Süddeutsche Zeitung

Einführung der Nations League:Platinis nächster Angriff auf die Fifa

Lesezeit: 4 min

Die Europäische Fußball-Union führt einen neuen Wettbewerb ein: die Nations League. Sepp Blatter und dem Weltverband kann das nicht gefallen. Uefa-Chef Michel Platini mutiert zur sportpolitischen Bedrohung.

Von Thomas Kistner

Nun schlägt das Imperium zurück, und gleich mit aller Macht. Aber natürlich hat Europas Fußballverband Uefa für den Angriff eine annehmbare, der Branche gut vermittelbare Verpackung gewählt. Bei ihrem Kongress in Kasachstan hat sie jetzt ein neues Wettkampf-Format beschlossen: die Nations League.

Ab 2018 soll sie den Betrieb aufnehmen und - so die offizielle, politisch unbedenkliche Argumentation - die bisher ja mäßig spannenden Freundschaftsspieltermine für Nationalmannschaften mit echtem Wettbewerb füllen. Das noch nicht ganz ausgebrütete Konzept sieht vor, dass Europas Teams in vier anhand des Länder-Koeffizienten eingeteilten Divisionen (A bis D) mit vier Untergruppen zu je drei bis vier Teams im Herbst 2018 vier bis sechs Partien spielen. Der Meister wird 2019 bei einem Final-Four-Turnier ermittelt, das die vier Gruppensieger aus Pool A austragen; die anderen Nationen spielen um Auf- und Abstieg.

Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), äußerte sich zurückhaltend zu dem Projekt. "Ich verhehle nicht, dass der DFB und auch ich ganz offen Bedenken geäußert haben", sagte er der Presse am Tagungsort in Kasachstan. Skepsis sei weiter da, andererseits müsse der DFB "akzeptieren und respektieren, dass die Mehrheit der Verbände ganz einfach etwas ändern möchte."

Wobei das zu Ändernde auch viel mit der großen Fußballpolitik zu tun hat. Denn der Coup von Astana löst in der Zürcher Fifa-Zentrale alle Alarmglocken aus. Dort ist Präsident Sepp Blatter seit jeher stark um Eindämmung der europäischen Vorherrschaft im Weltfußball bemüht, und mehr noch um die Demontage der europäischen Funktionäre. Denen, so hat er gerade erst erklärt, will er nun sogar die Plätze in seinem Fifa-Vorstand kürzen. Der Machtkampf tobt, denn Uefa-Chef Michel Platini ist von Blatters einstigem Musterzögling zur sportpolitischen Bedrohung mutiert: Er schielt auf den Fifa-Thron.

In Astana hat Platini am Mittwoch wiederholt, dass er nach der WM in Brasilien entscheiden werde, ob er 2015 für das Amt kandidiert, das Blatter seit 1998 mit Klauen und Zähnen verteidigt und gerne ein fünftes Mal ergattern will. Die Frage, ob er den ewigen Patron schlagen könne, beantwortet Platini nun schlicht mit "ja". Und zum Streitthema WM 2022 in Katar befand die Uefa: Sie hält an einer Verlegung fest, erwartet diese aber erst 2015, weil noch keine Einigkeit über einen Termin erzielt wurde.

Schnurstracks in die globale Isolation

Blatter also, der trotz anderslautender Versprechen bei der letzten Inthronisierung 2011 nun offenkundig eine fünfte Amtszeit anstrebt, attackiert an allen Fronten - und läuft in einen heftigen Gegenschlag: Die Uefa verselbstständigt sich und quetscht dabei noch mehr Kapital aus ihrem europäischen Fußballmarkt. Die Einführung der Nations League schafft nicht nur zusätzliche Einnahmequellen, sie führt vor allem: Schnurstracks in die globale Isolation.

Freie Termine europäischer Vertreter für Spiele gegen Teams aus Südamerika, Asien oder Afrika werden aus dem Kalender getilgt, Europa bleibt nun ganz unter sich. Und das noch konzentrierter, mit einem zweiten Länderspiel-Wett- bewerb neben der Europameisterschaft.

Wobei Platini, der die EM gerade erst auf 24 Teams aufgebläht hat und sie deshalb 2020 in 13 Ländern austragen muss, im Schatten der neuen Nationen-Liga auch dies Problem elegant lösen kann: Eine Reduzierung des EM-Endturniers zurück auf die bisher üblichen 16 Teilnehmer fiele jetzt nicht mehr so peinlich auf.

Absehbar wird sogar schon der nächste Schritt weg von der Fifa. Eingedenk der zusätzlichen Belastung für Europas Nationalspieler, die neben der Nations League auch ständig Qualifikationsrunden für EM und WM spielen müssen, können innereuropäische Qualifikationen nun auch über Länderkoeffizienten und die National-Liga verrechnet werden.

Coup von Astana

Die WM-Qualifikation hingegen wird womöglich auf neue Beine gestellt. Denn: Ist es nicht so, dass die Fifa dem südamerikanischen Verband Conmebol (dessen obskure Funktionäre lange Zeit die Weltfußballgeschäfte diktierten) seit Jahrzehnten einen eigenen Modus zugesteht? Dort ist es so, dass alle Länder in einer Art Liga gegeneinander antreten. Die besten Vier der Schlusstabelle reisen zur WM, der Fünfte hat noch eine Ausscheidungschance gegen den Vertreter Ozeaniens (die regelmäßig genutzt wird). Auch das ist also eine National-Liga: Da fiele es schwer, den übrigen Kontinenten andere Qualifikationskriterien aufzuzwingen.

Mit dem Coup von Astana wird klar: Die Fifa und Chef Blatter müssen sich über- legen, wie weit sie das Kräftemessen mit der Uefa treiben können. Denn auch ihre WM, das attraktivste Massenprodukt der Welt (nicht nur im Sport), ist ja im Kern nur ein Turnier der besten Teams Europas plus Brasilien und Argentinien; ein wenig global garniert wird es traditionell mit Japan, Südkorea sowie einem aktuell starken Team aus Afrika (mehr als das Viertelfinale erreichten Vertreter des Kontinents nie). Aber sogar hier hat die Uefa schon ihre Fühler ausgestreckt; immer mal wieder sickert das Planspiel durch, ein EM-Turnier mit ein, zwei Gastmannschaften aus Südamerika und Asien zu veranstalten.

Verhalten wie sein DFB-Kollege Niersbach äußert sich nun auch Englands FA-Chef Greg Dyke: Er sei für die neue Liga, will aber noch die Detailfassung abwarten. Mehr Probleme könnte die Uefa womöglich dabei haben, auch die Vereine ins Boot zu holen. Die aber lassen sich bekanntlich immer gern mit Geld ruhigstellen, und davon gibt es nicht nur genug, sondern dank der neuen Liga bald noch mehr. Und schließlich: Nationalteams und Nationalspieler sind meist überall beliebt; Projekte, die ihre Präsenz verstärken, dürften auch beim Publikum ankommen. Selbst, wenn es eine Zeit dauern mag.

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Quelle:
SZ vom 28.03.2014
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