Süddeutsche Zeitung

Ewald Lienen bei St. Pauli:Chewald, der Revolutionsführer

Intellektueller, Fußball-Romantiker und Revoluzzer: Ewald Lienen hat auf St. Pauli endlich einen Verein gefunden, der zu ihm passt.

Von Jörg Marwedel

Spätestens am vergangenen Sonntag bekam Ewald Lienen bestätigt, was er schon längst wusste: dass der Fußball-Zweitligist FC St. Pauli jener Klub ist, der dem Trainer und "kritischen Bürger" Lienen, wie er sich selbst beschreibt, inzwischen ein wahres Zuhause bietet. 61 Jahre alt musste er werden, ehe er von den Hamburgern im Dezember 2014 als Retter in Abstiegsnot verpflichtet wurde.

Nun erlebte der ehemalige Kandidat der Friedensliste und Mitbegründer der Fußball-Gewerkschaft vdv seine erste Mitgliedsversammlung in jenem Klub, der ein etwas anderes Demokratieverständnis hat als die meisten Profivereine. Immer wieder klatschte er Beifall bei Beiträgen, die dazu beitrugen, dass Versammlungsleiter Kristian Heiser hinterher von einer "richtigen Demokratiestunde" sprach.

Es war aber auch eine Stunde, in der Lienen, der von den Fans in Hamburg auch "Chewald" genannt wird in Anspielung auf den Revolutionsführer Che Guevara, mehr als einmal gefeiert wurde. Ewald Lienen, der nicht nur Fußballtrainer, sondern auch Intellektueller ist, ist längst dabei, zum populärsten Übungsleiter des Stadtteilklubs seit Holger Stanislawski aufzusteigen.

Und Stanislawski, genannt "Mister St. Pauli", war immerhin 18 Jahre als Spieler, Manager, Vizepräsident und Trainer am Millerntor tätig, bevor er 2011 kündigte. Lienen ist noch nicht mal ein Jahr beim FC St. Pauli. Wenn er nun am Samstag (13 Uhr, Arena in Fröttmaning) zum Zweitligaspiel bei seinem ehemaligen Klub TSV 1860 nach München zurückkehrt, reist er dort als Hoffnungsträger und Aufstiegskandidat an.

Lienen kennt die Stärken von 1860 München

Auch bei den Münchner Löwen hätte er diese Rollen ausfüllen sollen, als er dort in der Saison 2009/2010 die Mannschaft trainierte. Lienen erreichte den achten Tabellenplatz, was für die damaligen Ansprüche der Löwen natürlich nicht genug war. Der Aufstieg hätte es schon sein sollen. Heute wäre 1860 froh über einen achten Platz, obwohl sie noch immer von der Rückkehr in die Bundesliga träumen.

Immerhin lobte Lienen jetzt seinen früheren Arbeitgeber vor fast überschwänglich. Und das nicht nur wegen dessen starker Abwehr (15 Gegentore in 14 Spielen), die so gar nicht zum 17. Tabellenplatz passt. 1860 habe "ein riesiges Potenzial" und zähle bei der Fan-Unterstützung zu den "Topvereinen". Zudem habe 1860 "eines der besten Nachwuchsleistungszentren des Landes". Was Lienen nicht sagte: Das nützt alles nichts, wenn drumherum das Chaos regiert.

St. Pauli verwandelt sich unter Lienen

Beim FC St. Pauli dagegen haben Verantwortliche und Mannschaft sich in dieser Saison offenbar auf ein gemeinsames Ziel eingeschworen. Als Lienen kam, war Pauli Tabellen-18., er bewahrte die Hamburger vor dem Abstieg und hat als Ligazweiter derzeit beste Aussichten. Pauli-Präsident Oke Göttlich hat denn auch Lienen bei der Mitgliederversammlung am Wochenende einen verbalen Lorbeerkranz geflochten. Diesmal, formulierte Göttlich launig, habe man zur Weihnachtszeit nicht vor, den Trainer zu entlassen. Es gibt auch wenig Grund dafür, die gerade erst begonnene Ära Lienen zu beenden.

Aus der schlechtesten Abwehr der Liga hat er schon in der vergangenen Rückrunde die beste gemacht: Bislang nur elf Gegentore in 14 Spielen sprechen für sich. Lienen hat mit den Pauli-Profis einen Konterfußball erarbeitet, der schwer auszurechnen ist. Und er hat im Sommer das Team verkleinert und einen Mannschaftsgeist entstehen lassen, der im Kampf um die oberen Plätze entscheidend sein könnte.

Lienen bleibt Realist

Als ein Boulevard-Journalist nach dem 4:0 im jüngsten Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf von einem "Quantensprung" fabulierte, zog Lienen ihn damit immer wieder spaßig auf und verwies den Quantensprung dorthin, wo er herkommt: in die Physik. Der sportliche Sprung des FC St. Pauli, der sogar in der ersten Liga enden könnte, ist für Lienen natürlich noch kein Thema. Denn der Fußball-Romantiker ist auch ein Fußball-Realist, der weiß, wie schnell es mit einer erfolgreichen Mannschaft wieder abwärts gehen kann, wenn sie im Überschwang der Gefühle ihre Ordnung vergisst.

Nicht von ungefähr hat er sich den Spitznamen "Zettel-Ewald" erworben, weil er während der Spiele seine wesentlichen Beobachtungen auf Zetteln zu notieren pflegt. Seinen Trainerkollegen Benno Möhlmann, auf den Lienen am Samstag trifft, brachte dies zur Einsicht, dass die Veranstaltung von Geheimtrainings an der Grünwalder Straße in dieser Woche ausnahmsweise sinnlos sei. "Der Ewald weiß eh' schon alles", sagte Möhlmann. Er sprach dies im Scherz. Aber möglicherweise hatte er Recht.

Neulich wurde Lienen auf eine These des argentinischen Weltmeistertrainers Luis Cesar Menotti angesprochen, für den Fußball eine "Mischung aus Ordnung und Abenteuer" ist. Das hat Lienen gut gefallen. Er übersetzte es auf seinen Fußball: Speziell bei Ballbesitz des Gegners "kommen wir ohne Ordnung nicht klar", sagte er. Aber man dürfe "nicht generell ins Schematische abgleiten", sondern müsse "über die Ordnung hinaus Raum für Gestaltungskraft und Individualismus schaffen". Beim TSV 1860 München wissen sie zumindest, dass es noch viel Raum jenseits der Ordnung gibt.

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SZ vom 21.11.2015/tbr
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