Süddeutsche Zeitung

Dieter Hecking:"Ich weiß, wie man geschickt verhandeln kann"

Nürnbergs Sportvorstand erklärt, warum er kein Trainer mehr sein wollte - und was er mit Trainer Klauß bespricht.

Inverview von Sebastian Fischer und Thomas Gröbner

Dieter Hecking kommt aus dem Regen, er hat sich das Training angeschaut. Er sei weiterhin gerne draußen, bei jedem Wetter, sagt er - obwohl er jetzt offiziell einen Schreibtischjob hat. Hecking, 55, war 20 Jahre lang Trainer, schaffte es bis in die Champions League. Seit Ende Juli arbeitet er als Sportvorstand des Zweitligisten 1. FC Nürnberg, erstmals ist er also Funktionär - und das beim Club, den er von 2009 bis 2012 erfolgreich trainierte und dann dank einer Ausstiegsklausel abrupt verließ, um zum VfL Wolfsburg zu wechseln. Zuletzt trainierte er den Hamburger SV und verpasste den Aufstieg in die Bundesliga. Nach Nürnberg kam er rund zwei Wochen nach der dramatischen Rettung in der Relegation um die Zweitliga-Teilnahme. In einer seiner ersten Amtshandlungen holte er Trainer Robert Klauß, 35, von RB Leipzig. Und danach hatte er weiterhin viel zu tun, sagt Hecking: Es liege immer etwas auf seinem Schreibtisch.

SZ: Herr Hecking, wie gelingt Ihnen das bislang: ein Manager zu sein?

Dieter Hecking: Der erste Tag nach meiner Vorstellung war schon intensiv: Stellen Sie sich vor, Sie stehen morgens um 8 Uhr vor der Bürotür und um fünf nach Acht schmeißt Sie jemand ins kalte Becken und sagt: Jetzt schwimm mal los! Das hat sich 14 Tage so angefühlt, weil man erst einmal eine Struktur in seinem neuen Arbeitsalltag aufbauen muss. Da habe ich mächtig gestrampelt.

Gibt es ein Vorbild, an dem Sie sich orientieren?

Ich durfte als Trainer mit wirklich guten Sportdirektoren zusammenarbeiten. Natürlich war ich in dieser Funktion in viele Transfer-Gespräche involviert. Ich habe mit den Spielern und den Beratern in den Verhandlungen gesessen. Dieses Wissen habe ich schon. Ich weiß, wie man geschickt verhandeln kann. Einige andere Sachen eigne ich mir gerade an.

Was genau?

Meinem Sohn habe ich es so erklärt: Stell dir vor, du kommst von der Grundschule aufs Gymnasium und es kommen drei Fremdsprachen dazu. Es sind Themen dabei, die für mich Neuland sind: Arbeitsrecht, Vertragsrecht, Vertragsmodalitäten, Transfervereinbarungen. Aber auch hier habe ich mich inzwischen, mit Unterstützung meiner Mitarbeiter, eingearbeitet.

Ist es Ihnen schon mal schwergefallen, nicht mehr auf dem Rasen zu arbeiten?

Überraschenderweise nicht. Ich schaue nach wie vor gern beim Training zu, aber ich habe bislang nicht das Bedürfnis gespürt, selbst einzuschreiten und was zu korrigieren. Das gibt mir ein gutes Gefühl, dass ich den richtigen Zeitpunkt gefunden habe, die Seiten zu wechseln.

Wieso wollten Sie nicht mehr Trainer sein?

Ich war 20 Jahre Cheftrainer, und es war am Ende vielleicht auch eine gewisse Routine vorhanden. Wenn man merkt, dass die Abläufe immer gleich sind, dann macht es einfach nicht mehr den Reiz aus, auf dem Trainingsplatz zu stehen. Der Reiz ist es, eine Mannschaft zu formen, Vorgaben zu machen und zu sehen, wie die Mannschaft und ein Trainerteam sich entwickeln. Und ich habe mich gefragt: Was könnte der Fußball mir noch bieten?

Und?

Nationaltrainer, Sportdirektor - oder ziehe ich mich komplett raus und gehe einen ganz anderen Weg? Passt die Gelegenheit, und was sagt mein Gefühl? Als das Angebot vom 1. FC Nürnberg kam, konnte ich beides mit Ja beantworten.

Nun ist Nürnberg wahrscheinlich nicht der einfachste Verein, um sich mal auszuprobieren.

