Süddeutsche Zeitung

FC Bayern vor Hoffenheim-Spiel:Flick feilt am Spielstil

Mehr Ballbesitz oder doch mehr Schärfe nach vorne? Die Bayern ziehen mit Blick auf das Duell mit Hoffenheim Lehren aus den ersten beiden Saisonspielen - und wollen sich verstärken.

Von Jonas Beckenkamp

Hansi Flick präsentierte sich am Samstagmittag bester Laune, er begrüßte freundlich die zugeschalteten Reporter beim Video-Call vor der Bundesliga-Partie in Hoffenheim - und dann geriet er ins Schwärmen. Es ging dabei aber weniger um Hoffenheim, sondern um den vergangenen Gegner, den FC Sevilla, den die Bayern erst am Donnerstag im Supercup 2:1 nach Verlängerung besiegt hatten.

Eine "sehr gute Mannschaft" seien die Spanier, "sie sind taktisch sehr gut ausgebildet, der Trainer leistet dort hervorragende Arbeit", fand Flick, der genau weiß, warum sich so ein Sevilla eben nicht mit einem Achtzunull abfertigen lässt wie irgendsoein Schalke. "Sie legen, wie in Spanien üblich, den Schwerpunkt auf das Spiel mit dem Ball und finden gute Lösungen. Insofern war das auch für uns ein Spiel, aus dem wir lernen." Sevilla ist nicht Schalke, das dürfte jeder gemerkt haben im Supercup.

Aber was sagt das über die Bundesliga aus, in der ja so mancher nach dem Brachialstart der Münchner Langeweile befürchtet? Sollten sich die künftigen Bayern-Gegner von den widerspenstigen Spaniern inspirieren lassen? Flick appellierte schon ein wenig an den Innovationsgeist der Kollegen an den Seitenlinien der Liga. "Es ist Aufgabe der Trainer, auch gegen uns Lösungen zu finden. Es muss jeder selbst wissen, wie man uns besiegt."

Noch bis zum 5. Oktober ist das Transferfenster geöffnet

Vielleicht lassen sich aus dem Sevilla-Spiel ja wirklich ein paar Schlüsse ziehen. Zum Beispiel jener, dass die Spanier es mit Mut wagten, mitzuspielen und dass sie damit phasenweise ganz schön nah dran waren, Champions-League-Sieger-Besieger zu werden. Dazu haben die Bayern aber auch ihren Beitrag geleistet, wie Flick beobachtete. "Wir haben es uns da in einigen Situationen selbst schwer gemacht", erzählte er nun. "Wir haben den Ball nicht so klar laufen lassen."

Statt reiner Passstafetten um des Ballbesitzes willen ginge es darum, den "Ball dort zirkulieren zu lassen, wo der Gegner verwundbar ist." Flick wünscht sich also ein zielorientierteres Offensivspiel. Er formulierte es so: "Was die Positionierung vorne betrifft, müssen wir uns noch verbessern." Gegen Sevilla taten sich Serge Gnabry und Leroy Sané mitunter schwer, ihre Räume zu finden.

Flick feilt noch an der offensiven Ausrichtung seiner Elf, er will sie variabler machen und ihr mehr Tiefgang verleihen. Das gilt nicht nur für das sprichwörtliche Spiel in die Tiefe, sondern auch für den Kader generell. Der wird vielerorts als zu dünn angesehen und obwohl gegen Hoffenheim der Quarantäne-Rückkehrer Kingsley Coman zurückkehren dürfte, machte Flick noch einmal deutlich, dass er gerne mehr Personal zur Verfügung hätte. "Zu Namen kann ich nichts sagen", ließ er wissen, "Hasan Salihamidzic und ich sind da im Austausch. Wir wissen, dass für Veränderungen im Kader nur noch eine Woche Zeit ist. Wir sind dran."

Ob Martínez gegen Hoffenheim noch dabei ist?

Noch bis zum 5. Oktober ist das Transferfenster geöffnet, und es ist davon auszugehen, dass sich noch einiges tut beim Rekordmeister. Javi Martinez steht nach seinen Großtaten im Supercup vor dem Absprung, doch der Transfer in die Heimat nach Bilbao zieht sich. Bei Sky Sports News HD meldeten sie sogar, dass er zu platzen droht, weil die Basken nicht die von den Bayern geforderten zehn Millionen Euro bezahlen wollen. Eine Alternative für den 32-Jährigen könnte auch ein lukrativer Wechsel nach Saudi-Arabien sein. Flick hatte in dieser Causa keine neuen Infos: "Solange er hier ist, werde ich mit ihm planen. Javi hat sehr viel geleistet", sagte er.

Gut möglich also, dass Martinez auch in Hoffenheim noch dabei ist. Ausgerechnet gegen die TSG hatte er im vergangenen Oktober seinen dunkelsten Moment als Münchner, als ihn der damalige Coach Niko Kovac 90 Minuten auf der Bank schmoren ließ - obwohl Not am Mann war. Martinez schluchzte damals in den Armen von: Flick.

Der Bayern-Trainer beherrscht seit seiner Ankunft ja nicht nur taktische Kniffe und die Kunst der Gier-Vermittlung, sondern ist auch ums Binnenklima sehr bemüht. Keiner soll sich abgehängt fühlen, alle werden gebraucht, es gibt für jeden Gelegenheiten, so sein Credo. Zuletzt durften sogar junge Kräfte wie der 17-jährige Jamal Musiala ran, der prompt ein Tor gegen Schalke schoss. Auch Corentin Tolisso und Alphonso Davies bekamen wieder ihre Minuten.

Flick ist bewusst, dass er die Belastungen seiner Spieler durch diese verzwickte Coronaphase hindurchsteuern muss, dass er genau hinschauen muss, wenn sich selbst ein Athlet wie Leon Goretzka gegen Sevilla über den Platz schleppt. "Wir müssen gucken, wie alle beisammen sind", beschrieb er es. " In dieser Phase muss man auch mal entlasten, man muss regenerieren." Es nütze "nichts, wenn wir immer sagen, wie kaputt wir sind".

Trotzdem wird die Partie gegen zuletzt gut aufgelegte Hoffenheimer natürlich kein Wellness-Nachmittag. Was bei der TSG so passiert, hat Flick genau im Auge, er war schließlich selbst mal dort tätig. Und er kennt Hoffenheims neuen Trainer sehr genau: Mit Sebastian Hoeneß arbeitete er selbst kürzlich noch in München zusammen, als der Trainer der zweiten Bayern-Mannschaft war. "Er wurde in seinem ersten Jahr ruckzuck Meister in der 3. Liga und hat einen herausragenden Job gemacht", befand Flick, der durchblicken ließ, dass Hoffenheim eher wie Sevilla spielt. "Er mag modernen Fußball." Ein Achtzunull ist also eher nicht zu erwarten.

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