Süddeutsche Zeitung

Eintracht Frankfurt:"Nur ich wurde ans Kreuz genagelt"

  • Guillermo Varela ist vor dem Pokalfinale von Eintracht Frankfurt suspendiert worden, weil er sich ein Tattoo hat stechen lassen.
  • Nun fühlt er sich zu Unrecht an den Pranger gestellt.
  • "Ich kann mir nicht erklären, warum man mich so hart bestraft", sagt Varela gegenüber der SZ.

Von Javier Cáceres, Berlin

Guillermo Varela weiß noch immer nicht so recht, wohin mit seinen Gefühlen. Eigentlich hätte er an diesem Samstag in Berlin sein wollen, um zusammen mit seinen Mannschaftskameraden von Eintracht Frankfurt um den DFB-Pokal zu kämpfen, im Finale gegen Borussia Dortmund. Doch nun sitzt der 24-Jährige daheim. Am Mittwoch hatte er ein Schreiben erhalten, schwungvoll unterschrieben von Fredi Bobic, dem Vorstand Sport, und Bruno Hübner, dem Sportdirektor der Eintracht, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass er mit sofortiger Wirkung und bis Ende Mai suspendiert sei.

Überdies habe er eine Vertragsstrafe zu leisten: 70 000 Euro, die ihm von den nächsten Gehaltsabrechnungen abgezogen werden sollen, der Betrag liegt im Bereich eines Monatsgehalts. Der Grund: Er hatte er sich am Montag ein Tattoo stechen lassen. Nun fühlt er sich in jeder Hinsicht schlecht behandelt. "Mein Name wird besudelt", sagte Varela der Süddeutschen Zeitung. Er prüft rechtliche Schritte.

Das Tattoo sei nicht sonderlich groß, sagte er, und dass er es sich stechen ließ, sei "aus Aberglauben" passiert. Die Vorgeschichte hat mit seinem eigentlichen Arbeitgeber zu tun: Manchester United, der ihn im vergangenen Sommer an die Eintracht auslieh. "Vor dem FA-Cup-Finale 2016 sind wir mit mehreren Spielern losgezogen und haben uns ein Tattoo stechen lassen, und dann haben wir den FA Cup gewonnen", erzählt Varela. "Nun habe ich das wiederholen wollen, weil es uns mit Manchester so viel Glück gebracht hatte".

Damals war es ein Engel, den er sich in die Haut stechen ließ; diesmal fiel die Wahl auf La Catrina, ein geschminktes Frauengesicht, ein Motiv aus der mexikanischen Tradition des Totentages. Anderntags sei die Stelle ein wenig gerötet gewesen. Varela fragte den Mannschaftsarzt nach einer Salbe, und löste damit eine Affäre aus, die ihn das Pokalfinale kostete. Die Klubführung wertete das Verhalten als "grob fahrlässig". Bobic sagte am Freitag in Berlin, die tätowierte Stelle sei nicht nur rot gewesen, es hätten sich auch Blasen gebildet - ein Grund dafür, dass er nicht trainingsfähig gewesen sei. "Er hat der Mannschaft geschadet", sagte Bobic, von den Zeitungen mit den großen Buchstaben wurde Varela als "Tattoo-Depp" tituliert, der Fall machte weltweit Schlagzeilen, in Medien wurde spekuliert, er habe sich womöglich verfassungsfeindliche Symbole stechen lassen.

Nicht der einzige Eintracht-Profi, der sich Tatoo hat stechen lassen

Varela sagt hingegen, dass die Rötung der tätowierten Stelle nicht der Rede wert gewesen sei. Der Klub habe ihn zu einem Hautarzt geschickt, der mit der Eintracht zusammenarbeitet. Und dieser habe ihm bescheinigt, dass er "nichts" habe und auch einem etwaigen Einsatz nichts im Wege stehe. "Ich frage mich, was Real Madrid mit Sergio Ramos machen müsste. Der tätowiert sich jede Woche". Jenseits davon habe er sich als Profi nie etwas zuschulden kommen lassen, auch nicht in Frankfurt. "Ich kann mir nicht erklären, warum man mich so hart bestraft. Zudem bin ich nicht der einzige Eintracht-Profi, der sich vor dem Finale ein Tattoo hat stechen lassen. Aber nur ich wurde ans Kreuz genagelt, als ob ich gegen den Trainer handgreiflich geworden wäre oder mir sonst etwas geleistet hätte. Warum da verschiedene Maßstäbe angelegt werden, ist mir ein Rätsel", sagt der frühere uruguayische U-20-Nationalspieler Varela. Und: "Ich würde nie etwas machen, was meiner Mannschaft schaden würde".

Für ihn ist die Suspendierung vor dem Finale in vielfacher Hinsicht bitter. Zu Beginn der vergangenen Bundesliga-Saison hatte er einen Bänderriss im Sprunggelenk erlitten. Keine langwierige Sache, dachte man. Doch dann zog sich die Genesung auch deshalb hin, weil eine Schraube, die eingesetzt wurde, sich so verdreht hatte, dass er "höllische Schmerzen" hatte. Er musste ein zweites Mal auf den Operationstisch - nachdem er sich auf Bitten des Trainers für diverse Spiele hatte fitspritzen lassen. "Er brauchte mich, hat er gesagt. Ich habe für die Eintracht meine Gesundheit, vielleicht sogar meine Karriere aufs Spiel gesetzt. Ich wollte der Mannschaft und dem Trainer helfen", sagt er. Und versteht auch deshalb nicht, dass er nun wegen einer Lappalie wie der Rötung nach einem Tattoo suspendiert worden sei. Nachdem er in den letzten vier Ligaspielen insgesamt 265 Minuten auf dem Platz gestanden hatte - und auch im Pokal-Halbfinale bei Borussia Mönchengladbach (7:6 i.E.) mitwirkte. "Ich war körperlich endlich bei 100 Prozent", sagt er.

Er will in Deutschland bleiben

Daran, dass seine Zeit bei der Eintracht vorüber ist, dürfte nicht mehr zu rütteln sein, der Leihvertrag der Eintracht mit Manchester United läuft im Sommer aus. "Mein Manager hat mir vor Monaten erzählt, dass zwei Bundesligisten interessiert sind, mich für die kommende Saison zu verpflichten. Aber ich wollte nicht mal die Namen wissen, ich habe sie erst jetzt erfahren. Ich wollte bei der Eintracht bleiben", sagt Varela. "Mir gefällt es hier in Deutschland, ich mag die Atmosphäre in den Stadien, die Fans, alles."

Die Atmosphäre eines Pokalfinales hätte er sich gerne gegönnt, doch der Verein teilte ihm schriftlich mit, auf Englisch, dass er die Genehmigung habe, "sofort" nach Uruguay zu fliegen. Er sei über dies "eingeladen", dem Cup-Finale in Berlin beizuwohnen, in fetten Buchstaben und unterstrichen steht aber auch, dass er "nicht aufgefordert" sei, in die deutsche Hauptstadt zu reisen. Am Samstagabend aber wird er daher vor dem Fernseher sitzen und seinen Kameraden die Daumen drücken, "viele haben mich angerufen und mir gesagt, dass sie die Entscheidung nicht verstehen können. Für sie hoffe ich, dass mein Tattoo seinen Zweck erfüllt - und der Eintracht Glück bringt".

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