Süddeutsche Zeitung

Thomas Müller im DFB-Team:"Ich habe gedacht: Im Juni habe ich frei"

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Vier Länderspiele im Juni? DFB-Stürmer Thomas Müller kann seine Verwunderung über die neuen Nationalelftermine nicht verbergen. Das Jahr 2022 wird planerisch zur Herausforderung.

Von Philipp Selldorf

Mitarbeiter von Bundesliga-Vereinen wissen von dem Paradoxon zu berichten, dass sich etliche Fußballer nicht für Fußball interessieren. Sie kommen pünktlich zum Training, sie kümmern sich um ihre Fitness und Gesundheit, aber sie haben keine Ahnung, wie am Abend zuvor die Champions-League-Spiele ausgegangen sind oder welche Funktion Gianni Infantino ausübt - und was sonst noch so passiert in der Fußballwelt. Wie der Gegner am nächsten Wochenende heißt, wissen diese Profis angeblich erst dann, nachdem sie der Trainer in der Teamsitzung darüber informiert hat.

Der FC-Bayern-Vorzeigeprofi Thomas Müller dürfte über derlei Ahnungslosigkeiten erhaben sein. Insofern brauchte er seine Überraschung über die neuesten Terminpläne der Nationalmannschaft nicht zu verbergen, von denen er jetzt im DFB-Teamquartier vor den nächsten WM-Qualifikationsspielen - am Freitag gegen Rumänien und am Montag gegen Nordmazedonien - erfahren hat. Müller hat natürlich gewusst, dass 2022 eine WM ansteht, die aus zwei Gründen schräg in die Fußballtradition eingreift: Sie findet im Emirat Katar und somit quasi an einem einzigen Spielort statt - und sie wird in einer Zeit ausgetragen, in der die Leute Weihnachtsplätzchen backen und Glühwein trinken.

Für Hansi Flick wird 2022 auch zur planerischen Herausforderung

Nicht gewusst hat der viel beschäftigte Münchner Müller hingegen, dass die Uefa für den Juni noch eine extra lange Sonderschicht für die Nationalspieler terminiert hat. Nicht weniger als vier Spiele der Nations League hat der Verband in den ersten Wochen des Ferienmonats angesetzt, als Fortsetzung eines Wettbewerbskalenders, der besonders beschleunigt durchgezogen wird, damit Zeit für die WM im November und Dezember ist. "Ich habe tatsächlich gedacht: Im Juni habe ich frei", sagte Thomas Müller und lachte wie ein berufsmäßiger Satiriker - wobei er offen ließ, was er komischer findet: seine Unwissenheit, die Termingestaltung der Uefa oder den Wettbewerb, der das Zeit-Opfer verlangt.

Müller nimmt den Eingriff in die Freiheit und Freizeit der Spitzenspieler gleichwohl so gelassen, wie es ihm gerade möglich ist. Als Profi müsse er halt "das ganze Paket nehmen", meinte er auf der Pressekonferenz des DFB und schaffte es damit, Arrangement und Distanzierung in einem Gedanken zu vereinen: "Was soll man sagen? Ich bin ja auch ein Freund davon, die andere Seite zu sehen. Die Spiele sind wahrscheinlich schon vereinbart mit irgendwelchen ... ja ... Lizenznehmern."

Für den Bundestrainer Hansi Flick wird das kommende Fußballjahr somit nicht nur zu einer sportlichen, sondern auch zu einer planerischen Herausforderung. Er muss die nötige Regeneration der Spieler gewährleisten, aber er muss auch die wenigen Gelegenheiten nutzen, um seine Mannschaft auf das Turnier am Jahresende vorzubereiten. Die übliche Vier-Wochen-Frist vor der WM-Veranstaltung entfällt diesmal, weil die nationalen Ligen Vorrang haben. Für Flick eröffnet das Pflichtprogramm im Juni zwangsläufig ein Dilemma zwischen Experimentieren, Einspielen, Schon- und Pflichtprogramm. Thomas Müller ist ihm zumindest schon mal mit einer Einordnung behilflich: "Es ist die Nations League, das ist im Vergleich zu den großen Spielen schon was ganz anderes."

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