Süddeutsche Zeitung

Sebastian Rode bei Eintracht Frankfurt:Liebling der Fußball-Legenden

Lesezeit: 4 min

Sebastian Rode steht wie kaum einer für den Eintracht-Frankfurt-Fußball. Er ist Kitt und Kapitän des Teams - der deutsche Fußballadel überhäuft ihn vor dem Europa-League-Finale mit Lob.

Von Javier Cáceres, Frankfurt

Wenn man mit Heribert Bruchhagen, der früher lange Jahre als Chef der Frankfurter Eintracht wirkte, über deren heutigen Kapitän Sebastian Rode spricht, fällt ein Satz von bewundernswert schlichter wie treffender Aussage: "So wie er muss ein Fußballer sein."

Es bietet sich an, über Rode zu reden, weil am Mittwoch, wenn in Sevilla das Europa-League-Finale der Eintracht gegen die Glasgow Rangers ansteht, Rode die Mannschaft als Kapitän aufs Feld führen wird. Und es ist zweckdienlich, mit Bruchhagen zu reden, weil er derjenige war, der Rode, heute 31, im Jahr 2010 von den Offenbacher Kickers zur Eintracht holte.

"Den musst du holen!", hatte Bernd Hölzenbein zu Bruchhagen gesagt, und dass sich in ihm etwas sträubte, dem Rat des Weltmeisters von 1974 zu folgen, lag nur am Preis, den eine andere Legende für Rode aufrief: der einstige Torjäger Dieter Müller, im Jahre 2010 Präsident der Offenbacher Kickers. "400 000 Euro für einen 18-jährigen Amateurspieler? Du hast doch 'nen Vogel!", habe er zu Müller gesagt, erinnert sich Bruchhagen und lacht ins Telefon. Kurz darauf kam Müller wieder, diesmal mit einem anderen Weltmeister, Kickers-Manager Andy Möller, im Schlepptau, und ging mit der Forderung um 100 000 Euro herunter. "Die Kickers brauchten 300 000 Euro. Aber am nächsten Tag." Die Eintracht zahlte, und sie gewann dadurch einen Spieler, der nun zu den wenigen Profis zählt, die wissen, wie es sich anfühlt, viele Titel zu gewinnen.

Das Gefühl für die Beschaffenheit von Edelmetall entwickelte Rode bei seinem Ausflug in die obersten Sphären des deutschen Fußballs. Mit dem FC Bayern (2014 bis 2016) und Borussia Dortmund (2016 bis Januar 2019) holte er Meisterschalen und Pokale.

"Ein Mentalitätsspieler - wie Ballack, Kimmich, Goretzka"

In Frankfurt hatte er eingeschlagen, weil er sich furchtlos in die Zweikämpfe warf, die auch die vielen Verletzungen erklären, die seine Laufbahn ebenfalls kennzeichnen. "Ich wurde von den Frankfurter Medien für verrückt erklärt, dass ich Rodes Vertrag nicht verlängerte", sagt Bruchhagen: "Was seinerzeit niemand wusste: Uli Hoeneß hatte mich ein Dreivierteljahr vor Saison angerufen und gebeten, über den Wechsel Stillschweigen zu bewahren, damit ihn die Ultras nicht grillen." Das gelang. Nur: In München traf Rode auf eine Konkurrenz, die fast nur aus Koryphäen des defensiven Mittelfeldspiels bestanden: Xabi Alonso, Javi Martínez, Arturo Vidal, Philipp Lahm. Und das war in Verbindung mit einer Reihe von Verletzungen "eine halbe Nummer zu groß für ihn", sagt Bayerns ehemaliger Kaderplaner Michael Reschke. Was rein gar nichts über die Wertschätzung sagt, die er für Rode empfindet.