Ich probiere mich nicht aus. Der Club gibt mir die Chance etwas zu verändern, festgefahrene Strukturen aufzubrechen und gute Abläufe zu festigen.

Können Sie schon sagen, welche Strukturen Sie ändern wollen?

Der Club bietet viele Kapazitäten, diese gilt es besser zu nutzen. Ich merke hier nach vier, fünf Wochen, dass das Bild ein wenig verschwommen ist. Mir ist wichtig, dass jeder in seiner Kernkompetenz arbeitet. Ich werde alle mir unterstellten Abteilungen anschauen und klare Vorgaben machen, wie ich mir die Zusammenarbeit vorstelle. Ich nehme da aus Gladbach viel mit, wo eine ganz einfache Struktur herrscht, die aber total effizient ist.

Was Ihre Transferstrategie angeht, fällt eine Parallele zu Ihrer Nürnberger Trainerzeit auf: Leihen vom FC Bayern. Damals kamen Breno und Andreas Ottl, heute Christian Früchtl und Sarpreet Singh.

Damals wie heute waren die finanziellen Möglichkeiten des Clubs nicht grenzenlos. Dann ist man zur Qualitätssteigerung auch auf Leihgeschäfte angewiesen. Es war damals ein erfolgreiches Modell. Das Problem dabei ist immer, dass du keine eigenen Werte schaffst. In diesem Transfersommer geht es nicht darum, Werte zu schaffen, sondern der Mannschaft ein Gesicht zu geben und eine stabile Saison zu spielen. Aber unser Ziel ist es, wieder eigene Talente zu entwickeln und diese eigenen Werte zu schaffen. Den Baustein, Leihspieler zu haben, aber auch unser eigenes Nachwuchsleistungszentrum zu stärken, halte ich für extrem wichtig.

Sie lernen Ihren Job und den Transfermarkt unter Corona-Bedingungen kennen. Macht es das schwerer?

Das beeinflusst es schon. Man sieht ja, dass auf dem Markt noch nicht die ganz große Bewegung ist. Es beeinflusst auch die tägliche Arbeit. Da ist es immer wieder das gleiche Spiel: Wenn ich einen Spieler verpflichten will, sage ich: Die Ablösesumme ist aber hoch, es ist doch Corona! Und wenn ich einen Spieler abgeben will, ist es umgekehrt. Dann werde ich gefragt: Es ist doch Corona, warum verlangst du denn jetzt so viel? Da müssen wir alle unser Verhalten etwas überdenken.

Haben Sie ein schlechtes Gewissen, gerade eine hohe Ablöse aufzurufen?

Nein.

Glauben Sie, dass der Transfermarkt in Deutschland im Oktober noch mal mehr Fahrt aufnimmt?

Man spekuliert darauf, ich bin selber gespannt. Wenn du dich auf die erste Elf im Kopf festgelegt hast, werden in jedem Verein noch mal Gespräche geführt mit Spielern, die weniger Chancen haben. Das hat aber nichts mit Corona zu tun. Ich bezweifle, dass große Ablösesummen fällig werden, weil niemand überschauen kann, wie sich die Lage in einem halben Jahr entwickelt hat, ob wir zum Beispiel mit Zuschauer-Einnahmen planen können.

Macht Ihnen das Spaß, sagen wir, mit den Kollegen beim FC Brentford in England oder beim 1. FC Köln über einen Transfer des Nürnberger U21-Nationalspielers Robin Hack zu verhandeln?

Wenn es was zu verhandeln gibt, verhandeln wir. Das ist natürlich Teil meines Jobs. Aber in meiner täglichen Arbeit wird es vielleicht ein Viertel der Zeit ausmachen. Als Sportvorstand wird es mehr darum gehen, die mittelfristige und langfristige Entwicklung des Clubs im Auge zu haben.

Vor Kurzem war der Club noch im Jammertal, kurz vor der dritten Liga. Mit Ihrer Ankunft scheint eine Art Euphorie zu entstehen. Nehmen Sie das auch so wahr?

Manche sagen: der Glubb is a Depp. Normalerweise verliert er die Relegation. Aber jetzt gab es zum ersten Mal seit langer, langer Zeit wieder ein positives Erlebnis: Das löst natürlich emotional sehr viel aus. Wir haben uns in der sportlichen Leitung neu aufgestellt und jetzt liegt es an jedem Einzelnen beim Club, diese Euphorie weiter zu stärken.

Spüren Sie gerade etwa nichts vom berühmten fränkischen Pessimismus?

