Süddeutsche Zeitung

DFB-Pokal vor 25 Jahren:Der Tag, als Vestenbergsgreuth den FC Bayern schlug

  • Am 14. August 1994 schaffte der TSV Vestenbergsgreuth in der ersten DFB-Pokalrunde die große Sensation: Er schlug den FC Bayern 1:0.
  • Der Torschütze Roland Stein lässt den historischen Tag im Gespräch mit der SZ noch einmal Revue passieren - vom Aufstehen zur Kaffeepause bis zum Abend in der Kneipe.

An großen Fußballabenden braucht es Kaffee und Kuchen. "Das war unser Ritual", sagt Roland Stein, als er sich an den schönsten Tag seiner Fußballerzeit erinnert. Am Nachmittag des 14. August 1994 kamen er und seine Mitspieler nach einer Trainingseinheit zum Kaffeekränzchen zusammen. Sie stimmten sich auf ihr Duell am Abend ein, Trainer Paul Hesselbach gab die Aufstellung bekannt und schnappte sich beim anschließenden Spaziergang alle Spieler noch einzeln, um ihnen ihre Rollen zu erläutern. Er wusste: An diesem Abend musste alles passen, sein TSV Vestenbergsgreuth aus der Regionalliga traf in der ersten DFB-Pokalrunde auf den deutschen Meister.

"Es war der perfekte Tag", sagt Stein. Der Tag, der Vestenbergsgreuth zum Fußballbegriff machte. Das damalige 350-Einwohner-Dorf schlug den FC Bayern München 1:0 im Nürnberger Frankenstadion. Und Stein, nun 46 Jahre alt, ist das gelungen, von dem Amateurfußballer träumen: das entscheidende Tor gegen Bayern zu schießen. Fast 7,5 Millionen Menschen schauten ihm ab 20.15 Uhr live im ZDF zu.

Im Gespräch lässt er den Tag vor 25 Jahren noch einmal Revue passieren. Am Morgen sei er schon einmal gut aus dem Bett gekommen, voller Vorfreude, sagt er, was anderes wäre schwer vorstellbar. Schließlich spielten die Vestenbergsgreuther in ihrem Stadion am Schwalbenberg vor höchstens 6000 Zuschauern, in Nürnberg waren es 24 200. Als die Mannschaft nach der Kaffeepause dorthin fuhr, stieg die Anspannung, noch heute bekommt Stein beim Gedanken daran Gänsehaut, "immer wieder", sagt er. "Als ich dann zum ersten Mal auf den Platz rauslief und den gepflegten Rasen und die Zuschauer sah, stieg das Adrenalin."

Auf der anderen Seite machten sich zu der Zeit Lothar Matthäus, Oliver Kahn, Thomas Helmer, der brasilianische Weltmeister Jorginho oder der von Franz Beckenbauer liebevoll "Schapapapa" genannte Stürmer Jean-Pierre Papin warm.

Mit erhobenen Händen lief Stein übers Spielfeld, lächelnd

Die Gäste spielten danach in ihren ungewohnten und ungeliebten gelben Trikots, Rot trug der TSV als Gastgeber. Der sich früh an die Worte des Trainers erinnerte: "Wenn wir reagieren, sind wir tot", sagte Hesselbach. Stein hatte anfangs trotzdem "einen Heidenrespekt" vor Jorginho, doch minütlich stieg das Selbstvertrauen der Franken, die Drittligisten hielten sich gut. "Nur als mir Jorginho einmal an der Außenlinie einen Beinschuss verpasst hat, da stand ich schon bedröppelt da", sagt Stein.

Die Aufstellungen vom 14. August 1994

FC Bayern München

Tor: Oliver Kahn; Abwehr: Thomas Helmer, Markus Babbel, Lothar Matthäus; Mittelfeld: Christian Nerlinger, Dietmar Hamann (46. Markus Schupp), Jorginho, Michael Sternkopf, Mehmet Scholl; Angriff: Marcel Witeczek (63. Adolfo Valencia), Jean-Pierre Papin. Trainer: Giovanni Trapattoni

TSV Vestenbergsgreuth

Tor: Ralf Scherbaum; Abwehr: Harry Koch, Frank Schmidt, Bernd Santl, Bernd Lunz; Mittelfeld: Roland Stein, Harald Ebner, Reiner Wirsching, Jochen Weigl (68. Thomas Latteier); Angriff: Werner Pfeuffer, Wolfgang Hüttner (70. Uwe Ernst). Trainer: Paul Hesselbach

