Süddeutsche Zeitung

Bastian Schweinsteiger beim DFB:Der Chef ist mürrisch

Lesezeit: 3 min

Beim 3:0 in der WM-Qualifikation in Kasachstan zeigt Bastian Schweinsteiger eine auffallend emsige Leistung. Steht er auf dem Platz, ist er das Zentrum des Spiels. Doch er muss sich weiterhin starker Konkurrenz erwehren - und wird wohl erst in der nächsten Saison wieder für den DFB spielen.

Von Thomas Hummel

Bastian Schweinsteiger hat nun 98 Länderspiele. Das sind ganz schön viele, das haben sonst nur elf Fußballer in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) geschafft. Unter anderem Michael Ballack, der am Freitagabend 4000 Kilometer entfernt betont staatsmännisch im ZDF-Studio das 3:0 in der WM-Qualifikation in Kasachstan analysierte.

Für Michael Ballack war die aktive Karriere in der Nationalmannschaft nach dem 98. Einsatz (es war eine Niederlage in München gegen Argentinien) vorbei. Bei Schweinsteiger sieht es derzeit danach aus, als würden noch eine Menge Partien für den DFB kommen. Erstens ist Kevin-Prince Boateng mit dem AC Mailand schon aus der Champions League ausgeschieden und ohnehin zum Kämpfer für das Gute und gegen Rassismus auf dem Fußballplatz mutiert. Zweitens würde der Bundestrainer einen Schweinsteiger auch nach einer weiteren schweren Verletzung wohl in den Kader zurückholen, anders als damals einen Ballack.

Der Vize-Kapitän vom FC Bayern München zeigte auf dem Kunstrasen in Astana eine auffallend emsige Partie. Wenn Schweinsteiger auf dem Platz steht, verkörpert er das Zentrum des Spiels. Ganz wie beim FC Bayern ließ er sich von den Innenverteidigern den Ball zupassen, um die Spielzüge einzuleiten. Er versuchte, im Mittelfeld der Helfer in allen Lagen zu sein und bei Gelegenheit sprintete er nach vorne in den Raum des Mittelstürmers, der bisweilen freiblieb. Schweinsteiger bereitete die erste Großchance von Mario Götze perfekt vor, erzielte das 1:0, auch wenn Thomas Müller das Tor für sich beanspruchte und Schweinsteiger ihm zugestand: "Letztendlich ist die Hühnerbrust vom Thomas noch im Weg gewesen. Ohne die Berührung wäre der Ball, glaube ich, auch nicht reingegangen." Gönnerhaft fügte Schweinsteiger in Richtung Müller hinzu: "Von mir aus kann er das Tor ruhig haben."

Schweinsteigers Brust hat hingegen nichts gemein mit einem Huhn, dem breitschultrigen Mannsbild aus Oberaudorf mangelt es nicht an körperlicher Präsenz - sie drückt Erfahrung und Führungswille aus. Genau das schätzt Joachim Löw an ihm, auch deshalb hatte der Bundestrainer bei der Europameisterschaft an ihm festgehalten, obwohl Schweinsteiger nach diversen Verletzungen merklich nicht fit gewesen war. Am Ende war das jedoch ein Grund für das Scheitern im Halbfinale.

Darauf angesprochen hatte Schweinsteiger vor dem Spiel in Kasachstan erklärt: "Ich möchte nicht in der Vergangenheit kramen. Für mich persönlich ist es sehr wichtig, gesund zu sein. Ich habe fast vier Monate gefehlt in der vergangenen Saison. Da ist es nicht einfach zurückzukommen, aber mir ist es gut gelungen."

Gleich nach München zurück

Schweinsteiger ist zurück, doch er hat Konkurrenz bekommen. Der Dortmunder Ilkay Gündogan machte im November im Paris eine exzellente Partie, ließ sich von den Innenverteidigern den Ball geben, gab im Mittelfeld den Helfer in allen Lagen und bereitete ein Tor wunderbar vor. In Kasachstan saß der sechs Jahre jüngere Gündogan bis auf die letzten paar Minuten auf der Bank - am Dienstag in Nürnberg beim zweiten Aufeinandertreffen mit Kasachstan wird er aber ziemlich sicher dabei sein. Denn Schweinsteiger sah in Astana seine zweite gelbe Karte im Wettbewerb und muss wieder einmal aussetzen.

Zuletzt hatte der Bayern-Profi schon neun Testspiele in Serie verpasst, entsprechend mürrisch nahm er die Strafe hin. "Es war das einzige Foul im gesamten Spiel von mir", klagte er, "ich war jetzt lange nicht mehr dabei, und jetzt hätte ich gerne noch das Rückspiel gespielt. Jetzt muss ich wieder warten." Sein 99. Einsatz wird nun voraussichtlich erst im August gegen Paraguay kommen, denn auch die Amerika-Reise Ende Mai/Anfang Juni wird er ziemlich sicher verpassen: Kurz zuvor ist das Champions-League-Finale, das DFB-Pokal-Endspiel steigt erst am 1. Juni.

Bundestrainer Löw schickte den gesperrten Schweinsteiger gleich nach Hause, nach der Landung des Charterflugs aus Astana um 5.15 Uhr in der Früh in Nürnberg verließ er die Mannschaft. Dafür nominierte Löw den Dortmunder Sven Bender nach, der eine Grippe überstanden hat. Mit Mario Gomez (Oberschenkelzerrung) sowie den Schalkern Julian Draxler (Verdacht auf Gehirnerschütterung) und Benedikt Höwedes (Muskelverhärtung) drohen weitere Ausfälle für Dienstag.

Mit einem Erfolg am Dienstag könnte der Vorsprung in der Qualifikationsgruppe C weiter anwachsen, Schweden patzte ja schon am Freitagabend beim 0:0 gegen Irland. Die Teilnahme an der WM in Brasilien ist mit diesem erlesenen Kader fest eingeplant, auch wenn dieser Kader einmal ein 4:0 noch herschenkte. 2014 folgt dann der nächste Anlauf auf einen großen Titel für die DFB-Elf und auch für Bastian Schweinsteiger. Wobei der zumindest öffentlich die Luft aus der Debatte herauslassen will. "Ich bin nicht nervös. Wenn ich jetzt keinen großen Titel hole, dann werde ich auch nicht früher sterben."

Wenn es in Brasilien wieder nicht klappt, zieht er seine Karriere vielleicht bis zur WM 2018 in Russland durch, Schweinsteiger wäre dann fast 34 und würde wohl die 150 Länderspiele von Lothar Matthäus erreichen. Wobei ihm selbst dann Platz eins in der ewigen Bestenliste des DFB nicht sicher ist: Der ein Jahr jüngere Lukas Podolski hat seit Freitag bereits 108 Länderspiele auf dem Konto. Und der Spieler von Arsenal London ist weder gesperrt, noch wird er wegen des Champions-League-Finals die Amerika-Reise verpassen.

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