Süddeutsche Zeitung

Hoeneß und Trainer Kovac:Bayern beschäftigt sich mit sich selbst

Lesezeit: 4 min

Von Christof Kneer, Bremen

Magdeburg musste dran glauben und Ingolstadt, Hannover verlor ebenso wie Bielefeld und Mönchengladbach, und im Jahr darauf traf es Erndtebrück, Schweinfurt, Heidenheim, Mainz, Schalke und den FC Bayern. All diese Mannschaften hatten im DFB-Pokal keine Chance gegen die Mannschaft des Trainers Niko Kovac, die damals noch Eintracht Frankfurt hieß, und diese furchterregende Kovac-Serie hat offenbar auch den SV Drochtersen/Assel, den SV Rödinghausen, Hertha BSC, den 1. FC Heidenheim und nun auch Werder Bremen so eingeschüchtert, dass sie sich in der aktuellen Saison ebenfalls von einer Kovac-Elf, diesmal dem FC Bayern, besiegen ließen.

Von den vergangenen 17 DFB-Pokalspielen hat Niko Kovac tatsächlich nur eines verloren, mit Frankfurt unterlag er im Finale der Saison 2016/17 gegen Borussia Dortmund, es war seine bisher einzige Niederlage im DFB-Pokal, seit er in Deutschland Profitrainer ist.

Man muss schon sagen: Schade, dass Uli Hoeneß das nicht gewusst hat.

Hoeneß, 67, hat im Bremer Weserstadion schon viel erlebt, auf dem Höhepunkt der Hoeneß/Daum-Affäre haben die Bremer bei Ansicht des Münchner Managers so getobt, dass beinahe die Weser übergeschwappt wäre. Wilde Zeiten waren das. Was hätte Hoeneß damals wohl gesagt, nach einem 3:2-Sieg seiner Bayern im Pokalhalbfinale? Und nun kam er nach diesem 3:2 also in die Mixed Zone des ehemaligen Feindeslandes, er war erkennbar nicht auf Krawall gebürstet. Das Bremer Publikum sei "fantastisch" gewesen, sagte er.

Ja, es war die Großzügigkeit des Siegers, wobei Hoeneß nebenbei natürlich noch schnell verfügte, dass dieser lustige Elfmeter "absolut berechtigt" gewesen sei. Dennoch stehen Hoeneß' Sanftmutsanfälle stellvertretend für die Debatten- und Gefühlslage in diesem Klub. Gerade geht es nicht gegen Feinde von außen, auch wenn man diese Dortmunder natürlich vollends abschütteln möchte und diese Leipziger zunehmend lästig werden. Aber im Moment beschäftigen sich die Bayern vor allem mit sich selbst - mit dem Ende des Robben/Ribéry-Zyklus', mit dem Umbruch auf einem durchgeknallten Transfermarkt und mit der Frage, welcher Trainer all die teuren Spieler eigentlich trainieren soll.

Sie hätte Hoeneß also wunderbar in sein Argumentationsmuster gepasst, die Statistik von diesem schier unbesiegbaren DFB-Pokaltrainer. Tatsächlich ist Kovac nun der erste Trainer nach dem noch viel unbesiegbareren Otto Rehhagel (1989-91), der es dreimal in Serie ins Pokalfinale geschafft hat. Wirklich schade, dass Hoeneß nicht gerufen hat: Sogar gegen Drochtersen-Assel! Aber die innenpolitische Strategie, die der Präsident zurzeit verfolgt, wurde an diesem Abend auch ohne verschärften Tonfall deutlich genug.

Er verstehe "langsam die Welt nicht mehr", sagte Hoeneß mit einem immerhin minimalen Anflug von Rotköpfigkeit, "jetzt sind wir im Pokal-Endspiel, sind Tabellenführer in der Bundesliga, und dann wird über unseren Trainer diskutiert. Da fehlt mir jegliches Verständnis."

