Süddeutsche Zeitung

Interview am Morgen: Bundesliga:"Zwei Wochen Vorbereitung sind sicher zu kurz"

Was bedeutet es, nach zwei Monaten Ausnahmezustand ein Bundesliga-Spiel zu bestreiten? Sportwissenschaftler Jürgen Freiwald spricht über Verletzungsgefahren und den Vorteil großer Teams.

Die Bundesliga startet wieder, doch viele Fragen rund um die Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus sind offen: Wie kehrt man nach zwei Monaten Ausnahmezustand als Profifußballer in den Leistungssport zurück? Jürgen Freiwald ist Professor und Leiter des Arbeitsbereichs Bewegungs- und Trainingswissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal und war früher bei Hannover 96 und Schalke 04 unter anderem als Koordinator für Leistungsdiagnostik, Trainingsplanung, Prävention und Rehabilitation tätig. Im Interview sieht er die kurze Vorbereitung kritisch und erklärt, warum Liegestütze im Home-Office nichts mit Bundesliga-Training zu tun haben.

SZ: Herr Freiwald, die Profis der Bundesliga-Klubs konnten sich in den letzten zwei Monaten lange nur daheim fit halten, das Mannschaftstraining war nur stark eingeschränkt möglich. In welcher Verfassung werden die Fußballer auf den Rasen zurückkehren?

Jürgen Freiwald: Es werden Belastungen im Spiel vorkommen, auf die die Fußballer mangels Mannschaftstraining zur Zeit überhaupt nicht vorbereitet sind. Man muss Kopfbälle ausführen und landet eventuell mit instabiler Beinachse, muss drei Spurts hintereinander machen, hat Zweikämpfe - das alles gibt es ja nicht, wenn man locker durch den Wald läuft und Bäume zählt und im Garten Liegestütze macht.

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Verletzungen sind also wahrscheinlich?

Verletzungen passieren fast ausschließlich bei Spurts, bei schnellen Aktionen mit und ohne Gegnereinfluss. Die Zweikämpfe und fußballtypischen Aktionen kann man im Home-Office nicht simulieren, sodass jetzt eine gewisse motorische Kompetenz fehlt. Die Intensität von einem Bundesligaspiel können sie selbst in einem Fußballtraining nicht nachahmen, und damit auch nicht in einem Home-Training. Es ist naheliegend, dass mehr Verletzungen passieren. Aber sicher weiß man es erst hinterher.

Wie gut können Mannschaftssportler überhaupt allein trainieren?

Fußballer sind in erster Linie Spieler und keine reinen Athleten, sie brauchen den Ball und die Mannschaftskollegen, um optimal zu trainieren. Sobald sie spielen, kommt sofort die Motivation und die mittlerweile enorme Fitness zum tragen. Das kann man im Home-Training nicht im Geringsten simulieren. Bei Spielern, die wir mal mit GPS-Daten analysiert haben, hat man gesehen, dass sie bei normalen Sprints ohne Ball auf maximal 89 Prozent ihrer möglichen Beschleunigung gekommen sind. Dann gab es einen Vergleich: Der Trainer stellte sich in die Mitte und spielte den Ball so, dass zwei Spieler die gleiche Chance hatten, ihn zu erreichen. Da waren wir bei 100 Prozent.

Die normale Saisonvorbereitung beträgt in der Regel sechs Wochen: Kommt der Neustart jetzt zu früh?

Vier Wochen wären jetzt gut gewesen, zwei Wochen Vorbereitung sind sicher zu kurz. Zumal diese zwei Wochen ja nicht mit dem normalen Trainingsumfang und -intensität absolviert wurden wie im üblichen Mannschaftstraining. In einer normalen Saisonvorbereitung hat man Trainingslager und Testspiele. Man ist jetzt weniger vorbereitet als je zuvor. Analog zu Statistiken, die zeigen, dass zu Saisonbeginn eine Anfälligkeit für Verletzungen da ist, würde ich jetzt vermuten: Es wird mehr Ausfälle geben. Die klassischen Muskelverletzungen sind am wahrscheinlichsten.

Dass einige englische Wochen bevorstehen, macht die Situation nicht leichter ...

Das hängt vom Verein ab. Jeder Verein ist im Vorteil, der jetzt einen großen Kader hat. Der mehr Geld hatte, um sich ein großes Team zu leisten und wo das Leistungsgefälle von der Nummer eins bis zur 20 nicht so groß ist. Kleinere Vereine werden das weniger gut kompensieren können und dann ist die Verletzungsgefahr größer. Jemand, der englische Wochen gar nicht gewohnt ist, für den kann das eine Überforderung werden.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Eine Ansteckungsgefahr mit Corona ist bei den Spielen trotz aller Hygiene-Maßnahmen vorhanden - setzen die Fußballer nun ihre Gesundheit aufs Spiel?

Wir wissen gar nicht, wie sich die Erkrankung bei Leistungssportlern auswirkt. Die Lunge sieht schon geschädigt aus, bevor der Patient zum Patient wird, also bevor Symptome auftreten. Wenn jemand infiziert ist, aber die Tests noch nicht auf den Virus ansprechen oder er keine klinischen Symptome zeigt, was passiert denn dann mit der Lunge? Was passiert mit anderen Organen wie Herz und Nieren? Das wissen wir nicht. Es bleibt ein Risiko, jetzt Fußball zu spielen.

Werden wir durch die Trainingsausfälle einen anderen Fußball erleben?

Das Taktische, was sonst im Training vermittelt wird, lässt sich nicht aufholen. Das wird das Spiel schon prägen. In Sachen Tempo gibt es zwei Möglichkeiten: Das ganze Spiel findet jetzt auf einem niedrigeren Intensitätsniveau statt, es wird langsamer. Oder man versucht so zu spielen wie früher und ist tendenziell überfordert, dann kann es zu mehr Verletzungen kommen. Das hängt auch vom Kopf ab. Wenn ein Trainer sagt: Lasst es langsam angehen, ihr seid noch nicht vollständig fit, dann nehmen die Spieler schon zu Beginn des Spiels fünf Prozent heraus, was natürlich auch über Sieg oder Niederlage entscheidet.

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