Zwei Mal hatte Reschke in einer anderen Rolle vorher schon versucht, ihn zusammen mit einem anderen Weltmeister, Rudi Völler, zu Bayer Leverkusen zu lotsen, später versuchte er es als VfB-Stuttgart-Manager. Bei den Bayern allerdings erteilte er ihm aus einer tief empfundenen Sympathie heraus "den einzigen Ratschlag, auf den Rode hörte", wie Reschke augenzwinkernd erzählt. "Mach was anderes. Geh!" Denn: "Du bist kein Adabei. Du bist kein Mitläufer. Du bist ein Vorangeher." Eine Aufgabe, die er jetzt in Frankfurt ausfüllt - was in Dortmund, seiner zweiten Station in der Beletage des deutschen Fußballs, nie richtig gelang.

Zwar deutete Rode immer wieder an, dass das oft von der Öffentlichkeit belächelte, als heuchlerisch interpretierte Lob durch seinen damaligen Bayern-Trainer Pep Guardiola sehr ernst gemeint war. Aber in Dortmund litt er unter einem sagenhaften Verletzungspech, die Narbe oberhalb des rechten Knies zeugt davon. "Was mich an Rode immer beeindruckt hat, ist, dass er nach jeder Verletzung, volle-Kapelle-tusch!, wieder da war", sagt Reschke. "Er verkörpert den klassischen deutschen Mentalitätsspieler: Ballack, Kimmich, Goretzka, Rode ... das ist ein Strickmuster."

Rodes Weltklasseleistung im Camp Nou

Das dürfte nicht nur erklären, warum er der Lieblingsspieler der Legenden, der Granden des Fußballs, ist: Einer, in dem sie den Typus Mannschaftsspieler sehen, mit dem sie ihre größten Erfolge feierten. Sondern auch, wie es ihm gelang, immer wieder nach schweren Blessuren durch die langen Täler der Reha zu schreiten. "Es gab Momente in meiner Karriere, wo ich ganz weit weg war und mir nie hätte erträumen können, zweimal im Halbfinale und einmal im Finale der Europa League zu stehen", sagt Rode. Auch in dieser Saison hatte er mit Verletzungen zu kämpfen. Er verpasste fünfzehn Spiele, sinnierte in der Bild-Zeitung über ein mögliches Karriereende, obschon sein Vertrag noch läuft, bis er 33 Jahre alt sein wird.

Aber als es darauf ankam, war er da.

Und nicht nur das: Beim Viertelfinal-Spektakel der Eintracht im Camp Nou faszinierte Rode die Experten mit eine Weltklasseleistung. In einer taktisch brillant aufspielenden Mannschaft war er im defensiven Mittelfeld wieder einmal "der Kitt zwischen den Elementen, der alles zusammenhält", wie es einmal Matthias Sammer beschrieb, noch ein Rode-Fans aus dem Adelsverzeichnis des deutschen Fußballs.

Aber Rode war auch derjenige, der seine Mannschaft aufrief, "relaxed zu bleiben", der sie ermunterte, "eine gewisse Entspanntheit" an den Tag zu legen, wie er selbst erklärte. Das war umso wichtiger angesichts der Emotionen der Fans, die erst einmal in positive Energie umgewandelt werden müssen. Auch in Sevilla werden die Anhänger zu Zehntausenden in der Stadt sein. "Wir genießen es, mit Eintracht Frankfurt im Fokus zu stehen und den Adler in die Welt zu tragen", sagt Rode, und es erfüllt ihn mit Stolz, dass das alles unter Aufführung von "Eintracht-Frankfurt-Fußball" geschieht, wie Trainer Glasner den Stil der Mannschaft nennt.

Was das bedeutet: Eintracht-Frankfurt-Fußball? "Wenn du mit einer Mannschaft wie Eintracht Frankfurt im Europa-League-Finale stehst, kommst du nicht nur über die individuelle Qualität. Der Teamgeist ist der Key fact: das Schlüsselelement, das uns so weit getragen hat", sagt Rode. Kaum einer steht dermaßen für diesen Gemeinsinn auf dem Rasen wie er selbst. Das allein reicht schon, dass Sebastian Rode und die Eintracht am Mittwoch in Sevilla, am Ufer des Guadalquivir, auf eine weitere magische Nacht hoffen dürfen.

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