Süddeutsche Zeitung

Fifa:Willkommen in Giannis Superliga!

  • Fifa-Präsident Infantino nutzt die Klub-WM in Katar, um die Pläne für eine globale Superliga voranzutreiben.
  • Gegen Widerstand aus Europa wollen Investoren angeblich 15 Milliarden Dollar in das neue Format stecken.

In gewisser Weise ist Verlass auf Gianni Infantino. Spitzenvertreter der Fußballbranche warten seit Wochen auf den nächsten Angriff des Fifa-Bosses, der gern die zentralen Güter des Weltfußballs an sich reißen würde. Ein erster Vorstoß, als er heimlich die Rechte des Weltverbandes an eine Investorengruppe verhökern und sich selbst zum Chefaufseher der Auffangfirma machen wollte, war vor einem Jahr gescheitert - seither sind vor allem die Verbände Europas und Asiens gewarnt. Am Rande der Klub-WM eröffnete Infantino nun die nächste Attacke.

In einer Art Weihnachtspredigt teilte Infantino in Doha mit, er habe "mit vielen Leuten gesprochen, die unterschiedlichste Interessen vertreten. Und niemand schien wirklich glücklich damit, wie die Dinge jetzt sind: mit dem System, mit dem Spielkalender ... Die Leute beklagen, wie vorhersehbar die nationalen Ligen sind, dass die meisten Spiele der Nationalteams nicht interessant genug sind, dass zu viele Spiele gespielt werden." Um Lösungen zu finden, müsse man debattieren. Und, Achtung: "Als Fifa-Präsident spüre ich, dass ich die Debatte fördern muss."

Dabei wurde Infantino seit seinem Amtsantritt 2016 noch nie damit auffällig, ergebnisoffene Debatten zu fördern. Das ist auch diesmal nicht der Fall - tatsächlich hat der Boss für sich längst das beschlossen, was er in Doha als Eingebung verkauft: "Meine Vision ist, dass wir zum Beispiel 50 Klubs aus allen Kontinenten haben sollten, die mehr oder weniger auf demselben Niveau sind. Wenn wir den Fußball auf der ganzen Welt entwickeln wollen - und das ist die Mission der Fifa -, müssen wir darüber nachdenken."

Eine Liga mit 50 Klubs in aller Welt?

In Kreisen der Europa-Union Uefa wurde darüber am Wochenende kurz nachgedacht. Ergebnis: Richtig, das ist genau das, was sich seit Monaten abzeichnet: Infantino zündet zum Jahreswechsel die erste Stufe seines Plans, die Hoheit über den Klubfußball an sich zu reißen. Dass der Fifa-Boss seit Längerem mit Hilfe von Florentino Perez, dem Patron von Real Madrid, ein globales Konstrukt anschiebt, das außerhalb der nationalen Ligen und Verbände spielen soll, war bislang ein Verdacht. Nun ist es offenkundig: 50 Klubs in aller Welt - willkommen in Giannis Superliga.

Wie durchschaubar das Ganze ist, verrät Infantinos Statement. Denn der einzige Weg, das Niveau zwischen dem Fußball Europas und dem in Zentralafrika, den Anden oder der Südsee zumindest etwas auszugleichen, bestünde darin, neue Eckwerte für diesen Wirtschaftsbetrieb zu schaffen. Gehalts- und Transferobergrenzen sowie andere Regularien mehr. Wie sonst könnte ein Team aus dem Kongo auf dem Niveau von Real oder ManCity mitspielen? Überdies würden Transferbeträge, wie sie für Neymar und Co. bezahlt werden, in anderen Weltenregionen zur Sanierung ganzer Stadtteile reichen, und deshalb dort besonders obszön wirken.

Infantino predigt in Doha eine Art Chancengleichheit, hinter der vermutlich ein paar Handaufhalter, aber erkennbar keine engagierten Drittwelt-Vertreter stehen. Die einzigen europäischen Klubs, die Infantino offen unterstützen, sind Real Madrid und der AC Mailand, wo Infantinos Intimus Zvonimir Boban mitmischt. Ansonsten stoßen die Pläne auf große Skepsis - auch beim sonst jeder Erwerbsquelle aufgeschlossenen FC Bayern.