Er schüttelte sich einmal, lange belastet hat ihn das alles nicht. Schließlich entwischte der Mittelfeldspieler in der 43. Spielminute ja auch einmal Jorginho. Kollege Werner Pfeuffer stocherte den Ball in den Strafraum und in den Lauf von Wolfgang Hüttner. "Der hat die Situation erkannt, ist dem Ball hinterher. Ich habe mich an den kurzen Pfosten orientiert und der Ball kam genau da hin." In den Fünfmeterraum. Stein köpfte die Kugel um Zentimeter an Torwart Kahn vorbei ins Tor. "Und da ist das Tor. Da ist das Tor", wiederholte der ZDF-Kommentator Béla Réthy in einer Mischung aus Unglauben und Euphorie. Mit erhobenen Händen lief Stein übers Spielfeld, lächelnd. So ganz schien er aber noch nicht kapiert zu haben, was er da geschafft hat. "Es war nur ein Tor. Wir mussten ja noch eine Halbzeit überstehen."

Hesselbach, der den TSV zuvor als eine Art "FC Bayern der Regionalliga" bezeichnete, musste seine Spieler in der Pause erst einmal wieder beruhigen. Stein hat ihn als autoritär in Erinnerung: "Wenn der mal losgelegt hat, hat sich keiner was sagen trauen. Vielleicht war das an diesem Tag aber gar nicht schlecht." Viel Taktisches hat Hesselbach übrigens gar nicht gesagt. Sondern: "Passt auf! Die Bayern werden jetzt loslegen wie die Feuerwehr."

In der Nachspielzeit spitzt sich die Szenerie zu

Tatsächlich wurden die Münchner stärker, doch die Franken wehrten sich, "wie die Verrückten" seien sie gerannt, fand FCB-Manager Uli Hoeneß. Zudem drehte die Stimmung im Stadion, das mit vielen Münchner Anhängern gefüllt war. "Plötzlich hat man gemerkt, dass auch eingefleischte Bayern-Fans mit jubelten", sagt Stein. Die Bundesliga-Spieler wurden dagegen aggressiver, sie ahnten wohl, dass sie zu Statisten eines historischen Triumphs werden.

In der Nachspielzeit spitzte sich die Szenerie zu zur "Herzklopf-Situation", wie Stein sagt: Papin hob den Ball über den Torwart Ralf Scherbaum. Die Kugel senkte sich Richtung Tor, ehe der Franke Bernd Lunz ihr nachsprang und sie noch an den Pfosten spitzelte. "Sensationell!", ruft Stein, noch heute kann man sich die Szene im Internet anschauen. Wie auch den rot-weißen Jubel im Anschluss daran.

"Das darf nicht wahr sein", sagte Réthy, die Greuther feierten die Überraschung, die Bayern verschwanden. "Mit Abklatschen war nicht viel drin", sagt Stein. "Bis wir wieder in der Kabine waren, waren die Bayern schon im Bus in die Heimat." Ein Trikot hat nur Pfeuffer bekommen, der mit Lothar Matthäus in der Jugend gespielt hatte. "Jetzt müssen wir mit der Schmach leben", sagte Matthäus, der als Herzogenauracher die Ortschaft Vestenbergsgreuth kannte.

Die Gastgeber um ihren Helden Stein zogen weiter in eine Kneipe in Nürnberg und feierten bis tief in die Nacht. Lange ausschlafen konnte Stein, der noch am Abend für den nächsten Tag freibekommen hatte, aber nicht. "Halb Deutschland" wollte von ihm wissen, wie es zum Wunder kam. "Das komplett zu realisieren, hat aber Jahre gedauert." Seine Fußabdrücke sind im sogenannten Walk of Fame nahe des Berliner Olympiastadions verewigt, wie etwa auch die von Günter Netzer oder Gerd Müller. Stein arbeitet mittlerweile als Aufzugsmonteur, den Jubiläumstag verbringt er im Urlaub mit Gänsehaut-Gefahr in Südtirol. Knapp zwei Jahre nach dem Pokalcoup schlossen sich die Fußballer der TSV Vestenbergsgreuth der SpVgg Fürth zur SpVgg Greuther Fürth an. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Quelle:
SZ vom 14.08.2019/jki
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