Süddeutsche Zeitung

Dopingvorwürfe gegen Claudia Pechstein:Plötzlich ist da Schweigen

In der Doping-Affäre um einen Erfurter Arzt wird auch der Name Claudia Pechstein genannt. Die Eisschnellläuferin soll sich, wie 29 andere Athleten, einer unerlaubten UV-Blutbehandlung unterzogen haben. Noch äußert sich die fünffache Olympiasiegerin nicht - doch das könnte sich bald ändern.

Andreas Burkert

Auch am Montagabend ist die jüngste Mitteilung in eigener Sache drei Wochen alt gewesen. Claudia Pechstein berichtet in den "News" ihres Internetauftritts, wie stolz sie sei über den Gewinn von Silber bei der Eisschnelllauf-EM. Sie erwähnt außerdem angebliche "Erinnerungslücken" eines Funktionärs des Weltverbandes ISU, der ihr gegenüber sein Bedauern über ihre zweijährige Dopingsperre ausgedrückt habe - und dies nun dementiert hatte.

Auf die jüngste Sport-Affäre in Erfurt, in deren Zusammenhang seit dem Wochenende auch ihr Name fällt, geht Pechstein auf ihrer Seite bisher mit keinem Wort ein. Das erstaunt angesichts der Mitteilungsflut, mit der sie das Land nun seit einigen Jahren bedacht hatte in eigener Sache. Plötzlich ist da Schweigen.

Claudia Pechstein, 39, mit fünf Olympiasiegen deutsche Rekord-Winterathletin und 2009 trotz zähen juristischen Ringens mit zwei Jahren Sperre wegen auffälliger Blutwerte belegt, hat sich zu den neuesten News zu ihrer Person bisher nur auf Anfrage gemeldet. Sie wolle sich zu den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen in Erfurt nicht äußern, teilte sie der SZ schon Ende letzter Woche mit, sie betone aber, "während meiner gesamten Karriere niemals gedopt, niemals zu unerlaubten Mitteln oder Methoden gegriffen" zu haben.

Nach der momentanen Aktenlage besteht allerdings ein neuer Verdacht: Claudia Pechstein soll sich, wie 29 andere Athleten, beim Erfurter Mediziner Andreas Franke einer unerlaubten UV-Blutbehandlung unterzogen haben. Die ARD hatte am Sonntag ihren Namen genannt; der aufstrebende Radsprinter Marcel Kittel oder auch der 800-Meter-Olympiasieger von Sydney, Nils Schumann, fanden sich laut Dokumenten aus Ermittlerkreisen ebenfalls in Andreas Frankes brisanter Patientenkartei.

Dass Pechstein Kundin des langjährigen Vertragsarztes am Olympiastützpunkt Thüringen in Erfurt gewesen sein könnte, gegen den die dortige Staatsanwaltschaft seit März 2011 wegen Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz ermittelt - das schien bereits zu Beginn der Affäre denkbar zu sein. Schließlich war ihr vieldiskutierter Fall zunächst der Auslöser dafür, dass die Schwerpunktstaatsanwaltschaft Doping in München gegen Unbekannt ermittelte. Im März 2010 führte das Bundeskriminalamt bundesweit Razzien durch.

Bei Pechstein, anderen Läufern und beim Eisschnelllauf-Verband DESG. Pechsteins Telefon, dies hat ihr Umfeld bestätigt, soll abgehört worden sein. In München wurden die Ermittlungen eingestellt. Aber Erfurt übernahm. Angeblich habe es in einem Telefonat zweier Frauen Hinweise auf den Arzt Franke gegeben.

Bei der UV-Methode, dies hatte Franke erläutert, habe er stets 50 Milliliter Blut abgenommen, mit UV-Licht bestrahlt und wieder dem Körper zugeführt. Angeblich, um Infekten vorzubeugen. Eine leistungssteigernde Wirkung gebe es nicht, deshalb habe ihm der Deutsche Olympische Sportbund die Unbedenklichkeit der Methode bestätigt. Der DOSB hat das jedoch dementiert (SZ vom 18.1.).

In der Liste verbotener Methoden führt die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) seit Jahren auch "Blutdoping - die Verabreichung von Vollblut oder Zubereitungen, die rote Blutkörperchen enthalten, wenn keine medizinische Indikation für eine derartige Behandlung vorliegt". So wurde es schon im Januar 1999 in den "Richtlinien der medizinischen Kommission des IOC" festgehalten. Die Wada und auch ihr deutscher Ableger, die Nada, haben das Verbot von Eigenblutinfusionen in ihre Kodex- Neufassungen stets übernommen.

Die Nada geht demnach von 30 Dopingvergehen in Erfurt aus, in 28 Fällen sind Kader-Athleten betroffen. "Wir haben 2010 von der Wada klargestellt bekommen, dass Eigenblutbehandlung rückwirkend seit Jahren verboten ist", sagte Nada-Vorstand Lars Mortsiefer der SZ. In allen 30 Fällen drohten Sperren: "Alle befinden sich in einem Zeitrahmen von etwa sieben Jahren und sind nicht verjährt." Die mutmaßlichen UV-Behandlungen, auf die sich die Nada bezieht, wären bei Pechstein nach SZ-Informationen vor ihrer Sperre vorgenommen worden.

Da sie "weder Betroffene der staatsanwaltlichen Ermittlungen noch der daraus resultierenden Verfahren der Nada" sei, könne sie sich dazu nicht äußern, teilte Pechstein am Montag mit. Bisher sind von der Nada tatsächlich erst zwei Verfahren eröffnet worden, die auf Behandlungen im Jahr 2011 zurückgehen (zum 1. Januar 2011 hatte die Wada den Blutdoping-Passus konkretisiert): WM-Eissprinterin Judith Hesse hatte sich bei der Nada selbst angezeigt. Beim zweiten Präzedenzfall handelt es sich um Jakob Steigmiller, einen Bahnrad-Nationalfahrer. Das erste Urteil des Sport-Schiedsgerichts wird für März erwartet.

Steigmillers Erfurter Teamchef Jörg Werner sagt, sein Fahrer habe "den Arzt gefragt, ob die Behandlung zulässig ist". Es müsse nun erst mal geklärt werden, "ob das überhaupt Doping ist und leistungsfördernd". Dies sei bei Dosen von 50 Millilitern fraglich, entgegnet der Nürnberger Dopingexperte Fritz Sörgel. "Doch das grundsätzliche Verbot von Blutmanipulationen macht aus meiner Sicht Sinn. Denn wer gesund ist und sich trotzdem Zugang zur eigenen Blutbahn verschafft, kann nur eines im Sinn haben: die Leistungssteigerung."

Seit Wochenbeginn hat die Nada erneut Akteneinsicht von der Justiz gewährt bekommen. Man müsse nun aber erst "die behördlichen Ermittlungen zum Abschluss kommen lassen, um diese dann sportgerichtlich verwerten zu können", sagt Mortsiefer. Auch aus finanziellen Gründen - pro Verfahren drohen Kosten in fünfstelliger Höhe - wartet die finanzschwache Nada nun die ersten Urteile ab.

Die Staatsanwaltschaft will in zwei Monaten ihre Ermittlungen abgeschlossen haben. Pechstein und auch Kittel sind dem Vernehmen nach noch nicht als Zeugen gehört worden. Das könnte sich bald ändern.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1271192
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 31.01.2012/ebc
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.