Infantino weiß um die Widerstände. Er weiß, dass das Gros der Fans weltweit nicht auf die Ligabetriebe verzichten und ständig quer durch die Kontinente fliegen kann, um ihre Klubs zu begleiten. Aber er weiß auch, dass es einen Köder gibt, der manchen Klubmanager umstimmen und in die Abspaltung vom System treiben könnte: Finanzen.

15 Milliarden Dollar, eine aufsehenerregende Zahl

So passt seine Weihnachtsansprache gut zum Anlass: Am Donnerstag endete eine nur zweiwöchige Ausschreibung für die Rechte an der Klub-WM 2021 in China. Auch dort wäre nicht viel zu erlösen, wiewohl das Turnier auf 24 Teams aufgestockt wird: Die Begeisterung der Fans, nach Saisonende Duelle der Reservisten von Turin, Madrid oder Sparta Prag gegen Teams aus Tunesien, Panama oder Korea zu sehen, dürfte überschaubar sein.

Aber darum geht es nicht. Die Ausschreibung für den 2021er-Kick in China ist nur die Tarnung für Infantinos nächsten Angriff: Er hat die Interessenten darin aufgefordert, neue Klubformate zu entwickeln, wobei ihnen völlige Freiheit gewährt wird - was die Häufigkeit des Wettbewerbs, die Qualifikationsmodi und sogar die Teilnehmer anbelangt. Kurz: Nicht Sportoffizielle, sondern Investoren aus dem globalen Kapitalmarkt sollen den Fußball von Morgen entwerfen. So steht es in der originellen Ausschreibung (siehe SZ vom 14.12.).

Anders als Infantino glauben Europas Fußball-Lenker nicht, dass gerissene Fondsmanager die neuen Vordenker des globalen Klubfußballs sein sollten. Besorgt diskutieren sie bereits eine aufsehenerregende Zahl: 15 Milliarden Dollar! So viel, heißt es aus mehreren Quellen, sei ein interessierter Investor bereit, für ein ihm genehmes Format der Zukunft zu bezahlen. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass dieser Investor der Luxemburger Finanzdienstleister CVC sein könnte - auf Nachfrage wird das weder von CVC noch von der Fifa klar dementiert. Der Weltverband weicht wiederholt aus, er müsse da nichts dementieren. Ein Sprecher des Privatfonds sagt: "CVC kommentiert solche Marktspekulationen grundsätzlich nicht."

Wer wäre als Chefaufseher geeigneter als Infantino?

Der Hinweis ist manchem Branchenkenner Hilfe genug: Wer verweilt ohne Not im Zentrum solcher Spekulationen um die pikante Neuaufstellung des globalen Fußballs? Neun Firmen, so Infantino, sollen geboten haben. Und womöglich ist es nicht eine Firma allein, die den ganzen Aufwand zu stemmen versucht. Von zwei weiteren Interessenten wird gemunkelt, aus China und der Golfregion.

Aber warum sollten Investoren Milliarden für eine Klub-WM bezahlen, die als Sommerpausenfüller mit Teams aus Neuseeland, Ecuador und dem Kongo niemals refinanzierbar wären? Solche Ausgaben ergäben nur Sinn, wenn das entstehende Wettbewerbsformat beinhalten würde, dass die besten Vereine eines jeden Erdteils in kontinentalen Superligen ihren Champion ausspielen - auch die europäischen. Viele Milliarden bräuchte es, um die Topklubs der Welt aus den Verbandsstrukturen heraus zu lösen. Auch bräuchte es wohl wieder eine Auffangfirma, in der die Großinvestoren und die Fifa ihre neue Kreation einbringen: Und wer wäre da als Chefaufseher geeigneter als Infantino?

Beim vor einem Jahr gescheiterten Coup des Schweizer Fifa-Präsidenten war das in einem Term Sheet, einem verbindlichen Arbeitspapier, genau so festgelegt. Diesmal kommt der Angriff von innen halt als eine Art Weihnachtsvision daher.

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Quelle:
SZ vom 23.12.2019/ebc
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