Süddeutsche Zeitung

Doping und Jan Ullrich:Teilgeständnis per E-Mail

Ein Report des Bundeskriminalamtes reißt das Lügengebilde Jan Ullrichs weiter ein: 24 Mal war er in Madrid, 80.000 Euro zahlte er an Blutarzt Fuentes.

"Ich sehe diese Sache gelassen, da ich inzwischen (...) Abstand gewonnen habe und zuversichtlich bin, demnächst einen Schlussstrich (...) ziehen zu können. Für dieses Ziel werde ich weiterhin kämpfen."

Zu seiner Vergangenheit und deren voranschreitender Aufarbeitung hat sich Jan Ullrich zuletzt Anfang Juli geäußert. Damals war die Aufnahme eines Doping-Verfahrens gegen ihn durch die Disziplinarkammer des Schweizer Olympia-Komitees bekanntgeworden. Ullrich gab sich über den Zeitpunkt der Verfahrenseröffnung pikiert, die kurz vor dem Start der Tour de France 2009 erfolgte.

Doch der Sport und seine Gerichtsbarkeit lassen sich eben Zeit mit der Aufklärung dunkler Geheimnisse, und jemand wie Jan Ullrich wird das nicht wirklich beklagen - wo er doch bisher zu seiner Sache nichts Erhellendes beitrug. Und so lamentieren zwar unverdrossene Fürsprecher des einstigen Tourhelden und andere Romantiker, er werde auch gut drei Jahre nach dem unrühmlichen Abschied vom Tour-Quartier seiner T-Mobile-Mannschaft im elsässischen Blaesheim und seinem Rücktritt im Februar 2007 einfach nicht in Ruhe gelassen. Schuld daran trägt jedoch wohl vor allem er selbst. Denn von einem Kampf für einen Schlussstrich fehlt jede Spur.

Das Studium jener 2219 Seiten, auf denen das Bundeskriminalamt (BKA) seine Recherchen zum prominentesten deutschen Dopingfall dokumentiert hat, verstärken diesen Eindruck. Aus den Akten, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen, berichtete vorab der Spiegel. Eine neuerliche, späte Genugtuung für das Magazin, das Ullrich und die Telekom nach einer ersten Veröffentlichung über das Systemdoping in dem Rennstall im Sommer 1999 juristisch bekämpft hatten.

Franke frohlockt und klagt

Dabei klingt die Nachricht zunächst einmal wenig spannend: Ullrich ist Stammkunde des Spaniers Eufemiano Fuentes gewesen - jenes Dopingarztes, dessen Netzwerk im Mai 2006 durch seriöse Ermittler der Guardia Civil im Rahmen der Operación Puerto aufflog. Schon im April 2008, als in Bonn das Verfahren gegen Ullrich wegen Betrugsverdachts zu Lasten des Arbeitgebers, der Telekom-Tochter T-Mobile, gegen Zahlung von 250.000 Euro einstellt wurde, hatte Staatsanwalt Fred Apostel kundgetan: "Unsere Ermittlungen über 21 Monate haben ergeben: Ullrich hat gedopt."

Bekannt war bisher, dass das BKA einen positiven DNS-Abgleich über eine Speichelprobe Ullrichs und jene 4,5 Liter Blut erwirkt hatte, die dem Deutschen von den Madrider Ermittlern zugeordnet waren. Aus den BKA-Akten geht nun außerdem hervor, dass Ullrich zwischen 2003 und 2006 24 Mal in Madrid weilte. Und dass er an Fuentes in zwei Tranchen 80.000 Euro überwies: 25003,20 Euro am 4. Februar 2004 von seinem Schweizer Konto als "Zahlungsauftrag an Eufemiano Fuentes". Und weitere 55000 Euro am 9. Januar 2006 an die Codes Holding Ltd. Kontoeröffner der Firma, die auf Tortola auf den britischen Jungferninseln gemeldet war, ist laut Bankauskunft: "Eufemiano Claudio Fuentes Rodriguez". Als Beruf gab der Gynäkologe an: "Anwalt".

