Süddeutsche Zeitung

Bundesliga:Dominik Kaiser - der ewige Leipziger

Noch immer empfinden viele Fußballfans RB Leipzig als traditionslosen Retortenklub - doch deren Kapitän ist länger im Verein als viele andere Wandervögel der Liga.

Von Sebastian Fischer

Den blutigen Bullenkopf, sagt Dominik Kaiser, habe er nicht gesehen, "das ist uninteressant". Kaiser, Kapitän von RB Leipzig, ist gerade viel zu fröhlich, um über Unappetitliches nachzudenken. Anhänger von Dynamo Dresden hatten den Kadaver beim Pokalspiel vor drei Wochen in den Innenraum geworfen, um gegen den reicheren, am Ende unterlegenen Gegner zu protestieren, der sich in Anlehnung an seinen Sponsor Rote Bullen nennt.

Kritik am Fußballkommerz, das ist in ganz Deutschland noch immer das Thema, wenn es um den Aufsteiger geht; erst in dieser Woche verbot Borussia Dortmund den Leipzigern, sein Wappen auf einen Schal für das erste Bundesliga-Heimspiel am Samstag zu drucken. RB werde nie sein Lieblingskonstrukt, sagt BVB- Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke.

Nur in Leipzig selbst ist das Thema der Sport. Der Mittelfeldspieler Kaiser, 27, steht dabei für etwas, das den Sport ausmacht, aber in Leipzig rar ist; etwas, das dem Klub viele Fußballfans und auch Watzke nicht zugestehen: Tradition.

49 Spieler für insgesamt rund 100 Millionen Euro hat RB seit der Aufstiegssaison in der Regionalliga 2012/2013 verpflichtet, in diesem Sommer kamen sieben neue dazu, zuletzt der 15 Millionen Euro teure Schotte Oliver Burke. Kaiser kam 2012 für 100 000 Euro aus Hoffenheim, als Einziger neben dem dritten Torhüter Fabio Coltorti ist er übrig geblieben - als Kapitän. Am Samstag wird er vor 42 959 Zuschauern gegen den BVB auflaufen - zu seinem ersten Spiel gegen Union Berlin II kamen 7 104 Fans, die Gesänge verhallten. "War nicht einfach", sagt er.

Natürlich war der Aufstieg geplant, die Bedingungen nicht regionalligatypisch, aber das ändert nichts daran, dass es Geschichten wie seine im Fußball kaum gibt. Aytac Sulu hat Darmstadt von der dritten in die erste Liga begleitet, Andreas "Lumpi" Lambertz Fortuna Düsseldorf aus der vierten Liga bis ganz nach oben. Kaiser ist Leipzigs Lumpi.

In der Oberliga wird er aussortiert - wegen seiner Größe

In diesem Sommer ist er an den Anfang zurückgekehrt, um seine Geschichte zu erzählen. In seinem Heimatort Waldstetten auf der Ostalb empfing ihn der Bürgermeister, in Schwäbisch Gmünd war er beim FC Normannia zu Besuch. Bei jenem Verein, der ihn in der B-Jugend wegschickte, weil er zu klein war. Kaiser ist 171 Zentimeter groß geworden, er sieht nicht unbedingt aus wie ein Profi, der die Ellenbogen ausfährt, eher wie das erwachsene Kinder-Schokoladen-Kind.

Doch am ersten Spieltag schoss er gegen Hoffenheim das erste Leipziger Bundesligator, nachdem er den 1,94 Meter großen Niklas Süle weggedrückt hatte. Nichts im RB-Spiel ging ohne Kaiser, er gibt die Kommandos zum Pressing, das unter Trainer Ralph Hasenhüttl etwas weniger radikal aussehen soll als zu Zweitligazeiten. Kaiser brachte mehr als die Hälfte seiner Pässe zum Mitspieler, gewann die Hälfte seiner Zweikämpfe. Aus dem Abgelehnten von einst wurde ein Erstligaspieler. Die Frage ist nur: wie?

Als Jugendlicher hat Kaiser hauptsächlich Tennis gespielt

Als Jugendlicher spielte Kaiser Tennis. Fußball, sagt er, "das war für mich, nebenbei mit Kumpels zu kicken". Nach der A-Jugend kam er zurück nach Gmünd in die Oberliga, wo ihn sein Trainer aus der Spielfeldmitte auf den Flügel schob. Allerdings wollte ihn der Trainer diesmal nicht loswerden, sondern ihm ein Gefühl für die Position vermitteln, die er später als Spielmacher koordinieren sollte. Dieser Trainer verfolgte Kaisers Weg, als er als Mathematikstudent in Hoffenheim aus dem Reservekader zum Bundesliga-Einwechselspieler aufstieg. Und dieser Trainer empfing ihn 2012 drei Ligen tiefer in Leipzig. Dieser Mann, der Kaiser insgesamt fünf Jahre trainiert hat, heißt Alexander Zorniger.

Er arbeitet inzwischen für Bröndby IF in Dänemark, doch an Kaiser schreibt er regelmäßig SMS. Kaiser, sagt er, könne sich so gut an das Niveau um ihn herum anpassen, "wie ich es bei keinem Spieler gesehen habe". In Hoffenheim lernte er im Training mit ausgebufften Profis seinen Körper einzusetzen. In Leipzig lernte er als Kapitän Verantwortung zu übernehmen.

Am Anfang hatte er in jeder Liga Probleme, später entschied er die wichtigen Spiele. Zorniger erinnert sich an ein ausgeglichenes Drittligaspiel in Darmstadt, Ende 2013. Kaiser nahm sich den Ball, schoss mit links, seinem schwachen Fuß, aus der Distanz, traf, einfach so. "Jeder Leipziger Spieler hat eine Waffe", sagt Zorniger, der RB drei Jahre trainierte. Jeder, nur Kaiser nicht: "Es ist seine größte Waffe, dass er keine eigene hat." Sondern sich oft jene borgt, die gerade nötig ist. Einen wie Kaiser, sagt Zorniger süffisant, "würde Leipzig heute nicht mehr holen".

Er weicht nun auf den Flügel aus

Doch Kaiser ist da. 2015 hat er seinen Vertrag verlängert, seine Rolle ist defensiver geworden, gerade weicht er auf den Flügel aus. Er habe nie befürchtet, dass er mal zu schwach werden würde für den stets fluktuierenden Kader: "Ich musste mich immer durchkämpfen." Nun genießt er erst mal den Moment. In drei verschiedenen Supermärkten sei er auf das Dortmund-Spiel angesprochen worden: "Die Euphorie ist riesengroß".

Natürlich weiß er nicht, ob er in zwei Jahren noch dabei ist, wenn Leipzig weiter wächst, "das kann dir niemand sagen". Eine Gewissheit gibt es aber in der Karriere von Dominik Kaiser, glaubt sein alter Trainer: "Dominik", sagt Alexander Zorniger, "wird sich auch mit 35 noch entwickeln."

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Quelle:
SZ vom 10.09.2016/schma
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