Unterschwellig ist der immer noch da. Der Pessimismus wird wohl nie ganz aus dieser Region verschwinden. Aber das macht den Club ja auch sympathisch: dass er ein bisschen auf Understatement macht. Ich versuche, eine neue Kultur, ein anderes Gedankengut vorzuleben. Man muss nicht immer das Schlechte kommen sehen, es kann auch etwas Gutes kommen.

Und doch haben manche mit Ihrer Rückkehr nicht nur ihre erfolgreiche Vergangenheit verbunden, sondern auch Ihren Abschied, als Sie Nürnberg kurz vor Weihnachten 2012 abrupt verließen. Können Sie das verstehen?

Sicher gibt es den einen oder anderen, der meinen damaligen Abgang nicht vergessen hat. Wenn jetzt, nach acht Jahren, immer noch Menschen da sind, die das so sehen, muss ich das akzeptieren. Aber der Ablauf war damals absolut korrekt.

Haben sie die Relegation zur dritten Liga im Juli schon mit Ihrem möglichen Job im Hinterkopf angeschaut?

Nein, nicht direkt. Nach der ersten Halbzeit habe ich gedacht: Okay, das sieht so souverän aus, das ist durch. Dann war ich kurz draußen, weil ich etwas zu tun hatte. Dann komme ich zurück - und es steht 2:0 für Ingolstadt.

Und Sie dachten: Okay, vielleicht werde ich doch noch mal Trainer irgendwo anders nächste Saison?

Wenn der Club abgestiegen wäre, wäre ich wahrscheinlich nicht hier gelandet.

Was war Ihnen bei der Auswahl von Robert Klauß als Trainer wichtig?

Ich wollte drei unterschiedliche Trainer kennenlernen und habe mich entsprechend mit drei Kandidaten getroffen (neben Krauß noch Dimitrios Grammozis und Manuel Baum, Anm. d. Red). Ich habe ein längeres Gespräch mit Julian Nagelsmann (unter dem Klauß bei RB Leipzig zuletzt Assistenztrainer war) geführt und habe ihn gefragt: Ist Robert so weit, traust du ihm das zu? Der 1. FC Nürnberg ist ja kein einfacher Verein, da ist sofort Feuer unterm Dach, wenn es nicht so läuft. Ich habe mit allen dreien sehr gerne gesprochen. Robert hatte eine klare Idee, wie er mit Ball und gegen den Ball spielen lassen will.

Und das hat den Ausschlag gegeben?

Den Ausschlag gab, dass wir von Robert absolut überzeugt sind. Hinzu kam: Michael Wiesinger (Nachwuchsleiter und Interimstrainer in der Relegation, Anm.) war in den Gesprächen auch dabei - weil er weiß, was der Club braucht. Michael und ich haben nach den Gesprächen ein weißes Blatt Papier genommen und einen Namen drauf geschrieben. Bei beiden stand Roberts Name drauf.

Interpretieren wir das richtig, wenn wir sagen: Der Fußball von Robert Klauß aus der RB-Leipzig-Schule - das ist ein Fußball, den der Trainer Dieter Hecking eher nicht so hätte spielen lassen?

Man darf jetzt nicht den Fehler machen und glauben, nur weil er von RB Leipzig kommt, dass er nur Pressing und Gegenpressing spielen lässt. Klar, er war bei RB, seit der Verein von Markranstädt in Leipzig umgewandelt wurde, natürlich ist das ein Stück weit seine Philosophie geworden. Aber er sagt auch, dass es für ihn extrem gut war, dass Julian Nagelsmann gekommen ist, weil er ein bisschen von der Philosophie abgekehrt ist und nicht nur Pressing spielen lässt. Das sieht man auch jetzt im Training.

Und das ist Ihnen wichtig?

Ich war ja auch ein Trainer, der immer Fußball spielen lassen wollte, der nie nur verteidigt hat. Man muss sich als Trainer auch den Gegebenheiten anpassen, wie der Kader zusammengestellt ist. Ich sehe viele Elemente, die ich gerne als Fan sehe: Dynamik in den Aktionen, nicht nur abwarten, schnell spielen.

Besprechen Sie mit Robert Klauß detaillierte Systemfragen?

