Süddeutsche Zeitung

Sancho bei Borussia Dortmund:"Es hat nie ein Angebot für Jadon gegeben"

Seit Wochen vermelden englische Medien den Wechsel von Jadon Sancho als nahezu fix. Doch die aufgerufenen 120 Millionen Euro dürften selbst für Manchester United zu teuer sein.

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Englische Zeitungen und Online-Dienste zu verfolgen, hat etwas von den Pressekonferenzen des US-Präsidenten Donald Trump. Nur, dass es nicht um Empfehlungen aus dem Weißen Haus geht, zum Beispiel Desinfektionsmittel intravenös gegen Corona-Viren spritzen zu lassen - könne ja nicht schaden. Was den Amerikanern ihr schillernder Präsident, ist den Engländern ihr Fußball-Transfermarkt. Aktueller Hauptdarsteller: Jadon Sancho, Borussia Dortmund. Um den 20-Jährigen rankt sich eine Kakofonie aus Falschmeldungen und Halbwahrheiten, für die die Angelsachsen den Begriff "Fake News" geprägt haben, also der erfundenen Nachrichten. Das Wahrscheinlichste zuerst: Jadon Sancho bleibt in Dortmund.

Sicher sein kann man auf diesem Markt allerdings nie. Kein Wunder, wird doch Englands Premier League von Unsummen stimuliert, die aus gleich zwei konkurrierenden Pay-TV-Systemen kommen sowie von illustren Klubeigentümern: von russischen Magnaten wie Roman Abramowitsch, amerikanischen Hedgefonds, Milliardären aus Thailand oder arabischen Staatsfonds aus Dubai, Katar, Bahrain.

Bei Manchester United, das in diesem Milieu als einziger Interessent für Sancho seit Wochen identifiziert ist, geht es immerhin noch darum, mit dem Sportverein echte Profite zu erzielen. Die New Yorker Familie Glazer, mit den drei Brüdern Joel, Avram und Bryan, verdient mit dem "profitabelsten Sportklub der Welt" ihr Geld. Was auch nötig ist: Papa Malcolm Glazer, 2014 verstorben, hat den Klub einst für umgerechnet etwa 850 Millionen Euro gekauft - und sogleich den Kaufpreis in die Fußball-Firma hinein fusioniert.

Zeitweise musste ManUnited über 80 Millionen jährlich an Zinsen bezahlen, um die Kredite abzutragen, die die Glazers sich für den Kauf bei Banken geliehen hatten. Heute, 15 Jahre später, soll Manchester noch mit geschätzt 600 Millionen Euro in der Kreide stehen. Aber das ist im Geschäftsmodell eingepreist. Andere kaufen auf diese Weise Shopping Malls oder Flugzeug-Flotten. Den Glazers gehört auch der American-Football-Klub Tampa Bay Buccaneers. Fußballspiele sind letztlich auch nichts anderes als Entertainment-Produktionen.

Dass Flügelflitzer Sancho - wahrscheinlich - trotzdem nicht in diesem Sommer aus Dortmund zurück in sein Heimatland wechselt, liegt: an Corona. Nur, dass das weder die Hardcore-Fans von Manchester noch ihre zahllosen Internet-Blogger noch die übrigen Medien wahrhaben wollen. "Zwischen Borussia Dortmund und Manchester United gab und gibt es in Sachen Sancho bisher keinerlei Kontakt", sagt BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, "auch nicht indirekt oder über angebliche Mittelsmänner." Und BVB-Sportdirektor Michael Zorc bekräftigt: "Ich gehe davon aus, dass Jadon am Montag mit ins Trainingslager fährt und die kommende Saison bei uns spielt."

In englischen und in der Folge in allen möglichen Medien liest es sich seit Wochen anders: Mal steht eine Einigung im angeblichen Verhandlungsmarathon kurz bevor, mal nähern sich die Vorstellungen über die Ablöse immer mehr an, mal wird das Wochengehalt von Sancho in Manchester vorab kolportiert (250 000 Pfund), mal hat Dortmund einen eigenen Zwischenhändler eingeschaltet, mal weist Manchesters Teammanager Ole Gunnar Solskjaer darauf hin, dass man ja noch bis Oktober Zeit habe, weil das Transferfenster in dieser Saison extra lange geöffnet bleibt.

