling: "Wir sind sehr zuversichtlich, dass er sich noch weiter verbessern wird. In seiner ersten Saison in der Formel 1 hat Mick die Qualitäten und Eigenschaften bestätigt, die ihn schon früher in seiner Karriere ausgemacht haben." Soll heißen: Streng dich noch mehr an, vielleicht klappt es 2023 dann mit einem noch größeren Sprung!

Masepin ist in den vergangenen Rennen näher an seinen deutschen Widersacher herangekommen, er führt das auf ein leichteres Chassis zurück, das er nach dem Sommer bekommen hat. Seine Fortschritte sind zwar vergleichsweise marginal, aber nach all den Überforderungen in der ersten Saisonhälfte reicht der kleinste Anlass, um das Ego weiter anschwellen zu lassen: "Vielleicht ist es bei mir wie mit dem Wein. Je reifer, desto besser." Zur Erinnerung: Der Mann ist ja immerhin schon 22. Die Kapitel Demut und Respekt hat er auf dem schnellen Weg nach oben offenbar übersprungen.

Steiner mit seiner mäßigen Tauglichkeit zum Friedensrichter will nach dem jüngsten Zusammenprall seiner Fahrer - Masepin hatte Schumacher in Monza den Frontflügel abgefahren - tatsächlich so etwas wie einen Fortschritt in der Beziehung erkennen. Masepin nahm zwar die Schuld auf sich, es war auch zu eindeutig, sogar für die Rennkommissare, die eine Zeitstrafe und einen Strafpunkt verhängten. Immerhin war diesmal die Aktion nicht so lebensgefährlich wie seine Spurwechsel zuvor. "Wir hatten zwar wieder einen Zwischenfall, aber ich denke, die beiden Jungs haben aus dem letzten Mal gelernt und die Sache unter sich bereinigt. Das hat mir gefallen. Die Dinge müssen geklärt werden, das ist Teil ihrer Entwicklung", sagt der Krisenmanager, "Freunde werden müssen die beiden nicht. Aber es muss eine gute Arbeitsbeziehung geben."

"Das Wort für Danke vergesse ich immer", sagt Schumacher

Steiner ist es lieber, dass sie sich jetzt aneinander reiben als im kommenden Jahr, wenn sich Haas sportlich endlich wieder Chancen ausrechnet. "An die Härten der Formel 1 gewöhnen", nennt er das Ausbildungsprogramm. Schumacher stimmt dem gern zu: "Ich glaube, das wird in vielerlei Hinsicht hochgekocht. Wir fahren ja Rennen. Solange wir uns verstehen und zusammenarbeiten, bringt es dem Team was - und gerade arbeiten wir zusammen. Das wird wichtig sein für das Team im nächsten Jahr, damit wir konstant im Mittelfeld fahren können."

Die Dinge immer so offen zu klären, wie er das vielleicht gern hätte, davon verspricht sich der deutsche Rennfahrer aber in Wirklichkeit wohl wenig. Schon vor der letzten Aussprache wusste er: "Auf mich hört er nicht. Er macht sein Ding, ich mach' meins." Auf die Frage, wie gut Russisch er könne, antwortet Schumacher: "Nur, wie ich heiße. Das Wort für 'Danke' vergesse ich immer."

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