Süddeutsche Zeitung

Frankfurt in der Europa League:Der Poker fürs Rückspiel ist eröffnet

  • Eintracht Frankfurt hat nach dem 1:1 im Halbfinal-Hinspiel gegen Chelsea noch gute Chancen auf das Finale der Europa League.
  • Trainer Adi Hütter hofft im Rückspiel auf den zuletzt gesperrten Ante Rebic.
  • Hier geht es zu den Ergebnissen.

Von Tobias Schächter, Frankfurt

Adi Hütter war stolz. Das betonte der Trainer von Eintracht Frankfurt nach dem 1:1 gegen den FC Chelsea Donnerstagnacht mehrfach. Ein "absoluter Achtungserfolg" sei dieses Remis gegen eine "absolute Spitzenmannschaft", lobte Hütter. Ein Unentschieden mit einem Gegentor in einem Halbfinal-Hinspiel der Europa League zu Hause gibt eigentlich keinen Grund zur Euphorie - das weiß auch Hütter, weshalb der Österreicher auch bemerkte, dass die Trümpfe im Rückspiel nun in der Hand des FC Chelsea lägen.

Aber hey: Ist diese Eintracht nicht schon so oft in dieser Europapokalsaison über sich hinausgewachsen? Hütter erinnerte an den 1:0 Auswärtserfolg bei Inter Mailand im Achtelfinale, nach einem Nullnull zuhause: Nun sagt er vor der Reise nach London selbstbewusst: "Alles ist möglich."

Vor dem Eingang zur Haupttribüne des Frankfurter Stadions stand ein Wegweiser, der nach Osten zeigte und genau 3355 Kilometer von Frankfurt nach Baku auswies. Am 29. Mai findet in der Hauptstadt von Aserbaidschan das Finale statt. Diesem speziellen Sehnsuchtsort kam der FC Chelsea nach dem ersten Aufeinandertreffen wohl einen Schritt näher als die Frankfurter. Der Umweg über den Westen Londons könnte sich beim Rückspiel nächste Woche für die Eintracht als zu weit erweisen. Die Stimmung in der Kabine sei ein bisschen gespalten gewesen, gab Hütter zu.

Die Eintracht musste "viel leiden"

Einerseits freuten sich die Spieler über einen erneut tollen Europapokal-Abend. Die Fans hatten schon eine halbe Stunde vor dem Anpfiff ohrenbetäubend laut zu singen begonnen, nicht unterbrochen durch Stadionwerbung oder andere Störgeräusche. Beim letzten Heimspiel in dieser Europapokalsaison zelebrierten die Anhänger noch einmal ihren Enthusiasmus, den der englische Reporter in der BBC Radio 4-News-Sendung am Freitagmorgen als "remarkable" (bemerkenswert) bezeichnete. Andererseits habe der Gegner aber auch gezeigt, was für eine Spitzenmannschaft er sei. Hütter erzählte, seine Spieler fanden, Chelsea agiere noch einmal auf einem höheren Niveau als Donezk, Inter und Benfica Lissabon - jene Champions-League-Absteiger also, die die Hessen in der K.o.-Runde aus dem Wettbewerb gespielt hatten.

Die Eintracht musste nach starkem Beginn vor allem in der zweiten Halbzeit "viel leiden und viel nachlaufen" (Hütter). Wieder einmal waren die Eintracht-Profis gezwungen an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit zu gehen, Mijat Gacinovic beispielsweise wurde nach einer Krampfattacke ausgewechselt. "Wir haben schon 46 Spiele gemacht, das habe ich auch noch nicht erlebt - und ich bin schon 35", sagte Routinier Makoto Hasebe. Jetzt sei alles nur noch Kopfsache, meint der Japaner, der diesmal einen Libero vor einer Dreierabwehr und hinter einem massiven Mittelfeld spielte.

Vor allem in der Anfangsphase fing Hasebe viele Pässe des Gegners ab. Die Eintracht begann mutig und Luka Jovic erzielte ein Tor, wie nur er es kann: Jovic passte zu Filip Kostic, lief in Stellung und köpfte den Ball nach der Flanke seines serbischen Landsmanns akrobatisch auf Hüfthöhe ins lange Eck (23.). Es war der neunte Treffer im Wettbewerb für den 21-Jährigen, dem zwar sonst nicht viel gelang, aber der in dieser Aktion zeigte, warum die großen spanischen Klubs sich für ihn interessieren.