Ich habe mir vorgenommen, mich zurückzunehmen. Die Mannschaft muss das Gefühl haben, Robert ist ihr Chef, das ist wichtig. Ich bin zwar der übergeordnete Chef, aber es gibt einen, der auch groß werden soll hier als Cheftrainer - und die Mannschaft muss sich auf ihn einlassen. Ich werde sicher, wenn es von Nöten ist, auch mal was sagen, aber mir ist wichtig, dass der Trainer seine eigenen Ideen einbringen kann. Wenn wir zusammensitzen, dann reden wir natürlich über Fußball, dann fragt er mich auch schon mal was. Als Cheftrainer habe ich genauso agiert, und ich glaube, dass es auch für Robert einfacher ist, weil er mit mir jemanden hat, der weiß, wovon er spricht. Wenn Robert mir beispielsweise sagt, pass auf, wir wollen höher spielen, wir wollen schneller verschieben, dann weiß er: Ich kann dem Gedankengang folgen.

In einem SZ-Interview haben sie einmal gesagt, sie sprechen nicht gern von Pressing, sondern würden lieber wie früher "vorne draufgehen" sagen. Sprechen Sie die gleiche Fußballsprache wie Robert Klauß?

Die junge Generation von Trainern ist anders ausgebildet worden als ich vor 20 Jahren, da wurde aus meiner Sicht noch Fußballdeutsch gesprochen. Und jetzt wird über Halbspur und Außenspur gesprochen. Das habe ich auch zu Robert gesagt: "Wenn du mir einmal das Wort Spur hinwirfst, haben wir ein elementares Problem!" (lacht) Trotzdem ist unsere Denke die gleiche.

Wenn Sie sich die aktuelle Mannschaft anschauen, wer könnte da für ein neues Gesicht des 1. FC Nürnberg stehen?

Fabian Nürnberger ist einer aus der jüngeren Generation, der nicht nur von seinem Namen her prädestiniert ist, in so eine Rolle zu wachsen. Enrico Valentini hat eine lange Vergangenheit beim Club, er ist im Zabo (das Viertel, in dem das Trainingsgelände liegt, Anm.) groß geworden. Mit Pascal Köpke haben wir einen Spieler geholt, der in Nürnberg ausgebildet worden ist. Ich glaube schon, dass wir in dieser Mannschaft Typen haben. Aber wir brauchen auch neue, frische Gesichter, die dafür stehen, dass etwas beim Club passiert.

Formulieren Sie inzwischen ein Ziel für diese Saison?

Die Liga wird noch ein Stück weiter zusammenrücken, die Möglichkeiten haben sich noch weiter angepasst. Sportlich ist es eng. Man kann nicht vorhersehen, ob man im ersten, im mittleren oder im letzten Drittel der Tabelle dabei sein wird. Wenn man mal eine Phase von vier, fünf Spielen hat, die man nicht gewinnt, hat man richtig zu tun, sich vom Tabellenende zu lösen. Die Mannschaften sind alle mittlerweile auf einem ordentlichen, ähnlichen Niveau. Das durfte ich mit Hamburg auch erfahren. Deshalb tue ich mich schwer, ein klares Ziel zu setzen.

Ein Ziel dürfte in jedem Fall sein, weniger Trainer zu entlassen als die zwei in der Vorsaison. Wie verhindern Sie das?

Ich glaube, jeder Trainer erkennt den Moment, wann er seine Mannschaft verliert. Und das ist etwas, das ich auch als Sportvorstand einbringen kann: Ich glaube, dass ich ein gutes Gefühl habe dafür, sollte ich mal einen Trainer entlassen müssen, dass ich auch den richtigen Zeitpunkt dafür treffe. Man merkt, wenn es nicht mehr passt - das habe ich selber gespürt. Dann darf man auch nicht zu lange warten, denn die Probleme werden immer größer und größer von Spiel zu Spiel. Aber wenn man das Gefühl hat, es passt noch, es ist nur der Moment noch nicht da, in dem der Turnaround kommt, dann sollte man nie zu früh wechseln. Aber ich kann jetzt leicht reden, wir haben noch kein Pflichtspiel verloren (lacht).

Sie haben als aktiver Trainer oft kritisiert, dass Trainern Ihrer Meinung nach zu schnell das Vertrauen entzogen wird. Ist es ihr Ziel, eine besonders ruhige Hand zu haben in Nürnberg?

Solange es vertretbar ist, ja. Ich bin keiner, der im ersten Gegenwind sagt, es passt nicht. In den letzten zwei, drei Jahren glaube ich aber auch bei vielen Sportvorständen ein Umdenken erkannt zu haben, dass man so lange wie es geht am Trainer festhält. Das haben sich die Trainer auch verdient. Das sieht man am Beispiel Florian Kohfeldt in Bremen.

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Quelle:
SZ vom 08.09.2020
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