Die Finanzen stehen solide beim BVB

Was davon stimmt? Das Meiste vermutlich nicht, wie meist in hysterischen Transferdebatten. ManUnited hat vorige Saison, durch die Corona-Malaisen, geschätzte 120 Millionen Euro an Einnahmen verloren. 120 Millionen? Das entspricht rein zufällig ziemlich exakt dem unsichtbaren Preisticket, das Dortmund vorsorglich seinem vertraglich noch eine ganze Weile gebundenen Wunderkind umgehängt hat. Für einen Klub, der eigentlich Geld verdienen soll, ist es also gerade ziemlich unpassend, eine solche Summe aufbringen zu wollen. Mal abgesehen von dem Bild, das United mit so einer solchen Investition abgeben würde in einem gesellschaftlichen Milieu mit Firmenpleiten, Arbeitslosigkeit, Lockdowns und Geisterspielen.

"Es hat nie ein Angebot für Jadon gegeben", sagt Watzke, "aber es gibt von uns halt prophylaktisch die Ansage, was mindestens gezahlt werden müsste." 120 Millionen - diese Ablöse sei auch mit Sancho und seinem Berater Emeka Obasi "kommuniziert". Watzke: "Ich erwarte da keine Schwierigkeiten. Jadon hat das akzeptiert, er ist ein sehr angenehmer, fairer Typ." Der vorige Saison 17 Bundesliga-Tore erzielte und nach einigen Gehaltserhöhungen zu den BVB-Spitzenverdienern gehört.

Außerdem, und das macht die Angelegenheit gerade so dringlich, haben Watzke und Zorc mit Spieler und Berater, so hört man, einen spätesten Termin für einen Wechsel vereinbart: den 10. August, an dem das BVB-Trainingslager beginnt. Danach, wird Watzke nicht müde zu bestätigen, werde es sowieso "keinen Sancho-Wechsel mehr in dieser Saison geben". Auch keine Verhandlungen. Wird Dortmund diese Linie aber auch durchhalten?

Warum nicht? Die Finanzen stehen solide beim BVB, trotz zu erwartender Riesenverluste auch in der kommenden Corona-Saison. In früheren Fällen, bei Ousmane Dembélé (zu Barcelona) oder bei Pierre-Emerick Aubameyang (zu Arsenal) streikten sich die Spieler regelrecht zu einem Wechsel. Ähnliches halten sie in Dortmund bei Sancho für ausgeschlossen. Natürlich dürfte Sanchos Berater mit United bereits detailliert ausgehandelt haben, was finanziell für ihn und seinen Klienten so drinsteckt. Auch für die Zukunft schon mal. Marktwert ausgetestet! Aber das ändert nichts an der Lage, dass Dortmund wenn, dann auf einen blitzschnellen Wechsel bestehen würde, zu einer in Corona-Zeiten schwer stemmbaren Ablösesumme.

Manchesters Geschäftsführer Ed Woodward, früher Investment-Banker, scheint schon zurück zu rudern. Am Dienstag und Mittwoch drehte sich im englischen Medien-Hamsterrad plötzlich die Laufrichtung. Nun liest sich der Stand der Dinge realistischer: Manchester werde nur bis zu 70 oder 80 Millionen gehen, Dortmund habe "unrealistische" Forderungen, ein Wechsel sei nicht mehr so wahrscheinlich.

In Dortmund halten sie es trotzdem nicht für unmöglich, dass Woodward sie noch überrascht mit einem Geldkoffer mit 120 Millionen Euro. Wahrscheinlicher aber ist, dass es ein viel niedrigeres Angebot gibt, das dann eben abgelehnt wird. So hätten alle Seiten das Gesicht gewahrt, und man könnte in Manchester den Fans zumindest sagen: Wir haben es versucht, die sturen Dortmunder haben nicht mitgemacht.

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SZ vom 06.08.2020/ska
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