Man weiß es nicht, aber man wüsste es gerne: Ob Hoeneß solche Sätze auch auf der Ehrentribüne sagt, wenn er neben seinem allerbesten Freund und allerliebsten Gegner Kalle "Karl-Heinz" Rummenigge sitzt. Wie Waldorf & Statler in der Muppet-Show-Loge sitzen die beiden da und kommentieren das Geschehen auf der Bühne, und bestimmt bedauern es die Muppets-Macher längst, dass sie keine Mixed Zone in ihre Show reingebaut haben oder zumindest, dass Waldorf & Statler niemals Interviews geben. Was da an dramaturgischem Potenzial verschenkt wird! Potenzial, das die Uli & Kalle-Show seit Jahren verlässlich nutzt: So wuchtig die beiden gemeinsam gegen Feinde von draußen lästern, so wuchtig pflegen sie auf den Klubfluren mitunter ihre eigenen Sichtweisen.

Ligafinale und Pokalendspiel - zweimal geht es gegen RB Leipzig

Es gebe für keinen eine Jobgarantie, hat Rummenigge kürzlich in Richtung des Trainers Kovac gesagt und sehr öffentlich wissen lassen, dass es ja erst aufwärtsgehe, seit das Rotationsprinzip par ordre Uli & Kalle abgeschafft wurde. Und nun also Hoeneß: Er finde, "dass wir seit Weihnachten fantastisch Fußball spielen, bis auf das Rückspiel gegen Liverpool bin ich mit der Mannschaft total zufrieden". Und wenn ein Trainer in seiner ersten Saison beim FC Bayern ins Pokalfinale einziehe und vier Spieltage vor Schluss Tabellenführer sei, "dann hat er gute Arbeit geleistet". Und im Falle eines Double-Gewinns würde er der Saison, trotz des Aus' gegen Liverpool, "eine Eins minus" geben. Bei Rummenigge klang das kürzlich eher nach Drei plus. Also: Drei plus mit Nachhilfe.

Niko Kovac ist der Trainer von Uli Hoeneß, er ist das allein schon deshalb, weil Hoeneß damals gar keine andere Wahl mehr hatte, als Kovac gut zu finden. Er hat so lange an einen Verbleib von Jupp Heynckes geglaubt, bis der schon fast im Auto in seine Heimat saß, andere bayerntaugliche Trainer gab der Markt in diesem Moment nicht mehr her. Schon aus sehr innenpolitischen Hoeneß-Gründen muss Hoeneß den Trainer also schützen. Rummenigge muss das nicht. Er nimmt sich offenbar das Recht heraus, auch mal ein bisschen zu sticheln.

Das Praktische am Fußball ist, dass er sich für fast jede Interpretation hergibt. So darf man dieses 3:2 in Bremen einerseits dem Trainer gutschreiben, der das Spiel straff durchgecoacht und es mit der Einwechslung von Goretzka (bereitete das 2:0 vor) für Gnabry positiv beeinflusst hat. Andererseits werden ihm die Kovac-Skeptiker in Klub und Umfeld wieder den Wechsel Rafinha für Müller vorhalten: in den Augen der Skeptiker ein bayern-unwürdiger Demutstausch, der in das Bild von Kovac als Underdog-Coach passt, der mittelgroße Mannschaften kompakt und konterstark ausrichten kann, aber - siehe Liverpool - keine übergeordnete Offensividee für große Mannschaften wie Bayern besitzt.

Kovac' Arbeitsplatz ist deutlich sicherer geworden durch das 3:2 in Bremen. Aber im Mai spielen die Bayern zweimal innerhalb von zwei Wochen gegen RB Leipzig, am 33. Bundesliga-Spieltag und im Pokalfinale, und man darf gespannt sein, was Uli Waldorf & Kalle Statler in ihrer Loge davon halten.

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Quelle:
SZ vom 26.04.2019
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