Ein zweiter Treffer wäre möglich gewesen - für beide Teams

Doch der Rückstand weckte Chelsea auf. Die Mannschaft hatte so schwer ins Spiel gefunden, wie der Fahrer des Buses der Firma Bohr aus Lautzenhausen im Hunsrück vor dem Anpfiff in die Katakomben der Arena. Unter dem Gejohle der Eintracht-Fans musste er vier Mal Anlauf nehmen, um das sperrige Gefährt mit den Chelsea-Profis an Bord in die enge Einfahrt zu manövrieren. Doch als er endlich ins Spiel gefunden hatte, dominierte der Vierte der Premier League den Vierten der Bundesliga klar. Der Ausgleich des Spaniers Pedro kurz vor der Pause war das endgültige Signal für den Machtwechsel auf dem Rasen. Mehrfach rettete Eintracht-Torwart Kevin Trapp im zweiten Durchgang das Remis - unter anderem lenkte er den Ball nach einem Freistoß von David Luiz noch an die Latte (60.).

Und doch hätte die Eintracht ihre Ausgangsposition noch verbessern können - aber die Kugel sauste nach einem Kopfball von David Abraham knapp über das Tor (85.). "Man hat die Klasse von Chelsea gesehen, aber auch unseren Mut und unsere Leidenschaft", resümierte Hütter, den auch ein Lob seines Kollegen stolz machte.

Ist Chelsea die Premier League wichtiger?

Chelseas Trainer Maurizio Sarri hätte ein zweites Tor einer Elf gerne gesehen, er meinte: "1:1 ist nicht so schlecht, aber unglücklicherweise ist Frankfurt auch auswärts stark. Wenn du ihnen Raum gibst, sind sie gefährlich." Der Italiener bemängelte, dass seine Elf zunächst nur auf das Sichern des Resultats aus gewesen sei. Ein Fehler, der nicht der Mentalität und dem Charakter seiner Mannschaft entspreche. "Wir haben erst nach dem 0:1 begonnen, Fußball zu spielen", kritisierte Sarri. Der Italiener rechtfertigte die Maßnahme, Eden Hazard über eine Stunde lang auf der Bank gelassen zu haben, damit, dass der belgische Nationalspieler zuletzt zehn Mal hintereinander gespielt habe. Die Begegnung in Frankfurt sei bereits die 59. für sein Team in dieser Runde gewesen.

Niemand könne bei so vielen Partien in einer Saison immer 90 Minuten spielen, auch Hazard nicht. Der sei zwar wahrscheinlich sein bester Spieler, aber eben auch nur ein Spieler, stellte Sarri klar. Deswegen habe er ihm die Ersatzrolle auch erst in der Mannschaftssitzung mitgeteilt. Sarri betonte, er wolle die Champions-League-Teilnahme über den vierten Rang in der Premier League und über den Sieg in der Europa League erreichen. Vor dem Spiel hatten seine Äußerungen den Anschein erweckt, die Premier League sei ihm wichtiger. Dabei würde ein Titel womöglich seine Position stärken, Sarri ist längst nicht mehr unumstritten nach einer Schwächeperiode zu Jahresbeginn.

Unumstritten ist Adi Hütter bei der Eintracht, dem nun in der entscheidenden Phase noch einmal die Kunst gelingen muss, die Kräfte zu bündeln. Schon am Sonntag spielt die Eintracht in einer Art Finale um den vierten Champions-League-Platz in der Bundesliga in Leverkusen. Vier Tage später geht es in London um den Einzug ins Endspiel der Europa League. Die Eintracht glaubt nach wie vor an den ganz großen Wurf, auch wenn die Kraft weniger wird. Am Donnerstag musste Hütter auf zwei Stürmer verzichten, den gesperrten Ante Rebic und den schon länger verletzten Sebastien Haller (Bauchmuskelzerrung).

Verletzt sich Rebic nicht, ist er der große Hoffnungsträger für das Rückspiel. Wie eine Beschwörungsformel wiederholten alle Frankfurter voller Hoffnung: "In London ist Ante wieder dabei." Und Adi Hütter schloss sogar nicht "ganz" aus, dass in London auch Haller zum Einsatz kommen könnte. Ja: Adi Hütter war stolz, weil noch Hoffnung besteht - und eröffnete gleich die Pokerrunde für das Rückspiel.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4430784
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/ebc/tbr/cat
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.