In den BKA-Akten findet sich keine Stellungnahme Ullrichs. Rudy Pevenage, sein langjähriger Mentor - und die Kontaktperson zu seinem guten Bekannten Fuentes -, hat sich in Vernehmungen geäußert, auf seinem Computer fanden sich die Flugdaten. Auch der Belgier war ja Beschuldigter in Bonn und räumte ein, für Ullrich die Flüge gebucht zu haben; auch er sei in Madrid gewesen, 15 Mal zwischen Dezember 2003 und April 2006. Von Blutdoping habe er aber nichts gewusst. Er habe den Kontakt nur wegen "Übergewichtsproblemen" hergestellt: "Sein Ziel war, sein Gewicht binnen vier Wochen von 84 auf 76 Kilo zu reduzieren." Zu Ullrichs Tripps hat das BKA allerdings festgestellt: "Auffällig bei den Reisen ist, dass zumeist ein Zeitfenster von nur ca. zwei Stunden zwischen Landung und Rückflug vorhanden war." Es sei von "Blutentnahme-/-zuführung in unmittelbarer Nähe des Flughafens Madrid" auszugehen. Pevenage mietete gern ein nahes Hotel am Airport an. Obwohl auch er nicht übernachtete.

Zahlungen an Fuentes

In Bonn wurde Ullrichs Verfahren per Deal abgeschlossen, ebenso das von Pevenage, der 25.000 Euro zahlen musste (zudem in Belgien 130.000 Euro wegen Geldwäsche). Doch der BKA-Report könnte nicht nur Ullrich in seiner Sehnsucht nach Ruhe vor der Vergangenheit stören. Zum einen ist in Hamburg Ullrichs Verfahren gegen den Heidelberger Dopingexperten Werner Franke anhängig. Das Landgericht hatte ihm verboten zu behaupten, Ullrich habe an Fuentes 35.000 Euro gezahlt. Zum anderen prüft das Internationale Olympische Komitee (IOC) offenkundig weiterhin, ob es Ullrich wegen Unsportlichkeit seine Medaillen von den Spielen 2000 in Sydney (Gold und Silber) aberkennen kann. "Ich will diese Akten, ich will jede einzelne Seite", sagte IOC-Präsident Jacques Rogge am Rande der Kopenhagener Session der SZ.

Das IOC, das die Akten übersetzen lässt, ist beispielsweise auch an Informationen zum Athen-Champion im Zeitfahren, Tyler Hamilton, interessiert. Sein Name taucht ebenso in den Kontoauszügen von Fuentes auf wie Luxemburgs Tour-Ass Frank Schleck (SZ 27.9.08). Hamilton war 2004 in Athen positiv getestet worden, doch seine B-Probe konnte, angeblich wegen falscher Lagerung, nicht analysiert werden. Neben dem IOC, der Weltantidoping-Agentur und der Schweizer Disziplinarkammer liegen die mit internationaler Sprengkraft gespickten 2219 BKA-Seiten nach SZ-Informationen seit einigen Wochen auch dem Radweltverband UCI vor. UCI-Chef Pat McQuaid hat soeben mal wieder geklagt, Spaniens Politik blockiere, um einheimische Sportler zu schützen, wohl bis an deren Karriere-Ende die Puerto-Akten.

Frau Ullrich schreibt Strohband

Einer, der nicht aufgibt, ist Franke. "Es wimmelt bei Ullrich von falschen eidesstattlichen Versicherungen", sagt er nun; er ist froh, "dass Hamburg nun wohl wieder ermittelt". Auch gegen die Telekom, immer wieder Prozess-Gegner des Zellforschers, bereite er eine Klage vor: "Denn ich möchte meine Auslagen erstattet haben." Interessant dürfte Franke in diesem Zusammenhang finden, dass Ullrich laut BKA-Akten 2006 noch 250.000 Euro erhielt, offenbar eine Art Schweigegeld, weil der gestürzte Kapitän mit Enthüllungen zu "medizinischer Betreuung und Trainingsmethoden " gedroht habe.

Dazu kam es nie. Nur ganz kurz, nach der Suspendierung in Blaesheim, dachte er offensichtlich an ein Teilgeständnis: In einer E-Mail seiner Frau Sara an Ullrich-Manager Wolfgang Strohband vom 12. Juli 2006 findet sich der Entwurf einer Erklärung an "seine Fans": "Was ich (...) zugeben muss ist, dass ich mit Spanien Verbindung hatte. Bisher habe ich das immer abgestritten (...). Da ich überzeugt war, keinen zu betrügen und unbedingt die Tour für mich, die Fans und den Sponsor gewinnen wollte, habe ich diese Notlüge verwendet. (...) Habe Eigenblut in Spanien abgegeben, das ist Fakt. (...) Ich habe diese Methode niemals angewandt (...). Ich glaube nicht, dass der Gedanke an unerlaubte Methoden als Betrug gegen jemanden anderen gilt."

Jan Ullrich wird bald 36. Im März 2007 saß er mit seiner Frau Sara bei Beckmann. Damals bestritt er Doping und jeden Kontakt zu Fuentes. Wie noch heute.

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SZ vom 19.10.2009/jbe
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